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Kultur

Die wollen nur spielen

Unter Spielern heißen sie Ego-Shooter. Kritiker nennen sie Killerspiele und machen sie verantwortlich, wenn ein verstörter Schüler Amok läuft. Für die Yerli-Brüder sind Ego-Shooter vor allem ein lukratives Geschäft.

Screenshot des Spiels 'Crysis Warhead' (Foto: Crytec)

Wer denkt sich sowas aus?

Brennende Kampffahrzeuge, geduckte Soldaten im Unterholz, ein Helikopter dröhnt in der Ferne. Wir stehen auf einem Schlachtfeld, irgendwo auf einer Tropeninsel und müssen uns verteidigen, mit einer Maschinenpistole. Im Schatten der Bäume tauchen immer mehr Soldaten auf, die sich unaufhaltsam nähern. Jetzt heißt es weglaufen oder schießen. Das ist die virtuelle Welt im Spiel "Crysis Warhead". Wer denkt sich so was aus?

Von der 3D-Welt in die Realität

Der Weg zu den Erfindern dieser Kriegsszenerie führt nach Frankfurt am Main, in die Hanauer Landstraße. Am Ende eines Gewerbeparks steht ein großes, rotes Backsteingebäude. Der Firmensitz von "Crytek", eine Firma mit allein 300 Mitarbeitern in Deutschland. Im zweiten Stock haben die Chefs des Spieleherstellers, Faruk und Avni Yerli, ihre hellen Büroräume, zwei sympathische junge Herren. Wenn die beiden von der Faszination des Spieleentwickelns erzählen, kann man die eigenen Vorbehalte gegenüber Ego-Shootern schnell vergessen.

Faruk, Avni und Cevat Yerli (v.l.n.r.), Gründer der Firma Crytek (Foto: Crytec)

Aus der Zocker-Leidenschaft haben sie ihren Job gemacht

Die Firmengeschichte hört sich an, wie das Drehbuch zu einer amerikanischen Erfolgsstory: Begonnen haben die türkischstämmigen Brüder ihre Reise in die virtuelle Spielewelt Anfang der 90er Jahre. Da hat sie das Computervirus erwischt, erzählt der 40-jährige Avni: "Natürlich waren wir an Technik sehr interessiert, wir haben uns von unseren Eltern einen PC kaufen lassen mit dem Vorwand, wir brauchen das für die Schule. Aber überwiegend haben wir gespielt." Aus der Leidenschaft für Ego-Shooter haben sie dann irgendwann ihren Beruf gemacht, sie entwickeln nun international erfolgreich Computerspiele.

Der Weg dorthin, so verlangt es ein gutes Drehbuch, war steinig und lang. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ging es vor zehn Jahren bergauf. Da hieß es dann learning by doing: Vertragsrecht, Verwaltung und Personalführung waren für den studierten Bauingenieur Avni und den heute 39-jährigen BWL-Absolventen Faruk Fremdworte. Cevat, mit 32 der jüngste des Geschwister-Trios, hatte sich das Programmieren und Designen von 3D-Welten selbst beigebracht. Der gemeinsame Wille, selbstständig und erfolgreich zu arbeiten, war der Schlüssel zum Erfolg; Avni Yerli sieht darin sogar eine Art "türkische Tugend".

Auch Airbus nutzt Killerspiel-Technik

Neben dem Spiele-Entwickeln, sehen sich die Yerli-Brüder mittlerweile aber vor allem als Vorreiter bei der Programmierung von 3D-Technologie. Das ist schließlich der Kern eines jeden Ego-Shooters. Alles soll möglichst real aussehen: wehende Palmen am Strand, ein vorbeifahrendes Schnellboot oder landende Helikopter, die das Gras aufwirbeln. Das allein ist aber nicht die Schwierigkeit. Der Computer muss praktisch nebenbei auch noch auf den Spieler reagieren. Dreht der den Kopf nach rechts, muss der Computer dort blitzschnell eine Landschaft mit Menschen, Autos und Bäumen entstehen lassen.

Screenshot des Spiels 'Crysis Warhead' (Foto: Crytec)

Crysis Warhead ist der derzeitige Kassenschlager der Firma

Und die Gegner müssen auf den Spieler reagieren. Auch das simuliert der Rechner – und zwar, bitte schön, möglichst menschlich. "Künstliche Intelligenz" nennt die Branche das. Und weil diese Technologie nicht nur in der Ego-Shooter-Szene eine Rolle spielt, melden sich seit einiger Zeit ganz neue Kunden bei den Yerli-Brüdern. Die Telekom und der Flugzeugbauer Airbus zum Beispiel sind schon auf Crytek zugekommen, um das technologische Know-How anzuzapfen.

Die Brutalitäts-Debatte

Unter diesen Gesichtspunkten ist die virtuelle Welt von Ego-Shootern ganz sicher faszinierend. Aber es bleibt eben der schale Beigeschmack bei dieser Art von Spielen. Was die mit jungen Leuten machen können oder nicht, ist zwar bis heute nicht wirklich erforscht. Doch was Avni Yerli den Spiele-Kritikern entgegnet, kann auch nicht so recht überzeugen: "Die Leute, die darüber diskutieren, kennen eigentlich den Sachverhalt nicht", sagt er. "Die sprechen zwei Themen an: Einmal Jugend und einmal Ego-Shooter. Und die Ego-Shooter sind von vorneherein eigentlich nicht für Jugendliche gedacht."

Eigentlich. Dass die Spiele bei Jugendlichen aber besonders gefragt sind, zeigen die drei Brüder selbst. Denn auch Avnis Bruder Cevat Yerli hat die ersten Ego-Shooter damals in den 90ern als Teenager ausprobiert.

Autor: Peter Klaiber

Redaktion: Manfred Götzke