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Deutschland

Die Willkommenslernkurve

Vor 60 Jahren begann die Anwerbung von Gastarbeitern für den deutschen Arbeitsmarkt. Angela Merkel bittet die Pioniere der Zuwanderung zum Dank ins Kanzleramt. Eine Steilvorlage für die Flüchtlingsdebatte.

Festakt 60 Jahre Gastarbeiter (Bild: Heiner Kiesel)

Unter dem milden Blick eines Gastarbeiters: Kanzlerin Merkel mit den Gästen im Kanzleramt

Wenn die Kanzlerin, die ja sonst meist gelassen und ruhig dasteht, mit den Händen gestikuliert, dann rasseln die Spiegelreflexkameras der Fotografen. Das Klickern hört gar nicht mehr auf, als Angela Merkel (CDU) im Kanzleramt über die positiven Auswirkungen der massiven Arbeitsmigration spricht, die vor 60 Jahren mit dem

Anwerbeabkommen

zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Italien angeschoben wurde.

Ihre Hände schwingen von links nach rechts und wieder zurück, als sie von den Gastarbeitern spricht, die in Deutschland angekommen und doch in zwei Welten zu Hause sind. 14 Millionen Menschen, die aus Südeuropa und Marokko zum Arbeiten gekommen sind und von denen viele in Deutschland dauerhaft eine neue Heimat gefunden haben.

"Ihr Einfluss hat uns emotionaler und lockerer gemacht", freut sich Merkel. "Sie sind herzlich willkommen." Jene, die an der positiven Seite der Zuwanderung zweifeln, erinnert die CDU-Politikerin daran, dass ohne die Gastarbeiter das deutsche Wirtschaftswunder wohl nicht möglich gewesen sei. "Ein herzliches Dankeschön für das, was sie für unser Land geleistet haben."

Lernen aus der Vergangenheit

Merkels enthusiastische Botschaft heute: Da hat etwas geklappt, was viele skeptisch gesehen haben. Jetzt, wo so viel von einer "Flüchtlingskrise" die Rede ist, und auch viele, wenn nicht die meisten aus der CDU gegen den

Willkommenskurs

der Kanzlerin murren.

Merkel verweist auf die Vergangenheit. Auch bei den Gastarbeitern wollten sich die Deutschen nur zögerlich an den Gedanken gewöhnen, dass diese nicht allesamt wieder gehen würden. Die Zugewanderten wurden zunächst in ihren Bedürfnissen ignoriert, später in ihrer Existenz bedroht.

Erst in den letzten zehn, zwanzig Jahren habe die Politik mit Integrationskursen und neuen Gesetzen dem tatsächlich Rechnung getragen. "Wir sind jetzt 60 Jahre weiter!", sagt Merkel überzeugt.

Späte Anerkennung

In Rente: Der ehemalige Gastarbeiter Donato Pollice (Bild: Heiner Kiesel)

Beeindruckende Vita: Donato Pollice kam 1960 aus Italien nach Baden-Württemberg

Es wird geklatscht, bei vielen der Zuhörer leuchten die Augen. Die Kanzlerin hat bei ihrer Rede einen klaren Heimvorteil. Viele der 150 Gäste im Kanzleramt sind Migranten, oder deren Kinder und sogar einige ihrer Urenkel. Sie fühlen sich ernst genommen und gewürdigt, hier in der Zentrale der Regierungsmacht.

In der ersten Reihe sitzt der 95-jährige Donato Pollice, der 1960 aus Verona nach Baden-Baden kam, um dort in einem Steinbruch zu arbeiten. Wenn er von seiner Anwerbung und Musterung erzählt, fühlt man sich an antike Sklavenmärkte erinnert. Jetzt ist er hier, zusammen mit seinem Sohn und seinem Enkel, und die Kanzlerin lobt ihn. Dafür, dass er und die anderen damals allein, ohne große staatliche Hilfen ihren Weg gefunden haben. "Das war eine riesige Leistung!", betont Merkel.

Die Integrationsbeauftrage der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), ist ebenfalls überzeugt davon, dass Deutschland seine Lektion gelernt habe. "Wir wissen heute zumindest, was wir nicht ganz richtig gemacht haben." Es sei eines der größten Versäumnisse der

Nachkriegsgeschichte

, dass nicht auf Sprach- und Integrationskurse gesetzt worden wäre, führt Özoğuz aus.

Die Gastarbeiter bezeichnete die Integrationsbeauftragte als "selbstverständlichen Teil der deutschen Gesellschaft". Und der sei durchaus prägend für die Bundesrepublik, 16,5 Millionen Menschen hierzulande hätten einen Migrationshintergrund.

Nachträgliche Romantik

Griechische Gastarbeiter im Ruhrgebiet

Eine Szene aus dem Jahr 1960: Griechische Gastarbeiter im Ruhrgebiet

Bemerkenswert ist bei der Veranstaltung mit Merkel und Özoguz auch, dass der Begriff "Gastarbeiter" scheinbar eine Renaissance erlebt. Bis vor wenigen Jahren war er im politischen Diskurs durchaus verpönt. Inzwischen schwingt bei dem Begriff so etwas wie Romantik mit.

Das unterstreicht die Choreographie des Festaktes zum 60. Jahrestag des ersten Anwerbeabkommens: Ein Film bringt Zeitzeugen auf die Leinwand, die von den Schwierigkeiten der ersten Jahre berichten, von den steifen Deutschen, die es nicht mochten, wenn es laut wurde. Die alten Nachrichtenbeiträge in schwarz-weiß von den Gastarbeiter-Barackensiedlungen mit süßen Kindern.

Wahrscheinlich hofften alle im Raum, dass Deutschland seine Lektion tatsächlich gelernt hat und es nicht wieder sechs Jahrzehnte mit der Integration dauert wird. Von den fast 800 Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte allein in diesem Jahr wurde heute nicht gesprochen.

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