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Asien

"Die Wikileaks-Dokumente bieten wenig Neues"

Ist der Afghanistan-Einsatz des Westens gescheitert? DW-WORLD.DE spricht darüber mit Conrad Schetter vom Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung.

Conrad Schetter

Conrad Schetter

DW-WORLD.DE: Herr Schetter, die geheimen Dokumente, die vor wenigen Tagen auf der Internet-Seite des Portals Wikileaks veröffentlicht wurden, werden von einigen als ein Beweis dafür gesehen, dass die Internationale Gemeinschaft in Afghanistan gescheitert ist. Andere wiederum sagen, die Dokumente würden nicht viel Neues zeigen. Was meinen Sie?

Conrad Schetter: Also zunächst einmal hat man es hier mit über 90.000 Dokumenten zu tun. Es wird also noch viel Zeit vergehen, bis alles durchgesehen ist. Das heißt, man kann erst in einigen Monaten abschätzen, was hier wirklich an neuen Inhalten zu vermelden ist. Nach einer kurzen, stichprobenhaften Durchsicht - die ich vorgenommen habe - muss ich sagen, dass ich doch eher enttäuscht war. Es gibt bis jetzt nicht viele neue Nachrichten oder Informationen, die diejenigen, die sich mit Afghanistan beschäftigen, nicht ohnehin schon wussten. Vielleicht wird die Fülle an Details noch etwas mehr ans Licht bringen. Aber insgesamt von etwas ganz Neuem zu sprechen, das halte ich für abwegig.

Kann man vom Scheitern der Mission in Afghanistan sprechen?

Ich denke, dass vielleicht diejenigen von einem Scheitern der Mission in Afghanistan sprechen, die sich mit dem Afghanistan-Konflikt in den letzten Jahren wenig beschäftigt haben. Was die Dokumente an sich zeigen, ist eigentlich, dass wir es hier mit sehr vielen gewaltsamen, kriegerischen Handlungen zu tun haben, die im ganzen Land geschehen. Das sind Fakten, vor denen bisher wohl viele Menschen die Augen verschlossen haben. Aber denjenigen, die sich mit der Intervention beschäftigt haben, sind diese Fakten schon lange klar. Deshalb würde ich hier auch nicht von einem Scheitern der Mission reden. Ich sehe die Dokumente vielmehr als Zeugnis dafür an, dass wir in Afghanistan eben einen Krieg haben.

Die Dokumente zeigen auch auf, dass der Krieg in Afghanistan bei weitem opferreicher und schlimmer ist, als wir bisher hier wahrgenommen haben. Bedeutet das auf der anderen Seite auch, dass die vor kurzem in Kabul beschlossene NATO-Strategie - Rückzug in vier Jahren - eigentlich unrealistisch ist?

Die Frage ist, was man eigentlich erreichen will. Hier bietet sich der Vergleich mit den 80er Jahren an, als die Sowjets ihren Abzug vorbereitet haben. Auch ihnen ist es damals innerhalb von wenigen Monaten gelungen, ihre Truppen aus Afghanistan zurückzuziehen. Das heißt, theoretisch kann sich auch die NATO schnell aus dem Land zurückziehen. Die Frage ist, was dann bleibt...

Ja, aber als sich die Sowjets damals zurückgezogen hatten, gab es in der Folge Bürgerkrieg, Warlords und dann die Taliban.

Richtig. Ich denke, hier muss man einfach bedenken: Ein Rückzug der NATO ist auch eine Frage des Preises. Auch das konnte man Ende der 80er Jahre gut beobachten: Das Nadjibullah-Regime konnte sich so lange an der Macht halten, wie Moskau nach wie vor das Kabuler Regime zementiert hatte. Ich glaube, in diese Richtung denken gegenwärtig auch die Amerikaner und die anderen NATO-Staaten. Sie planen, die - zugegebenerweise korrupte - Regierung in Kabul mit Finanzspritzen vollzupumpen, so dass sie sich irgendwie an der Macht halten kann. Dass das funktioniert - das weiß man. Also glaube ich nicht, dass Afghanistan wieder in einen völligen Bürgerkrieg versinken wird. Zumindest nicht, solange entsprechende Gelder fließen - es ist immer eine Frage des Preises.

Conrad Schetter ist Afghanistan-Experte beim Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung

Das Gespräch führte Ratbil Shamel.
Redaktion: Esther Broders

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