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Wirtschaft

Die Wiedergeburt der russischen Luftfahrt

Unsicher, unwirtschaftlich, veraltet: Die russische Luftfahrt erlebte seit dem Ende der Sowjetunion einen beispiellosen Niedergang. Nun soll alles anders werden: Auf der ILA präsentiert sich Russland im Aufwind.

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Neuer Stolz: Mig 29M-OVT

Fast klingt es, als ob die Luft zerreißen würde: Es ist dieses besondere Donnern, dass bei der Internationalen Luftfahrtausstellung ILA in Berlin jedes Mal die Besucher aus den Ausstellungshallen ins Freie drängen lässt, um sich ein Spektakel der besonderen Art anzuschauen: die tägliche Vorführung des MIG 29M-OVT. Fachleute können wortreich erklären, warum die neu entwickelte Schubvektorsteuerung das Kampfflugzeug so unglaublich manövrierbar macht, beim Zuschauen staunen sie aber genauso wie der Laie. Die knallbunt in den russischen Nationalfarben lackierte Maschine fliegt, wie man es kaum für möglich hält – und symbolisiert laut und eindrucksvoll die Botschaft, die von der ILA ausgehen soll: Die Krise der russischen Luftfahrt ist vorüber.

Boeing nicht dabei

Russland ist Gastland der ILA, die seit dem 15. Mai auf dem Ausstellungsgelände des Berliner Flughafens Schönefeld stattfindet. Eine Fachmesse im Aufwind: Erstmals sind mehr als 1000 Aussteller vor Ort. Sie kommen aus 42 Ländern. Ein Branchen-Riese ist traditionell nicht dabei: Boeing war auf der ILA noch nie vertreten.

Bildgalerie ILA in Berlin 2006 Airbus A380

A380 beim Flugprogramm auf der ILA

Vor dem heutigen (19.5.) Beginn der Publikumstage rechnete der veranstaltende Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) mit einem neuen Rekord von 230.000 Besuchern. Viele von ihnen werden kommen, um den Airbus 380 zu sehen, das größte Passagierflugzeug der Welt, den buchstäblich ganz großen Star der ILA, der täglich in geringer Höhe seine Runden über Berlin dreht.

Insgesamt sind mehr als 340 Flugzeuge um die Ausstellungshallen verteilt, vom Oldtimer bis zum Ultraleichtflugzeug, vom schweren amerikanischen Bomber, bis zum russischen Löschflugzeug. Den ausgestellten Iljuschins und Tupolews sieht man nicht unbedingt an, dass die Krise des russischen Flugzeugbaus der Vergangenheit angehören soll. "Was derzeit fliegt, ist nicht konkurrenzfähig – zumindest auf dem zivilen Sektor", sagt Matthias Gründer von der Fachzeitschrift Flug Revue. "Es gibt in Russland traditionell hervorragende Ingenieure. Die würden gerne moderne Flugzeuge bauen, aber das ist natürlich immer eine Frage der Finanzierung."

Ziel: Weltkonzern

Viele Jahre wurde der Flugzeugbau, einst Stolz der Sowjetunion, durch protektionistische Maßnahmen der Regierung geschützt – und verloren im Zivil-Bereich international Anschluss. Doch jetzt soll alles anders werden: Präsident Wladimir Putin nahm die Konsolidierung der russischen Luftfahrtindustrie selbst in die Hand und griff im Februar diesen Jahres mit bewährter Methode ein. Er verordnete die Gründung der Staatsholding United Aviation Corporation (UAC). Sie ist eine Mega-Fusion der führenden russischen Flugzeugbauer MiG, Suchoi, Tupolew, Iljuschin, Kamow und Mil. Optimistische Ziele wurden gleicht mitverordnet: Mittelfristig soll ein Weltkonzern in der Liga von Boeing und Airbus entstehen. Bis zum Jahr 2015 sollen dafür rund 16 Milliarden Euro investiert werden. Zehn Prozent des Marktes für Passagiermaschinen und 15 bis 20 Prozent bei der Luftfracht sind angepeilt.

Steht also ein Ende des Duopols Boeing-Airbus bei den großen Passagiermaschinen bevor? EADS/Airbus sieht die selbstbewussten Ziele nicht als Kampfansage – im Gegenteil. Man setzt auf Kooperation. Die russische Holding sei eine Chance, sagt Unternehmenssprecher Michael Hauger auf der ILA: "Mit Russland werden wir in Zukunft enger zusammenarbeiten, als wir das bereits heute tun." Airbus hält zehn Prozent des russischen Flugzeugsbauers Irkut und unterzeichnete auf der ILA unter den Augen von Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) eine Vereinbarung mit MiG und eben Irkut, dass ab 2011 den Umbau der Airbus-Modelle A320 und A321 zu Frachtflugzeugen vorsieht. Umfang: 900 Millionen.

Kooperation statt Konfrontation

Zudem ist auch eine Beteiligung russischer Firmen an Entwicklung und Produktion der Airbus-Flugzeug-Palette in der Diskussion. Schon heute beschäftigt Airbus einen ganzen Stab russischer Ingenieure. "Die Zusammenarbeit russischer und westeuropäischer Flugzeugbauer ist endgültig keine Einbahnstraße mehr", sagte der russische ILA-Delegationsleiter Chef der Föderalen Industrieagentur (Rosprom), Boris Aljoschin.

BdT Bildgalerie ILA in Berlin 2006 MIG 29

MIG-29M-OVT bei der Flugvorführung in Berlin

Das große Interesse von Airbus an Russland erklärt sich schon aus der Größe des Marktes und seinen Perspektiven. "Was dort momentan fliegt, ist total veraltet", sagt der Experte Gründer. Man rechnet momentan damit, dass in den nächsten zehn Jahren 2000 Flugzeuge aller Größen durch neue Muster ersetzt werden müssen.

Ein erster Aeroflot-Auftrag im Umfang von mehr als drei Milliarden Euro bis zum Jahre 2010 macht den Anfang. Marktanalysten waren sich zunächst sicher, dass Boeing den Zuschlag bekommen würde. Nach der Gründung von UAC und der Reaktion von Airbus ist man sich nicht mehr so sicher.

Vielleicht sollte Boeing es sich noch einmal überlegen, ob es nicht doch sinnvoll wäre, bei der nächsten ILA 2008 dabei zu sein.

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