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Kultur

Die Widersprüche der rechten Frauen

Regisseur David Wnendt hat für sein Debüt das Thema gewählt, das in Deutschland gerade wieder aktuell ist: rechte Gewalt. Er nähert sich ihm über die Frauen der Szene. Im DW-Interview spricht er über seine Motive.

Junge Frauen laufen beim Demonstrationszug am 19.2.2001 durch Hamburg an der Spitze (Foto: dpa)

Die "Kriegerin" heißt Marisa, ist Anfang 20 und radikal in der rechtsextremen Szene aktiv. Sie verteidigt ihre Ansichten nicht weniger gewalttätig als die Männer ihrer rechten Clique. Dann überfährt sie mit ihrem Auto zwei Asylanten. Eine folgenreiche Tat, die ihr Leben ein Stück weit verändert. Die Dreharbeiten zu "Kriegerin" fanden 2010 statt, als rechte Gewalt in Deutschland zwar vorhanden, aber kein besonders aktuelles Medienthema war. Kurz bevor der Film am 19.01.2012 in die Kinos kommt, hat sich das geändert. Jörg Taszmann hat David Wnendt getroffen und mit ihm über seine Recherchen und die Produktion des Films gesprochen.

DW-WORLD.DE: "Kriegerin" ist ein relativ undogmatischer Film, er erklärt nicht alles und man erfährt nicht bei jeder Biographie, warum die Figuren so geworden sind, wie sie sind. Dadurch kann man als Zuschauer mitdenken. Wie kam das bei den Förderern und Produzenten an - ist man Ihrer Vision gefolgt oder war es schwer, einen deutschen Verleiher für den Kinostart zu finden?

Regisseur David Wnendt mit einem Nachwuchs-Award in der Hand (Foto: dpa)

David Wnendt

David Wnendt: Dadurch, dass es ein Fernsehproduktion ist und auch noch ein Debütfilm, hatten wir andere Möglichkeiten: Es war einfach nicht so viel Geld im Spiel und das eröffnet Freiräume. Wir haben uns mit dem Redakteur darauf geeinigt, einen Film zu machen, der nicht vordergründig pädagogisch ist. Trotzdem war es nicht so einfach einen Verleih zu finden. Das liegt nicht an der Art und Weise wie der Film gemacht ist, sondern daran, dass das Thema die Menschen einfach nicht per se in die Kinos zieht. Es ist ein schwieriges Thema, von dem viele nichts hören wollen. Außerdem ist es ein kleiner Film ohne Starbesetzung. All das macht eine Entscheidung für einen Verleih schwierig.

Warum haben Sie sich dem Thema Rechtsradikalismus über die Frauen genähert?

Ich fand diesen Aspekt besonders interessant, weil es bis dahin noch keinen solchen Film gab, der Frauen in den Fokus gestellt hatte. Meine Recherchen haben außerdem ergeben, dass es einfach immer mehr Frauen in dieser Szene gibt, die auch immer aktiver auf allen Ebenen mitmachen und durchaus gewalttätig sind. Das fand ich spannend, weil diese Frauen ja mit gewissen Widersprüchen leben. In der rechten Ideologie wird der Frau eigentlich kaum eine Entwicklungsmöglichkeit zugestanden. Ihnen wird der Platz am Herd oder der Platz als Mutter zugewiesen, aber nicht diese aktive, rebellische Rolle, die viele Frauen der Szene tatsächlich heute leben.

Sie haben viele junge Frauen interviewt, die sich in der Neonazi-Szene bewegen, sie haben sie auch in ihrem Alltag gefilmt. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Ich habe sehr viel recherchiert und sechs sehr intensive Gespräche geführt, teilweise stundenlange Interviews. Diese jungen Frauen waren sehr unterschiedlich, aber es gab auch viele Gemeinsamkeiten. Die direkte Kriegsgeneration der Großväter und Urgroßväter spielte für sie zum Beispiel immer noch eine große Rolle, das kam in diesen Gesprächen immer wieder zum Vorschein. Eine junge Frau erzählte mir, dass es zwischen ihren Eltern immer Konflikte und Streit gegeben habe und dass sie immer sehr viel gearbeitet hätten. Nur zu ihrem Urgroßvater habe sie ein ganz herzliches Verhältnis gehabt. Ihm gegenüber habe sie immer ehrlich sein können, konnte ihm alles sagen und auch er sei ihr gegenüber sehr offen gewesen. Und dann sagt diese wichtige Bezugsperson zu dem Mädchen: "Pass mal auf, ich war in Kriegsgefangenschaft, ich habe das Dritte Reich erlebt, und ich glaube nicht alles, was die über den Holocaust erzählen, das war alles gar nicht so schlimm damals, die Zeit war sogar viel besser." Die junge Frau meinte, sie habe lieber ihrem Urgroßvater geglaubt als den Lehrern in der Schule.

Dass die Handlung in Ostdeutschland spielt, ist im Film nicht so direkt ersichtlich. Woran liegt das?

Vielleicht daran, dass ich verhindern wollte, dass man einen Ort erkennt. Ich wollte vermeiden, dass man das Thema an einer bestimmten Stadt festmacht. Ich bin aber davon ausgegangen, dass die Landschaft, die man im Film sieht, typisch für den Osten Deutschlands ist. Deshalb habe ich es nicht für nötig gehalten im Film irgendwo einzublenden: "Ostdeutschland 2010".

Die Themen Rechtsradikalismus und rechter Terror sind gerade wieder sehr aktuell in Deutschland und präsent in den Medien – haben Sie indirekt davon "profitiert", steht man Ihrem Film jetzt vielleicht offener gegenüber?

Ob der Film davon an den Kinokassen profitieren wird, kann man nicht vorhersagen. Es kann genauso gut sein, dass die Leute zum Kinostart im Januar genug von dem Thema haben und keiner den Film sehen möchte. Aber die Agentur, die meinen Film betreut, hat mir berichtet, dass sie auf offenere Ohren stößt, und dass auch Redaktionen Interesse daran haben darüber zu berichten, die vorher gesagt haben: "Das Thema brauchen wir nicht." Gewisse Türen haben sich also schon geöffnet, dadurch, dass das Thema momentan in den Medien wieder aktuell ist.

Das Gespräch führte Jörg Taszmann

Redaktion: Marlis Schaum

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