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Wirtschaft

Die Weste muss weiß bleiben

Wird er's oder nicht? Jean-Claude Trichet, Präsident der französischen Zentralbank, soll Präsident der Europäischen Zentralbank werden. Vorher muss er allerdings ein Gerichtsurteil abwarten.

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Im Glanz des Euro: Auf Jean-Claude Trichet lasten viele Vorwürfe

Der Staatsanwaltschaft zufolge vertuschte die damals staatliche Bank Crédit Lyonnais für 1991, 1992 und das erste Halbjahr 1993 Milliardenverluste. Trichet hat die Vorwürfe vor Gericht bestritten und erklärt, das von ihm geleitete Schatzamt habe angesichts der Risiken schon früh Alarm geschlagen. Die Staatsanwaltschaft beantragte für den früheren CL-Chef Jean-Yves Haberer eine Bewährungsstrafe von mindestens anderthalb Jahren. Trichets Vorgänger als Gouverneur der Bank von Frankreich, Jacques de Larosière, soll nach dem Willen der Anklagevertretung zu einer mindestens zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt werden.

Das Kreditinstitut war vor allem durch seine Rolle beim Kauf der MGM-Studios und durch Immobiliengeschäfte in schwere finanzielle Schlagseite geraten. Doch noch für 1991 wies Crédit Lyonnais einen Gewinn aus, für die beiden Folgejahre insgesamt einen Verlust von nur 1,3 Milliarden Euro. Laut einem neuen Gutachten hätte die Bank allein für 1992 zusätzlich noch einmal die gleiche Summe abschreiben müssen. Die Sanierung des mittlerweile privatisierten
Kreditinstituts kostete den französischen Steuerzahler insgesamt fast 15 Milliarden Euro.

Komplizierte Rechtssache

Der Fall gilt als äußerst verwickelt. Denn schon über Jahre hatte der frühere CL-Chef, Haberer, die Bank herabgewirtschaftet. Der CL stieg in Branchen ein, von denen er nichts verstand, und verlieh Hunderte Millionen an Bankrotteure wie Bernard Tapie. Erst als im Jahre 1992 die Verluste explodierten, wurde Paris wach. Schließlich steuerte und kontrollierte die Regierung mit Hilfe des CL die Finanzierung ihrer vielen Staatsbetriebe.

Trichet soll seinerzeit als Chef des Pariser Schatzamtes beide Augen zugedrückt haben, als die Bankspitze faule Bilanzen vorlegte und gleichzeitig ein gesundes Unternehmen vortäuschte. Getrickst wurde etwa, indem die Rückstellungen für Risiken bei Auslandsinvestitionen niedriger bewertet wurden, laut Gesetz legal, sagte die Bank.

Teurer Sanierungsskandal

Im April 2000 nahm die Staatsanwalt die Ermittlungen gegen Trichet auf. Der Haupttäter ist er freilich nicht, doch wird ihm soviel Aufmerksamkeit zuteil, weil er sich um ein europäisches Spitzenamt bewirbt. Trichet bestreitet die Vorwürfe und schwieg bisher beharrlich in der Öffentlichkeit.

Der klassische französische Karrierebeamte will zwar Zweifel an der Strategie der Bankführung gehabt haben, aber keinerlei Zweifel an der Ehrlichkeit ihrer Bilanzen. Zehn Monate Haft auf Bewährung drohen dem Präsidenten der Banque de France – peinlich und sicher nicht EZB-tauglich. Deren Chef Wim Duisenberg folgt sich darum für eine Übergangszeit erst einmal selber im Amt, obwohl der 68-jährige Niederländer am 9. Juli 2003 in den Ruhestand gehen wollte.

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