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Kultur

Die Werkstatt im Wannsee-Schloss

Es ist ein Ort der Literatur, der beseelt ist von seinem Gründer - und unzähligen Schriftstellern aus aller Welt: Seit nunmehr 40 Jahren wird im Literarischen Colloquium Berlin geschrieben, gelesen und gestritten.

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Eine, die auch hier las: Ingeborg Bachmann

Eine wichtige kulturelle Institution der Nachkriegszeit in Deutschland feiert 40. Geburtstag. Doch zugleich heißt es Abschied nehmen von einem der Gründer. Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Walter Höllerer, Ehrenvorsitzender und "spiritus rector" des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB), starb am 20. Mai 2003 im Alter von 80 Jahren. Den kleinen Festakt zum Jubiläum hat er noch erlebt.

Aus der Taufe gehoben wurde das LCB am 16. Mai 1963, gegründet aber bereits 1961: Direkt nach dem Mauerbau ging es Höllerer und seinen Mitstreitern darum, West-Berlin vor der kulturellen Verödung zu bewahren - und die deutsche Literatur vor dem Verlust ihrer Weltoffenheit. Beides ist diesem Ort der Begegnung, von Autoren untereinander ebenso wie mit ihren Lesern und Zuhörern, über all die Jahre mehr als gelungen. Gefeiert wird das Jubiläum deshalb auch wie geplant: Die Veranstaltungen "stellen exemplarisch unsere Arbeit im LCB vor", erklärt Ulrich Janetzki, seit 16 Jahren Leiter der Kulturinstitution.

Engagement für Nachwuchstalente

Sein Zuhause half dem Literarischen Colloquium dabei, ein Hort des Schönen, Guten und Kontroversen zu werden: Malerisch auf einer Düne am Wannsee steht die 1885 erbaute Dichter-Villa - die Carl Zuckmayer bei einem Aufenthalt 1924 mit ihren Türmen, Erkern und Zinnen allerdings an eine "imitierte Ritterburg" erinnerte. Das ehemalige "Casino-Hotel" im Süden Berlins beherbergt bis heute die internationalen Gäste und Stipendiaten des LCB. Peter Rühmkorf, Hubert Fichte und Tom Stoppard haben in den 1960er-Jahren hier geschrieben. Für Lesungen waren, um nur einige zu nennen, John Steinbeck, John Dos Passos, Friedrich Dürrenmatt, Umberto Eco, Pavel Kohout, Cees Noteboom oder Toni Morrison zu Gast.

Hervorheben möchte auch Janetzki niemanden: "Wir profitieren von jedem Gast. Aus diesem Grund laden wir sie ja schließlich ein." Dem LCB haftet deshalb trotz vieler großer Namen nichts Elitäres an. Und hier beschränkt sich Literatur auch nicht auf Lesungen oder Symposien. Dass man das Handwerk des Schreibens erlernen kann und erproben muss, spiegelt sich im wohl bekanntesten Programm des LCB wider, der Autorenwerkstatt Prosa. Judith Hermann hat hier zuerst aus ihrem "Sommerhaus, später" vorgelesen. Nicht nur die vielen Preise für ehemalige Stipendiaten bestätigen das beständige Engagement des LCB für deutschsprachige Nachwuchstalente.

Viel Raum für Auseinandersetzung

Zu einer neuen Autorengeneration gehörten auch die frühen Mitstreiter des LCB: Die legendäre Gruppe 47 um Hans Werner Richter, Ingeborg Bachmann, Günter Grass und Uwe Johnson tagte als erste im neuen Vereins-Domizil. Walter Höllerer gehörte zur gleichen Generation. Selbst Autor, wollte er aber vor allem das literarische Leben fördern. 1954 gründete Höllerer die Literaturzeitschrift "Akzente" mit und 1961 die Vierteljahreszeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter". Der Treffpunkt für Autoren, den er mit dem LCB geschaffen hat, war deshalb auch oft Schauplatz leidenschaftlicher kulturpolitischer Streitgespräche.

Unter Höllerer als Leiter erlebte das LCB seine erste Hochzeit. Die Aktivitäten beschränkten sich dabei nicht auf Literatur; Filmemacher gastierten hier und das Living Theatre aus New York. Seit Mitte der 1980er-Jahre führt Ulrich Janetzki die Geschäfte im Sinne Höllerers fort. Der "mischte sich insofern nicht ein, war aber stets konstruktiv interessiert", beschreibt Janetzki die Zusammenarbeit. Nun ist Höllerers Erbe endgültig auf ihn übergegangen. Und bislang konnte Janetzki auch alle Steine, die dem LCB, etwa durch die Finanznot der Stadt Berlin, in den Weg gelegt wurden, wegräumen. Doch ohne Sponsoren könne man heute nicht mehr existieren, bedauert der Leiter des LCB; der "Trend zum Event" drohe auch ihnen: "Gerade deshalb setzen wir auf Nachhaltigkeit." Auch nach dem Tod Walter Höllerers ist "dieses Haus von ihm beseelt", so Ulrich Janetzki: "Das wird noch für das nächste Jahrhundert reichen."

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