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Globale Zusammenarbeit

Die Weltmacht China und der Hunger

Erst in den letzten 30 Jahren ist es China gelungen, den Hunger zu besiegen. Nun bedrohen neue Probleme die Versorgung des Landes - und treiben China ins Geschäft mit Ackerflächen in Entwicklungsländern.

Ein chinesischer Bauer hält ausgetrocknete Erde in den Händen.

China trägt selbst zum Klimawandel bei – und leidet vermehrt unter Dürren

"Am Anfang habe ich die heraushängenden Zungen noch in den Mund zurückgeschoben und ihnen Watte unter die Backen gestopft", sagt der Leichenschminker. "Aber später haben wir dann auf nichts mehr Rücksicht genommen. Wenn man sich einredete, das sei nichts weiter als ein Bündel Brennstroh nach dem anderen, dann ging es." Im Interviewband "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" des kürzlich nach Deutschland geflüchteten chinesischen Schriftstellers Liao Yiwu schildert der Mann, wie die Mitarbeiter eines Krematoriums Anfang der sechziger Jahre Überschichten einlegen mussten, um die zahllosen Leichen der Verhungerten zu verbrennen.

Noch heute können sich die meisten älteren Chinesen genau an eine der größten Hungerkatastrophen der Menschheitsgeschichte erinnern. Die Not war menschengemacht. Der "große Sprung nach vorn" sollte China innerhalb von wenigen Jahren an die Seite der großen Industrienationen katapultieren. Stattdessen führten die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Konzentration der Arbeitskraft auf irrwitzige Projekte wie die massenweise Stahl-Schmelze in kleinen Hinterhof-Hochöfen zu gigantischen Ernteausfällen. Mehr als 20 Millionen Chinesen verhungerten.

Jedes Jahr eine Hungersnot

Mao Tse-tung 1966 zu Beginn von Chinas Kulturrevolution (Foto: AP)

Initiierte den „Großen Sprung nach vorn“ und damit den Hungertod von Millionen: Mao Tse-Tung

Dabei gehörte Hunger auch ohne politische Experimente über Jahrhunderte zu den Grunderfahrungen der Chinesen. In seinem Buch "China: Land of Famine" von 1927 zieht Walter H. Mallory eine düstere Bilanz der letzten 2000 Jahre: Zwischen 108 vor Christus und 1911 habe es nicht weniger als 1828 Hungersnöte gegeben, schreibt Mallory. "Fast jedes Jahr eine in manchen Provinzen." Landknappheit und Überbevölkerung sind seit Jahrhunderten eines der größten Probleme des Landes. China besteht nur zu fünfzehn Prozent aus fruchtbaren Flächen. Regelmäßig treten außerdem Dürreperioden und Überschwemmungskatastrophen auf.

Trotz dieser Voraussetzungen hat China in den letzten Jahrzehnten den Hunger weitgehend beseitigt. Als Anfang der achtziger Jahre wirtschaftliche Reformen die Planwirtschaft ersetzten, waren die Bauern die ersten, denen erlaubt wurde, auf eigene Rechnung zu wirtschaften. Jahrzehntelang waren Grundnahrungsmittel nur auf staatliche Lebensmittelmarken ausgegeben worden. Nun entstanden plötzlich überall Bauernmärkte, auf denen die Chinesen problemlos Getreide, Gemüse und Fleisch kaufen konnten. Zwischen 1978 und 1984 stieg die Getreideproduktion um ein Drittel. Konnte China in den Jahrzehnten zuvor seine Bevölkerung nur knapp ernähren, wurde es nun sogar zum Lebensmittel-Exporteur.

Blau leuchtendes Schweinefleisch

Eine Labormitarbeiterin bereitet Milchproben für die Untersuchung durch (Foto: AP)

Nahrung gibt es heute genug – aber manchmal ist sie vergiftet: Milchskandal 2008

Heute ernährt China mit weniger als zehn Prozent der weltweiten Ackerfläche 20 Prozent der Weltbevölkerung. Dass das gelingt, liegt vor allem am massenhaften Einsatz von Kunstdünger. Etwa ein Drittel der weltweiten Düngemittelproduktion landet auf chinesischen Äckern, ebenso verbreitet ist der Einsatz von Pestiziden, die von den Bauern oft sorglos eingesetzt werden. Der Preis für diesen Fortschritt ist, dass sich inzwischen mehr Chinesen vor Lebensmittelvergiftungen fürchten als vor Hunger. Denn nicht nur auf den Feldern, auch in der Lebensmittelverarbeitung werden chemische Zusätze häufig unkontrolliert eingesetzt. 2008 erkrankten im bisher größten Lebensmittelskandal Chinas mehr als 300.000 Säuglinge durch verunreinigtes Milchpulver, sechs Kleinkinder starben.

Mitunter nehmen die Lebensmittelskandale geradezu groteske Formen an. Im April dieses Jahres beschwerten sich chinesische Konsumenten über Schweinefleisch, das nachts blau leuchtete. Und wenig später berichtete das chinesische Fernsehen von Wassermelonen, die auf den Feldern explodierten. Die Bauern hatten sie zuvor mit wachstumsfördernden Chemikalien behandelt. "Wir schämen uns", sagte der chinesische Vizepremier Wang Qishan im März dieses Jahres in seltener Offenheit. "Die Menschen haben gerade erst genug zu essen und jetzt haben wir diese Probleme mit der Lebensmittelsicherheit. Das ist sehr blamabel für uns."

Doch die Versorgungssicherheit bereitet der chinesischen Regierung trotz der Erfolge der vergangenen Jahrzehnte nach wie vor Kopfzerbrechen. Industrialisierung, Städtewachstum und Umweltverschmutzung lassen die Ackerflächen wieder schrumpfen. Die Zahl der für die Landwirtschaft verfügbaren Flächen liegt nach letzten Berechnungen nur knapp über den 120 Millionen Hektar, die die Regierung als notwendig für die Selbstversorgung ansieht.

"Land Grabbing"

Dabei ist der Anspruch, den gesamten Lebensmittelbedarf des Landes aus eigenem Anbau zu decken, eher von symbolischer Bedeutung. China verfügt über die größten Devisenreserven der Welt und könnte den Bedarf an Lebensmitteln problemlos durch Importe decken. Dennoch ist es ein erklärtes Ziel der Regierung, die Lebensmittelversorgung aus eigener Kraft sicherzustellen. Den sinkenden Anbauflächen im eigenen Land will Peking deshalb auch begegnen, indem es chinesische Firmen ermuntert, Land in anderen Ländern zu kaufen oder zu pachten.

China ist neben den Golfstaaten und Indien eines der Länder, die wegen des sogenannten "Land Grabbings" besonders in der Kritik stehen – der Landnahme durch große Konzerne zu Lasten der Kleinbauern in Entwicklungsländern. Dadurch, sagen die Kritiker, verschärfe sich die Armut der dortigen Landbevölkerung. Auch die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika führen manche Experten auf massenweise Landverkäufe der äthiopischen und kenianischen Regierungen an internationale Konzerne zurück. "Lebensmittel nur für den Export zu erzeugen, kann für große soziale Spannungen sorgen", wurde etwa im Juli der deutsche Afrika-Beauftragte Günter Nooke mit Bezug auf China zitiert. Wenig später ruderte er in einem Interview allerdings zurück. Neue Untersuchungen zeigten, dass China am Horn von Afrika weit weniger Land gekauft habe als angenommen. "Die äthiopische Regierung hat vor allem an internationale Investoren wie Fonds verkauft – also auch an Europäer."

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Matthias von Hein