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Wirtschaft

Die Weltkennzeichen AG

Wie man mit Kfz-Kennzeichen die Welt erobert, zeigt die Utsch AG. Der Mittelständler hat sich zum Weltmarktführer für Kraftfahrzeug-Kennzeichen und Prägeautomaten gemausert. Der jüngste Großauftrag kommt aus dem Irak.

Verschiedene internationale KfZ-Kennzeichen (Foto: DW)

Autoschildersammlung in der Firmenzentrale in Siegen

Manfred Utsch (Foto: DW)

Aufsichtsratsvorsitzender Manfred Utsch

"Schilderkönig" oder "Mister Kennzeichen" - Journalisten haben schon viele Namen für den 73-jährigen, weißhaarigen Manfred Utsch gefunden. Doch auf Schmeicheleien und Ehrentitel legt der Unternehmer zweiter Generation keinen Wert. Schließlich stammt er aus dem Siegerland, einer ehemaligen Bergbauregion, in der die Menschen nicht als besonders überschwänglich gelten, sondern vor allem für eins bekannt sind: Sturheit und Sparsamkeit. Nein, wer dem heutigen Aufsichtsrats-Vorsitzenden der Utsch AG wirklich ein Kompliment machen möchte, der solle seinem Unternehmen einen großen Auftrag erteilen, verrät der energiegeladene Seniorchef mit einem Augenzwinkern.

Zulassungssystem "Made in Germany" für den Irak

Schilderrohlinge für den Irak (Foto: DW)

Schilderrohlinge für den Irak

So gesehen hat der Irak dem Unternehmer gerade ein ganz besonders großes Kompliment gemacht: Das irakische Innenministerium beauftragte den Weltmarkführer für Kennzeichen-Herstellungstechnik, das komplette Zulassungssystem für Kraftfahrzeuge im Irak neu aufzubauen. Mehr als 20 neue Präge- und Zulassungsstellen sollen so in allen Landesteilen technisch ausgestattet werden.

Von der Registrierung bis zur Zulassung von Fahrzeugen, alles soll aus einer Hand kommen. Dazu liefert das Siegener Werk dem neuen Großkunden einmalig eine Million Schilderrohlinge an das irakische Innenministerium, Folgeaufträge sind wahrscheinlich. Und selbst bei der Ausgabe der neuen, chipbasierten Führerscheinkarten unterstützt der "heimliche Weltmeister" die irakische Verkehrspolizei. Das Auftragsvolumen beziffert sich auf 8,5 Millionen Euro.

Langjährige Beziehungen zum Nahen und Mittleren Osten

Kein Vergleich mit Utschs Anfängen im Irak. Seine erste Bestellung zog der Handlungsreisende für gute Schilder dort bereits 1969 an Land. Auch damals lieferte seine junge, vom Vater übernommene Firma Prägemaschinen und Rohlinge nach Bagdad. Das Auftragsvolumen lag seinerzeit noch bei bescheidenen 30.000 DM, also rund 15.300 Euro. Doch das war nicht sein einziger Verkaufserfolg im Nahen und Mittleren Osten: Mit einem Koffer voller Kennzeichen reiste der junge Geschäftsmann außerdem noch nach Katar, Kuwait, Saudi-Arabien und in den Libanon.

"Ich habe schon damals festgestellt, dass die Deutschen eine gewisse Präferenz genießen, bekannt sind für ihre pünktliche und fleißige Art", sagt Utsch rückblickend. Fleiß und Durchhaltevermögen bedurfte es aber auch, um unter schwierigsten politischen Bedingungen die jüngste Ausschreibung im Irak zu gewinnen: Der Vertragsunterzeichnung 2008 gingen fünf Jahre harter Verhandlungen voraus, anfänglich sogar noch unter amerikanischer Regie. Erst dann konnte der Wiederaufbau beginnen.

Fälschungssichere Nummernschilder

Überzeugt haben dürfte die irakischen Geschäftspartner vor allem die Innovationskultur, die Manfred Utsch in seinem Unternehmen verankert hat. "Mir war immer klar, dass wir entwickeln und forschen müssen, das hatte ich immer im Kopf." Erst dadurch würden in einem Unternehmen nachhaltige Werte geschaffen. Kein Wunder, dass auch der Aufbau der Zulassungsstellen im Irak dem letzten technischen Stand entsprechen muss, um von Utsch abgesegnet zu werden.

Helmut Jungbluth (Foto: DW)

Vorstandsvorsitzender Helmut Jungbluth

So wird die fehlende Kommunikationsinfrastruktur im Irak einfach dadurch ausgeglichen, dass die Zulassungsstellen ihre Daten via Satellit an die Zentrale in Bagdad übermitteln. Und auch bei den Fahrzeugkennzeichen selbst prägt die Utsch AG zahlreiche Sicherheitsmerkmale ein, "so dass es fast unmöglich wird, die Kennzeichen zu fälschen", sagt Helmut Jungbluth. Er lenkt als Vorstandsvorsitzender das operative Geschäft.

Mit einem Schilderrohling für die Arabische Republik Ägypten in der Hand, erklärt Jungbluth, wie aus einem einfachen Aluminiumrechteck ein Hightech-Produkt wird. Zunächst, und dabei fährt er über die blau-weiße Schildoberfläche, wird eine hauchdünne, reflektierende Folie auf das neue Kennzeichen aufgetragen - maximal ein Zehntelmillimeter dick. Dann wird je nach Wunsch der örtlichen Behörden ein Mix aus Hologrammen und farbigen Landeswappen eingeprägt. Rund 80 Schilder pro Minute entstehen so in den modernen Prägeautomaten. Auf die Frage, ob sich die derzeitigen Sicherheitsstandards noch verbessern lassen, antwortet der technikbegeisterte Manfred Utsch: "Da kann ich keine Vision haben, denn ich kann das eigentlich gar nicht verbessern wollen."

Mit Zuverlässigkeit den Ruf verteidigen

"Wir treffen natürlich immer wieder auf lokale Hersteller von Autokennzeichen, aber so global wie wir dieses Geschäft betreiben, macht das keine zweite Firma", sagt Helmut Jungbluth, dem zwar das Kennzeichen-Geschäft nicht in die Wiege gelegt wurde, der in über 30 Arbeitsjahren aber eine echte Passion für die rechteckigen Aluminiumschilder entwickelt hat. Dass die Utsch AG in der Tat weltweit eine Ausnahmeerscheinung ist, habe das Unternehmen paradoxerweise zuerst im Inland bewiesen, erinnert sich Jungbluth. "Der große Durchbruch für uns war die deutsche Wiedervereinigung, als von heute auf morgen mit einem riesigen logistischen Aufwand 500 neue Prägestellen in Deutschland eingerichtet werden mussten."

Lange Wand mit Schildern für die Arabische Welt (Foto: DW)

Von Siegen aus in die ganze Welt

Heute ist die Firma durch Tochterunternehmen, Joint Ventures und Projekte in mehr als 120 Ländern aktiv. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete der 500-Mitarbeiter-Betrieb weltweit einen Umsatz von rund 200 Millionen Euro. Ein Blick in die Siegener Werkshalle genügt, um ein Gefühl für das weltumspannende Geschäftsnetz zu bekommen: Auf vier Produktionslinien werden Nummernschilder in Millionen-Stückzahl produziert, vorne beispielsweise für Saudi-Arabien, Ägypten und Afghanistan, hinten für die Schweiz, Schweden oder Dänemark.

70 Prozent der in Siegen produzierten Nummernschilder und Prägeautomaten gehen in den Export. Viele der Kisten in den Irak sind schon versandt, die Prägeautomaten sind ebenfalls bereits ausgeflogen. Und selbst die Schulungen für die Mitarbeiter des irakischen Innenministeriums wurden allesamt bereits erfolgreich in der Siegener Firmenzentrale abgehalten. Die Voraussetzungen sind also gut, dass die 20 neuen Zulassungsstellen im Irak bis Jahresende tatsächlich ihren Betrieb voll aufnehmen können. Wann allerdings alle Fahrzeuge im Irak Nummernschilder "Made in Germany" fahren werden, wagen weder Manfred Utsch noch Helmut Jungbluth zu prognostizieren. "Da würde ich jetzt mal 'In-schala' sagen - das kann also schon noch einige Zeit dauern", fügt der Vorstandsvorsitzende hinzu.

Autor: Richard A. Fuchs

Redaktion: Julia Elvers-Guyot

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