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Alltagsdeutsch – Podcast

Die Welt zu Gast im Café

Kaffeetrinken ist anregend und verbindet. Früher traf man sich in Kaffeehäusern zum Kaffeeklatsch, heutzutage in Cafés. In Deutschland beeinflusst die italienische Lebenskultur zunehmend den Kaffeegenuss.

Zitat: Thomas Mann "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"

"Ich oblag dem Schlafe zu jener Zeit fast im Übermaß, meistens bis zum Mittagstische, oft noch bedeutend darüber hinaus und verließ Pension Loreley erst zu vorgerückter Nachmittagsstunde, um vier oder fünf Uhr, wenn das vornehmere Leben der Stadt auf seine Höhe kam, die reiche Frauenwelt in ihren Karossen zu Besuchen und Einkäufen unterwegs war, die Kaffeehäuser sich füllten, die Geschäftsauslagen sich prächtig zu erleuchten begannen. Dann also ging ich aus und begab mich in die innere Stadt."

Sprecherin:

Ein Ausschnitt aus Thomas Manns Roman "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Die Lebensgeschichte des Helden beginnt im Rheinland, wo sein Vater eine Sektkellerei besitzt und Felix Krull eine sorgenfreie Kindheit verlebt. Schon im frühen Alter lernt der Junge das bürgerliche Leben kennen, in dem Empfänge und Abendessen eine große Rolle spielen und vergnügt sich daran, nachmittags in der Stadt herumzuschlendern, luxuriöse Schaufenstervitrinen zu betrachten und Damen beim Plaudern in den Kaffeehäusern zu belauschen. Selten verbrachten Damen der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft so viel Zeit in Kaffeehäusern wie im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Auch heute noch verabredet man sich in einem Café, um Neuigkeiten auszutauschen, weiß der Kaffee-Kenner Frank Kessel:

Frank Kessel:

"Was dem Kaffee weiterhin anhaftet, ist die Kommunikation. Ob sie nun als Kaffeeklatsch an einem Tisch im Tantenstil bedient wird, oder ob man das Ganze an einem Stehtisch in einer schönen Atmosphäre – und über gewisse News des Tages spricht – und das als einen Zeitgeist einfach pflegt, aber eine feste Kultur mittlerweile auch hat. Und Kaffeeklatsch bedient das eine sowohl auch das andere: also die Tanten und auch den Geschäftsmann."

Sprecher:

Das Verb klatschen im Sinne von leichterem Schlagen ist eine Wortbildung, die Geräusche nachahmt. Es ist erst seit dem Neuhochdeutschen bekannt. Auch die Bedeutungsvariante schwatzen, das heißt gern und viel, zumeist über andere Leute reden, überträgt keinen ursprünglich bildlichen Wortsinn, sondern ahmt ebenfalls den Klang solchen Redens akustisch nach. Die Vorliebe, auf unangenehme Weise Persönliches über andere zu verbreiten, weist die Sprache vornehmlich Frauen zu, spricht sie doch von Klatschweibern oder Klatschbasen. Aber auch Männer können Klatschmäuler sein. Man darf sogar einen Mann Klatschweib nennen. Frauen treffen sich zum nachmittäglichen Kaffeeklatsch. Tun sie das besonders gern und häufig, werden sie zu Kaffeetanten. Erzählt jemand bei solchen Treffen statt Neuigkeiten alte dumme Geschichten, so ist das kalter Kaffee, also etwas, das niemanden interessiert.

Sprecherin:

Noch immer trinkt man den Kaffee gerne in Gemeinschaft. Aber der Alltag ist hektischer geworden. Auf die geringe Zeit ihrer Kunden haben sich viele Kaffeehäuser inzwischen eingestellt. Frank Kessel ist mit seinem Espresso-Studio diesem Trend gefolgt und bietet Kaffee nur noch an Stehtischen an. Nichts soll hier an die frühere deutsche Biederkeit beim Kaffeetrinken erinnern.

Sprecherin:

Besonders beliebt sind zurzeit italienische Kaffeesorten. Im Gegensatz zum deutschen Bohnenkaffee assoziieren die Deutschen mit Capuccino und Espresso mediterrane Lebenskultur. Die Sehnsucht nach dem letzten Urlaub in Italien oder nach einem anderen Land am Mittelmeer wird daheim häufig in Form eines italienisch zubereiteten Kaffees gestillt.

Frank Kessel:

"Ich denke, das geht durch alle Schichten, weil jeder mal nach Italien fährt und unweigerlich mit dem Thema Espresso konfrontiert wird und ihn auch dort genießen darf, und ich freue mich täglich an der Kundschaft, die einfach so bunt gemischt ist. Ob es vom Arbeiter bis zum Geschäftsmann und zum Mediziner und dergleichen, die alle Spaß an diesem heißen, aromatischen Getränk finden. Also ich denke nicht, dass das schickimicki ist, sondern dass jedermann einfach Spaß daran gefunden hat. Es ist nicht ausschließlich einer bestimmten Schicht zuzuordnen."

Sprecher:

Das Wort schick ist semantisch wie historisch interessant. Entstanden ist es im 14. Jahrhundert im Niederdeutschen und bezeichnete neben dem heute noch gebräuchlichen Adjektiv schicklich eine positive moralische Qualität. Der französische Begriff chic stammt aus diesem deutschen Wort und wurde im 19. Jahrhundert ins Deutsche rückentlehnt mit der neuen französischen Bedeutung modisch, elegant. Das neudeutsche Wort Schickeria, das mit negativer Bedeutung die in Mode und Lebensstil tonangebende Gesellschaftsschicht bezeichnet, stammt aus dem Italienischen und meint Eleganz, Schick. Die umgangssprachliche Wortschöpfung schickimicki ist eine Verballhornisierung, die durch die Häufung des Vokals "i" ein übertriebenes gestelztes Verhalten akustisch nachahmen und damit kritisieren will. Das Wort schickimicki lässt sich mit nahezu jedem Substantiv kombinieren, beispielsweise zur Schickimicki-Gesellschaft oder zum Schickimicki-Gehabe; einfach alles kann schickimicki sein. Wenn das Wort im 19. Jahrhundert auch noch nicht gebräuchlich war, so kann man über Felix Krull doch sagen, dass er sich zur Schickeria zugehörig fühlt, als er sich für ein paar Tage in Paris aufhält:

Zitat: Thomas Mann "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"

"Wohlgesättigt beschloss ich, vor einem Café des 'Boulevard des Italiens' zu sitzen und den Verkehr zu genießen. So tat ich. In der Nähe eines wärmenden Kohlebeckens nahm ich an einem Tischchen Platz, trank rauchend meinen Double und blickte abwechselnd in den bunten und lärmenden Zug des Lebens dort vor mir und hinab auf den einen meiner bildhübschen neuen Knöpfstiefel, den ich bei übergeschlagenem Bein in der Luft wippen ließ."

Sprecherin:

Inzwischen gibt es immer mehr Cafés, die das schwarze Getränk zu etwas Besonderem adeln, es auszeichnen wollen. So findet man in immer mehr Buchhandlungen oder auch hochwertigen Boutiquen ein kleines Café. In Bonn gibt es zum Beispiel die "Libresso-Bar", die sich mitten in einer größeren Buchhandlung befindet. Allein der Name spielt auf die Umgebung des Cafés an, erklärt Marcel Römisch.

Marcel Römisch:

"Das kommt von liber, das Buch, und Espresso, und in diesem Zusammenhang heißt das Café in der Buchhandlung 'Libresso-Bar'. Das, denk ich mal, ist auch ganz passend. Da unser Schwerpunkt im Kaffeebereich auch auf Espresso-Kaffee liegt und der hier auch am besten geht, dachten wir, da passt dann am besten der Name zu. Ist nicht allein auf unserem Mist gewachsen, da hat uns die Werbeabteilung geholfen."

Sprecher:

Ist etwas nicht auf eigenem Mist gewachsen, ist es kein geistiges Eigentum, sondern zeigt fremden Einfluss. Das redensartliche Bild geht aus von einem Bauern, der niemals fremden Dünger zu kaufen brauchte, sondern alles auf eigenem Mist wachsen ließ. Bei Goethe heißt es:

"Diese Worte sind nicht alle in Sachsen

Noch auf meinem eigenen Mist gewachsen,

doch was für Samen die Fremde bringt,

Erzog ich im Lande gut gedüngt."

Sprecherin:

Redet man Mist, so redet man Unsinn. Baut man Mist, so vollbringt man eine sehr schlechte Leistung oder begeht eine schlimme Tat. Heiratet jemand über den Mist, heiratet er in die Nachbarschaft ein. Diese Redensart ist in ländlichen Gebieten gebräuchlich, wo sich der Misthaufen noch vor dem Haus befindet. Ein Sprichwort sagt: Heirat übern Mist, dann weißt, wo du bist.

Sprecherin:

Im Straßencafé hinter einem Buch oder einer Zeitung versteckt, dem Treiben der Leute zuschauen. Die Pariser Cafés des 19. Jahrhunderts faszinierten Felix Krull, weil sie ihm die Welt ins Kaffeehaus brachten:

Zitat: Thomas Mann "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"

"Was braucht ein Pariser in die Welt zu gehen? Sie kommt ja zu ihm. Wenn ich um die Zeit des Theaterschlusses auf der Terrasse des 'Café de Madrid' sitze, so habe ich sie bequem zur Hand und vor Augen."

Sprecherin:

Seit dem 16. Jahrhundert hält die Begeisterung für das heiße schwarze Getränk nun schon an. Kaffee soll außerordentlich klare Wirkungen im Kopf hervorbringen; Denkprozesse laufen schneller ab, der Geist wird wacher, das Kombinations- und Reaktionsvermögen nimmt zu. Neben dem besonderen Geschmack sind diese Wirkungen wohl der Grund dafür, dass der Kaffee mehr als eine bloße Modeerscheinung, eine Modewelle ist, sondern kulturprägend auf die bürgerliche Gesellschaft gewirkt hat. Aber, nach wie vor, hütet die Kaffeebohne ihre letzten Geheimnisse – denn noch immer ist die Zusammensetzung aus Hunderten von ätherischen Substanzen nicht restlos erkannt.

Fragen zum Text

Ein Kaffeeklatsch ist …

1. eine Prügelei in einem Café.

2. eine Fliegenfalle für Cafés.

3. ein Gespräch in geselliger Runde.

Ist etwas sprichwörtlich auf dem eigenen Mist gewachsen, dann …

1. hatte jemand eine Idee.

2. ist etwas auf einem Misthaufen gewachsen.

3. hat jemand eine schlechte Tat begangen.

Der Double, den Felix Krull trinkt, ist ein …

1. Kaffee mit Milch.

2. ein doppelter Espresso.

3. ein Mokka.

Arbeitsauftrag

Informieren Sie sich über die Wiener Kaffeehaus-Kultur. Schreiben Sie einen Bericht über deren Entstehung und die Besonderheiten. Präsentieren Sie Ihren Bericht vor der Gruppe.

Autorin: Antje Allroggen

Redaktion: Beatrice Warken

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