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Wissen & Umwelt

Die Welt zu Gast beim Klimasünder

Der Golfstaat Katar stößt weltweit mit am meisten CO2 pro Kopf aus. Außerdem verdient er am Export fossiler Brennstoffe wie Öl und Gas. Dennoch richtet Katar die diesjährige Weltklimakonferenz aus.

"Katar möchte Hauptstadt des Radfahrens werden", "Solarenergie treibt das Kongresszentrum an" – wenn man Artikel wie diese liest, bekommt man den Eindruck, Katar stehe an der Spitze einer Umweltbewegung in der Golf-Region. Allerdings sind die Artikel mit etwas Vorsicht zu genießen: Sie finden sich auf der Website, mit der sich Katar als Gastgeber der Weltklimakonferenz in Doha (26.11.- 07.12.2012) präsentiert.

"Umweltschutz spielt in der katarischen Politik überhaupt keine Rolle", meint Guido Steinberg, Nahostexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Darin ist er sich einig mit Wael Hmaidan, Direktor von Climate Action Network, eines im Libanon beheimateten Dachverbands internationaler Umweltorganisationen. "Der Klimawandel war nicht auf der politischen Agenda", meint Hmaidan, "bis sich Katar entschlossen hat, die diesjährige Klimakonferenz ausrichten zu wollen."

Vorsitz turnusgemäß bei asiatischer Gruppe

Die Rolle des Gastgebers der Klimakonferenz wird Jahr um Jahr an eine andere von fünf inoffiziellen Gruppen der Vereinten Nationen vergeben: die afrikanische, die asiatisch-pazifische, die osteuropäische, die lateinamerikanische oder die westeuropäische Gruppe.

Nach dem südafrikanischen Durban im vergangenen Jahr war nun entsprechend Asien an der Reihe, den Vorsitz zu übernehmen. In den Verhandlungen konnte sich Katar gegen Südkorea durchsetzen, das zum Ausgleich einige Treffen zur Vorbereitung der diesjährigen Klimakonferenz ausgerichtet hat.

Klimaanlagen statt Klimaschutz

Prädestiniert für die Rolle des Gastgebers einer Klimakonferenz scheint Katar nicht. Der Golfstaat gehört zu den Ländern, die weltweit die höchsten CO2-Emissionen pro Kopf ausstoßen. Kein Wunder, wird es doch im Sommer bis zu 50 Grad Celsius heiß.

"Es ist ein sehr hartes Klima, in dem alles klimatisiert und gekühlt wird", erklärt Hmaidan im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Das Land ist sehr schnell sehr reich geworden, und der Lebenswandel ist - was den Energieverbrauch angeht - äußerst ineffizient." Mangels öffentlichen Nahverkehrs nutzen die meisten eigene Autos. Nichtregierungsorganisationen, die nach westlichem Verständnis die Regierung zu stärkerem Umweltschutz drängten, sind kaum vorhanden.

Gas-Bohrinsel vor Katar im Persischen Golf. Copyright: picture alliance/Jay Tuck

Der Erdgasproduktion hat Katar seinen Reichtum zu verdanken

Katar hatte im vergangenen Jahr – nach Luxemburg und Norwegen – der Weltbank zufolge das dritthöchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt; die Wirtschaft ist in 2011 um rund 19 Prozent gewachsen. Seinen Reichtum hat der Golfstaat den Öl- und vor allem den Erdgasvorkommen zu verdanken. Neben Iran und Russland verfügt Katar über die größten Erdgasreserven und ist einer der größten Produzenten des fossilen Brennstoffs.

Geringe Glaubwürdigkeit

Guido Steinberg bezeichnet die Wahl des Konferenzortes daher als "problematisch". Damit ist er nicht allein. "Am Anfang, als die Entscheidung zu Katar fiel, gab es zwei Sichtweisen darauf", sagt Sven Harmeling von der Umweltorganisation Germanwatch der DW. "Entweder fand man es schlecht, weil man Angst hat, dass ein Ölstaat die Verhandlungen an die Wand fährt, oder gut, weil man glaubt, dass es wirklich zu Veränderungen in der Region beiträgt."

Umweltaktivisten finden, dass Katar seine Glaubwürdigkeit als Vorsitzender der Klimakonferenz deutlich erhöhen könnte, wenn es sich verpflichten würde, seine CO2-Emissionen um eine bestimmte Menge zu reduzieren. Bislang hat Katar allerdings keine solchen Zusagen gemacht. Auf vergangenen Klimakonferenzen sei das Land auch nicht mit hohen politischen Beamten vertreten gewesen und habe keine eigenen Positionen entwickelt, sagt Hmaidan. 

Gastgeber um jeden Preis

Guido Steinberg, Stiftung Wissenschaft und Politik (copyright: DW/Birgit Görtz)

Nahost-Experte Steinberg meint, Katar wolle sich international profilieren

Das Interesse Katars daran, die Klimakonferenz auszurichten, dürfte nur zu geringen Teilen auf das Thema zurückzuführen sein. In den letzten Jahren hat sich das Land vielfach erfolgreich darum bemüht, internationale Konferenzen und Ereignisse auszurichten – das prominenteste Beispiel ist die Fußball-Weltmeisterschaft 2022.

Das sei alles kein Selbstzweck, meint Guido Steinberg. "Katar ist ein sehr, sehr kleiner Staat, der von seinen Nachbarn immer mal wieder bedroht wird. Die Kataris haben Angst vor Iran, mit dem sie ein riesiges Gasfeld teilen, sie haben aber auch Sorge, dass die Saudis sich das Territorium mal wieder einverleiben könnten." Dass Katar all diese Veranstaltungen ins Land hole, diene vor allem dem Zweck, weltweit Interesse am eigenen Staat und dessen Fortbestand zu wecken.

Interesse am Gelingen der Konferenz

Deshalb hoffen Umweltaktivisten darauf, dass Katar die Verhandlungen erfolgreich führen wird. "Katar möchte sich ja als wichtiger Akteur in der Weltpolitik profilieren und dafür muss es diese Klimakonferenz erfolgreich über die Bühne bringen", meint Wael Hmaidan.

Wael Hmaidan, Direktor von Climate Action Network (CAN) International (Foto: CAN International)

Umweltaktivist Wael Hmaidan ist überzeugt, dass Katar die Konferenz erfolgreich leiten möchte

Im Übrigen habe das Land als Erdgas-Exporteur auch durchaus ein wirtschaftliches Interesse an stärkerem Klimaschutz. "Wenn andere Länder beschließen, ihre CO2-Emissionen schnell zu reduzieren und nicht sofort genügend erneuerbare Energien bereitstehen", meint Hmaidan, "dann wird erst einmal weniger Kohle und mehr Erdgas nachgefragt werden, weil Erdgas 40 Prozent weniger Emissionen verursacht als Kohle und von den fossilen Brennstoffen immer noch der sauberste ist."

Er könnte recht haben: In einer kürzlich veröffentlichten Studie zu den Trends auf den Weltenergiemärkten sagt die Internationale Energieagentur (IEA) voraus, dass in den nächsten rund 20 Jahren Erdgas der einzige fossile Brennstoff sein wird, nach dem die Nachfrage steigt.

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