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Kultur

Die Welt aufgeblättert

Ob auf dem Sofa, Balkon oder in der U-Bahn, überall wird hierzulande gelesen. Doch leider oft das Gleiche. Neben deutscher Literatur dominieren Übersetzungen aus dem Englischen. Wo bleibt da die literarische Vielfalt?

Logo zum internationalen Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt

Seit 2009 vergibt das Berliner Haus der Kulturen der Welt den Internationalen Literaturpreis. Ziel ist es, Autoren aus weniger bekannten Ländern auf dem deutschen Buchmarkt zu etablieren, und die Arbeit von literarischen Übersetzern zu würdigen.

Nein, nicht noch ein Literaturpreis, noch eine Auszeichnung. Wie oft hat Susanne Stemmler vom Haus der Kulturen der Welt diesen Satz schon gehört. Die 43-Jährige rollt immer noch mit den Augen, wenn sie von den ersten Reaktionen erzählt. Die promovierte Romanistin hat vor drei Jahren den Internationalen Literaturpreis aus der Taufe gehoben. Mit der finanziellen Unterstützung eines Hamburger Privatiers und seiner Stiftung.

Literarische Vielfalt

Susanne Stemmler vom Haus der Kulturen der Welt (Foto: Aygül Cizmecioglu

Susanne Stemmler

"Wir wollten die Vielstimmigkeit der Weltliteratur deutschen Lesern näher bringen", erklärt Susanne Stemmler. Und dazu gehören eben nicht nur Bestseller aus den USA oder England, sondern auch Bücher aus Indien, China oder aus Lateinamerika.

Seit zwei Jahren wird nun der Internationale Literaturpreis vergeben. Der erste Gewinner hieß Daniel Alarcón. In seinem ausgezeichneten Debütroman "Lost City Radio" beschrieb der gebürtige Peruaner auf eindrückliche Weise einen totalitären Spitzelstaat ohne Namen. Aufständische verschwinden plötzlich. Aus Freunden, Nachbarn werden Denunzianten, Mitläufer.

Globale Projektionsfläche

Daniel Alarcón (Foto: Sheila Alvarado)

Daniel Alarcón

"Leider gibt es sehr viele Länder mit solch einer Geschichte", sagt der 34-Jährige mit einem nachdenklichen Unterton. Deswegen hätten Menschen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Erde, sich in seinem Buch wieder gefunden. "Zum Beispiel las man das Buch in Chile als eine Parabel auf das Pinochet-Regime. In Spanien als Spiegel der Franco-Diktatur. Und in Deutschland zog man sofort Analogien zum Nationalsozialismus", erinnert er sich.

Daniel Alarcón erzählte in seinem Roman von den Schattenseiten politischer Willkür und lieferte damit eine globale Projektionsfläche - jenseits von Länder- und Kulturgrenzen. Er selbst wurde in Peru geboren und emigrierte als Kind mit seinen Eltern in die USA. "Ich empfinde dieses Dazwischensein als einen wahnsinnig spannenden Ort", so Alarcón. Man könne eine Kultur gleichzeitig von innen und von außen betrachten und nähme nichts für selbstverständlich.

Literatur ohne Wohnsitz

Genau diesen Blick zwischen Kulturen und Sprachen will der Internationale Literaturpreis fördern. Auch die Gewinnerin des letzten Jahres, Marie N'Diaye war eine literarische Grenzgängerin. Eine Französin mit senegalesischen Wurzeln, die inzwischen in Deutschland lebt. "Doch mit der so genannten 'Migrationsliteratur' der ersten Auswanderergeneration haben diese Autoren überhaupt nichts zu tun", weiß Susanne Stemmler.

Für sie liegt etwas Globales, Allumfassendes in ihren Geschichten. "Autoren wie Alarcón oder N'Diaye wollen überhaupt nicht, das man sie auf ihre Herkunft festlegt", erklärt sie. "Sie schreiben Literatur in Bewegung, ohne festen Wohnsitz."

Raus aus dem Schatten

Friederike Meltendorf (Foto: Aygül-Cizmecioglu)

Friederike Meltendorf

Eine weitere Besonderheit des Internationalen Literaturpreises ist es, nicht nur den Autor, sondern auch seinen Übersetzer zu würdigen. Jene Menschen, die den Originaltext erst im Deutschen zum Leuchten bringen und normalerweise im Hintergrund bleiben.

Eine von ihnen ist Friederike Meltendorf. Eine junge Frau mit langen, braunen Haaren, die in ihrem Hamburger Büro, akribisch Seite für Seite Literatur aus dem Russischen und Englischen übersetzt. Auch Daniel Alarcón hat sie ins Deutsche übertragen und bekam- zusammen mit ihm - 2009 dafür den internationalen Literaturpreis. Selbstbewusst bezeichnet sie sich als eine Art "Chamäleon", das sich perfekt an den jeweiligen Stil des Autors anpassen kann.

"Je besser das Original ist, desto besser wird die Übersetzung". Die Kunst sei es, möglichst nah am Text zu bleiben und gleichzeitig eine gut lesbare deutsche Version zu schaffen, "Im Idealfall gelingt einem ein flüssiger deutscher Text, der den Leser trotzdem an das Original erinnert und immer noch ein bisschen Fremdheit in sich birgt", fasst Friederike Meltendorf ihren Job zusammen.

Erfolgreich - auch finanziell?

Dass ihre monatelange, oft schlecht bezahlte Arbeit mit solch einem Preis ins Rampenlicht rückt, freut sie. Doch die Auszeichnung war nicht unbedingt ein Sprungbrett für weitere Übersetzungsaufträge. Auch Daniel Alarcóns Bücher verkaufen sich seitdem nicht wesentlich besser.

Der Internationale Literaturpreis beschert keine Traumauflagen wie etwa der Deutsche Buchpreis. "Noch nicht", erklärt Susanne Stemmler und lächelt. Manche Dinge bräuchten Zeit, um ihren Zauber zu entfalten - Bücher genauso, wie Preise.

Autorin: Aygül Cizmecioglu

Redaktion: Conny Paul

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