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Olympische Spiele 1972

Die Welt an das Olympia-Attentat erinnern

45 Jahre haben Hinterbliebene des Anschlags von 1972 gekämpft - für ein Museum, gegen den Widerstand der deutschen Behörden. Jetzt wird es eingeweiht. Für Ankie Spitzer, Witwe eines der israelischen Sportler, ein Erfolg.

Deutschland München - Attentat Olympia '72: Der Ort der Geisel-Festsetzung (picture-alliance/dpa)

Ankie Spitzer, Witwe des Fechttrainers kurz nach dem Attentat in dem Zimmer, in dem palästinensische Terroristen neun israelische Sportler festhielten und misshandelten

München im September 1972. Die Olympischen Spiele sind in vollem Gange. Mehr als 7000 Athleten aus aller Welt sind angereist. Darunter auch ein Team aus Israel.

Am 5. September, knapp eine Woche vor dem Ende der Spiele, stürmen militante Palästinenser die Wohnungen der israelischen Sportler. Sie nehmen elf Athleten als Geiseln. Mit diesem Überfall wollen sie mehr als 200 palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen freipressen. 

Zwei der Sportler sterben gleich bei dem Angriff, die anderen neun kommen bei der missglückten Befreiungsaktion deutscher Behörden ums Leben, darunter auch den Trainer der Fechtmannschaft, André Spitzer. Seine Frau Ankie hatte ihn zunächst nach München begleitet, fuhr dann aber zu ihren Eltern in die Niederlande, die sich während Olympia um die kleine Tochter der Spitzers kümmerten.

Nach dem Attentat kämpfte Ankie Spitzer jahrzehntelang gemeinsam mit anderen Angehörigen um eine Gedenkstätte für die Opfer. Nun wurde die, 45 Jahre nach dem Überfall, in München eingeweiht. Tania Krämer hat Ankie Spitzer in Israel zum Interview getroffen. 

München 1972 Ankie Spitzer (Privat)

Ankie Spitzer, Witwe eines der getöteten Athleten, erkämpfte die Gedenkstätte für die Opfer des Olympia-Attentats

Deutsche Welle: Es hat fast 45 Jahre gedauert bis die deutschen Behörden diese Gedenkstätte errichtet haben. Wie geht es Ihnen damit heute?

Ankie Spitzer: Wir wollten einen Ort haben, der die Welt daran erinnert, was im Olympischen Dorf passiert ist. Schon 1978 hatte Ilana Romano (die Witwe des getöteten Gewichthebers Yossi Romano) den damaligen Außenminister Hans Dietrich Genscher gefragt, ob man in dem Haus, in dem das ganze passiert ist, ein kleines Museum einrichten könne. Damals hieß es, das ginge nicht, weil es Privatbesitz sei. Es ging viele Jahre lang hin und her. Erst seit fünf Jahren gibt es Fortschritte.

Die jetzige bayrische Regierung ist sehr hilfreich und wir haben gemeinsam mit dem Projektteam an einem Konzept für das Museum gearbeitet: Wir wollten, dass die Geschichte darin gezeigt wird, die Lebensbiografien. Es soll ein Ort auch für junge Leute sein, mehr darüber zu erfahren.

Die Eröffnung bereitet mir gemischte Gefühle: Einerseits bin ich dankbar, dass es nun endlich eröffnet wird. Andererseits ist es auch ein trauriger Moment für uns, weil wir daran denken, was hier passiert ist.

Sie haben sich seit Jahren, gemeinsam mit anderen Angehörigen, dafür eingesetzt, einen permanenten Gedenkort zu schaffen, und zwar dort, wo die Geiselnahme damals stattfand. Warum hat das Ihrer Meinung nach so lange gedauert?

Man hätte meinen können, es sei das einfachste und normalste was man tun kann. Aber dem war nicht so. Nach München 1972 hatten wir es mit offiziellen Vertretern zu tun, die kein Interesse daran hatten. Mir kam es wie Antisemitismus vor. Aber heute hat eine andere Generation das Sagen, in Deutschland, in Bayern. Sie tragen nicht mehr die Last der Geschichte der Nazi-Zeit mit sich. Und sie haben verstanden, warum es so wichtig ist, dies zu tun.

München 1972 Andre Spitzer (Privat)

André Spitzer, Fechttrainer der israelischen Olympiamannschaft - eines der Opfer des Münchner Olympia-Attentats

Nach dem Attentat hatten wir es mit einer sehr feindseligen Haltung der deutschen Behörden uns gegenüber zu tun. Einer sagte damals zu mir: Ihr habt den Terror auf deutschen Boden geholt. Ihr habt Euren Krieg nach Deutschland gebracht. Sie haben nie die Verantwortung übernommen für das, was geschehen ist.

Über 20 Jahre lang haben wir Angehörige immer wieder nach den Einsatzberichten, den pathologischen Berichten gefragt. Wir wollten nur wissen, was unseren Ehemännern passiert ist, wie sie umgekommen sind. 20 Jahre lang haben sie gesagt, diese Akten gibt es nicht. Erst 1992 mussten die deutschen Behörden zugeben, das sie all die Akten im Archiv haben.

Sie begleiteten Ihren Mann nach München und Ihre Eltern kümmerten sich um Ihre kleine Tochter während Olympia. Als Ihr Kind krank wurde, reisten Sie zunächst beide zu Ihrem Kind. Ihr Mann kehrte dann einen Tag vor der Entführung nach München zurück... 

Ich habe die Nachricht am nächsten Morgen von meinen Eltern gehört. Ich wollte sofort zurück nach München und rief gleich bei der Israelischen Botschaft an. Dort hieß es, ich solle in Holland bleiben. Also saßen wir da, den ganzen Tag vor dem Fernseher. Es war der Horror. Die Terroristen hatten morgens um neun Uhr ankündigt, jede Stunde einen Israeli zu erschiessen, wenn die israelische Regierung nicht 236 palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freilassen würden.

Das Ultimatum wurde ständig verschoben. Um fünf Uhr nachmittags dann auf einmal wurde das Fenster im 2. Stock geöffnet, wo die Geiseln festgehalten wurden. Und plötzlich sah ich André am Fenster. Ich konnte sehen, dass seine Hände hinter dem Rücken gefesselt waren und ein Terrorist neben ihm stand. Ich konnte ihn zwar im Fernsehen sehen, aber nicht hören, was gesagt wurde, nur dass er zum Krisenteam sprach. (das stand unterhalb des Gebäudes, die Red.).

 Deutschland München - „Ein Schnitt | Neubau Erinnerungsort Olympia Attentat ‘72, München (Brückner & Brückner Architekten Tirschenreuth | Würzburg)

"Ein Schnitt" - der Erinnerungsort an das Attentat palästinensischer Terroristen auf das israelische Team bei Olympia 1972

Er wurde in den Raum zurückgedrängt, sie haben das Fenster geschlossen, die Vorhänge zugezogen, das war das letzte Mal, das ich ihn lebend gesehen habe.

Abends wurden die neun verbliebenen israelischen Geiseln und die palästinensischen Geiselnehmer zum Militärflughafen Fürstenfeldbruck gebracht. Um Mitternacht verkündete der damalige Regierungssprecher, dass die Geiselnahme beendet und alles gut verlaufen war. Wann wurde Ihnen bewusst, dass etwas ganz dramatisch schief gelaufen war?

Zuerst war meine Familie in Freudenstimmung ausgebrochen, als wir das gehört haben. Aber ich sagte, ich warte bis mich André anruft. Das wird das erste sein, was er tut, wenn es stimmt, was Conrad Ahlers (damaliger Regierungssprecher, die Red.) gesagt hat. Also habe ich gewartet. Es war mitten in der Nacht. Jede halbe Stunde habe ich den Leiter der israelische Delegation angerufen. Aber sie wussten auch nicht was los war. Nur nach und nach sickerten die Nachrichten durch. Und dann um drei Uhr morgens, auf dem Kanal der ABC sagte der Moderator: Alle sind tot.

Sie sind daraufhin nach München gefahren?

Am nächsten Tag gab es eine Trauerfeier bei den Spielen. Keine Sportler der arabischen Staaten waren anwesend, kein arabischer Staat hatte seine Fahne auf Halbmast gesetzt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich zum Stadion lief und auf beiden Seiten sah ich Sportler trainieren.

Deutschland München - Olympia Attentat von 1972 (picture-alliance/dpa/F. Hörhager)

In der Gedenkstätte erinnert eine Videoschleife an die getöteten israelischen Athleten

Und dann sagte Avery Brundage (damals IOC-Präsident, die Red.) "The Games must go on." Ich konnte das kaum begreifen. Später wurden wir gebeten, die persönlichen Sachen aus dem Quartier zu holen.

Es war das Zimmer, in dem die Geiseln festgehalten wurden. Man sagte mir zwar, ich solle da nicht hineingehen, aber ich sagte mir, ich muss sehen, wo mein friedliebender, 27-Jähriger Ehemann die letzten Stunden seines Lebens verbracht hatte. Also ging ich hin. Die Szene in dem Zimmer - ich kann es nicht beschreiben. Es war ein großes Chaos. Und in diesem Moment habe ich mir geschworen: Wenn das ein Mensch einem anderen Menschen antun kann, dann werde ich nie aufhören, darüber zu sprechen. So etwas darf nie wieder passieren.

Aus dem Zimmer hat Ankie Spitzer letztlich nur das Olympiamaskottchen mitgenommen, den kleinen Dackel "Waldi”. Den hatte André Spitzer als Souvenir für seine kleine Tochter gekauft. 

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