Die Welt als Bühne - der Schauspieler Karlheinz Böhm | Filme | DW | 16.03.2018
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Filme

Die Welt als Bühne - der Schauspieler Karlheinz Böhm

Im März wäre Karlheinz Böhm 90 Jahre alt geworden. Im DW-Gespräch blickt sein Biograf Günter Krenn auf eine Karriere mit Höhen und Tiefen zurück, in der auch Rainer Werner Fassbinder eine wesentliche Rolle spielte.

Karlheinz Böhm mit Kind auf Arm in Äthiopien Menschen für Menschen Äthiopienhilfe (picture-alliance/dpa)

Böhm engagierte sich in Äthiopien und gründete die Hilfsorganisation "Menschen für Menschen"

Deutsche Welle: Den Namen Karlheinz Böhm (16.3.1928 - 29.5.2014) verbinden manche mit dem Film "Sissi", manche mit Hollywood, manche mit Rainer Werner Fassbinder und wieder andere mit der Hilfsorganisation "Menschen für Menschen". Woran haben Sie gedacht, bevor sie Ihr Buch geschrieben haben?

Günter Krenn: Mich hat fasziniert, wie man zwei Leben, zwei so unterschiedliche Leben, in einem unterbringen kann: das Schauspielerleben, das zum Teil ein Starleben war, auf der einen Seite, und auf der anderen, ein völlig anderes Leben, dass sich nur anderen Menschen widmet. Wie das dazu kommen konnte und wie das in einem Leben vereinbar war, das hat mich fasziniert.

Karlheinz Böhm hatte ja durchaus auch Erfolge im internationalen Kino, trotzdem ist er nie so bekannt geworden wie etwa Curt Jürgens oder andere deutschsprachige Schauspieler. Woran lag das?

Er war ein großer Star im deutschsprachigen Unterhaltungsfilm der 1950er Jahre. International hat das nicht ganz so gut geklappt. Das ist anderen Schauspielern aber auch so gegangen wie zum Beispiel Romy Schneider oder Senta Berger, die in Hollywood nie an die Erfolge im Inland anknüpfen konnten. Das lag daran, dass man den fremdländischen Akzent in der Rolle immer wieder erklären musste. Und: Wenn die ersten Produktionen dort nicht erfolgreich waren, dann hat man in der Regel keine größeren Rollen mehr angeboten bekommen. So ist es Karlheinz Böhm auch gegangen. Er war damals auch soweit, dass er gesagt hat: Das schlimmste Wort, dass man zu mir sagen kann, ist, ich sei ein Star.

Karlheinz Böhm und Romy Schneider in Sissi (imago/teutopress)

Karlheinz Böhm kam besser als Romy Schneider mit dem Erfolg der "Sissi"-Filme zurecht

Musste Böhm eigentlich - wie Romy Schneider - ein Leben lang gegen das "Sissi"-Image ankämpfen?

"Sissi" war für beide Karrieren Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite hat es die Karriere sehr gefördert, hat sie bekannt gemacht. Auf der anderen Seite war es ein Klischee, das an ihnen festklebte. Vor allem die deutschsprachige Presse hat sie immer auf dieses Klischee reduzieren wollen. Im Gegensatz zu Romy Schneider, die Zeit ihres Lebens von diesem Trauma nie weggekommen ist, die aber natürlich auch mit 43 Jahren sehr früh gestorben ist, hat Karlheinz Böhm in seinen späteren Lebensjahren eigentlich damit ganz gut abgeschlossen, spätestens in der Fassbinder-Zeit.

Rainer Werner Fassbinder hat damals zu ihm gesagt: Bekenne Dich doch dazu, das ist ein Teil Deines Lebens, stehe dazu! Das hat Böhm dann auch gemacht. Er hat es als einen wesentlichen Teil seines Lebens gesehen, auch wenn er später etwas anderes gemacht hat. Später hat er auch festgestellt, dass ihm gerade durch den Erfolg der "Sissi"-Filme, die ja auch nachhaltig populär waren, Kredit gegeben wurde für sein Projekt "Menschen für Menschen".

Schauspieler Karl-Heinz Böhm in dem Film Augen der Angst/Peeping Tom (picture-alliance)

Spielte in "Peeping Tom" einen psychopathischen Mörder, der seine Opfer in Todeesangst filmt

…auf Fassbinder kommen wir gleich nochmal zurück, vorher gab es ja noch den britischen Film "Peeping Tom". Wie sehr hat dieser Film der Karriere des Karlheinz Böhm geschadet?

Das ging tatsächlich total schief. Der englische Regisseur Michael Powell hatte Böhm die Rolle 1960 angeboten. Es war die Rolle eines psychopathischen Mörders, der privat eigentlich eine durchaus angenehme Persönlichkeit war. Angenehme Persönlichkeiten hatte Böhm zuvor ja auch gespielt. In "Peeping Tom" spielte er dann einen Mann, der aufgrund von misslichen Erfahrungen zum Mörder wird. Dieser Film, der heute als Meisterwerk gilt, wurde seinerzeit total abgelehnt. Er hat die Karriere des Regisseurs ruiniert und er hat Böhms Karriere nachhaltig beschädigt: Man wollte ihn in solchen Rollen nicht sehen. Man hat damals nicht verstanden, wie ein solcher Film funktioniert.

Es hat 20 Jahre gedauert, bis in die 1980er Jahre hinein, als Regisseure des "New Hollywood"-Kinos wie Martin Scorsese oder Francis Ford Coppola, in diesem Film ein Meisterwerk gesehen haben und dem Film eine späte Rehabilitation haben zukommen lassen.

Dann gab es das erstaunliche Kino-Comeback des Karlheinz Böhm bei Rainer Werner Fassbinder - wie ist das eigentlich zustande gekommen? Böhm und Fassbinder, diese Kombination lag ja nicht gerade nahe?

Böhm hat Fassbinder gefunden, so ist es eigentlich gewesen. Böhm hatte diesen jungen Regisseur gesehen, hat Arbeiten von ihm gesehen, hat sich dann Anfang der 1970er Jahre bei ihm vorgestellt. Böhm hat Fassbinder gesagt, dass er gern mit ihm arbeiten würde. Fassbinder war damals einer der wenigen jungen Regisseure, die bereit waren mit den Stars von früher zu arbeiten.

Fassbinder (l.), Margit Carstensen und Böhm bei Dreharbeiten zu Martha im Jahre 1970 (picture-alliance/dpa/dpa filmverlag der autoren)

Fassbinder (l.), Margit Carstensen und Böhm bei Dreharbeiten zu "Martha" im Jahre 1974

Das haben viele andere junge Regisseure ja abgelehnt. Und Fassbinder hat gesehen, dass das talentierte Schauspieler waren, die ihren Beruf gelernt haben - wie zum Beispiel Böhm, der auch gerne sozialkritische Rollen spielen wollte. Das hat Böhm sehr gerne erfüllt. Die beiden haben ein paar erfolgreiche gemeinsame Filme gemacht. Fassbinder war auch derjenige, der Böhms ohnehin kritischen Geist sozialen Ungerechtigkeiten in der Welt gegenüber, geweckt hat. Er hat den Blick auf das Unglück mancher Menschen bei Böhm geschärft.

Warum hat Böhm seine Filmkarriere nicht fortgesetzt? War ihm das soziale und humanitäre Engagement in Äthiopien irgendwann einfach wichtiger?

Ich denke, das war ein Teilaspekt. Böhm hat sich sein ganzes Leben mit sich selbst und mit dem, was er tut, auseinandergesetzt. Er hat sich immer gefragt: Ist das alles? Reicht das? Kann man nicht noch was anderes tun? Im Laufe seiner Karriere, die natürlich neben Höhen auch einige Tiefen beinhaltete, hat er sich immer wieder neu zu orientieren versucht. Als in den 1970er Jahren dann die medialen Hunger-Bilder aus Afrika veröffentlicht wurden, hat ihn das so motiviert, dass er gesagt hat, dort will ich mich engagieren, dort will ich helfen, dort will ich etwas versuchen. Und so kam es - aufgrund vieler Umstände - zu "Menschen für Menschen".

Wie stellt sich für Sie heute im Rückblick der Schauspieler Karlheinz Böhm dar? Wofür steht er? Auch im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Schauspielern, die international bekannt waren?

Er war mit Sicherheit kein sogenannter Jahrhundert-Schauspieler. Aber er war einer, der versucht hat aus seinem Talent das Maximum herauszuholen. Und er ist jemand, der mit manchen Filmen wie etwa "Peeping Tom", manchen Fassbinder-Filmen oder auch den "Sissi"-Filmen in der Erinnerung der Leute geblieben ist. Das ist ja - um nochmal auf "Sissi" zurückzukommen - gar nicht so selbstverständlich. Dass man Filme dreht, die nachhaltig im Gedächtnis der Menschen hängen bleiben. Wieviele Filme werden gedreht und vergessen! Manche bleiben einfach in Erinnerung, und wenn man mit solchen Filmen verbunden wird, dann ist das nichts Schlechtes.

Das Gespräch führte Jochen Kürten

Die Biografie von Günter Krenn "Die Welt ist Bühne - Karlheinz Böhm" ist soeben im Aufbau-Verlag erschienen, 432 Seiten, ISBN 978-3-351-03711-6.

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