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Stadtbilder

Die weiße Frau im Schlossturm

Eine schöne Gräfin, ein kranker Herzogsohn, eine neidische Schwägerin, Verschwörungen und ein rätselhafter Tod – die Spuren dieser jahrhundertealten Geschichte kann man noch heute in Düsseldorf entdecken.

Am Düsseldorfer Rheinufer, auf dem Burgplatz, steht der Schlossturm. Heute befindet sich dort das Schifffahrt-Museum. Doch es soll auch das Zuhause einer geheimnisvollen „Weißen Frau“ mit langer Schleppe sein, die dort umhergeistert. Düsseldorfer berichten immer wieder, dass sie sie nachts durch den Turm irren sehen.

Die Geschichte dieser „Weißen Frau“ beginnt im 16. Jahrhundert. Ihr Name war Jakobe von Baden und sie lebte von 1558 bis 1597. Sie soll eine schöne, fromme Frau gewesen sein. Als die katholischen Räte am Hof des Herzogs von Jülich-Kleve-Berg eine Ehefrau für den Herzogsohn Johann Wilhelm suchten, schien ihnen Jakobe die beste Wahl. Auch der Erzbischof von Köln, der König von Spanien, der Kaiser sowie der Papst unterstützten diese Verbindung. Im Jahr 1585 fand die prunkvolle Hochzeit, die acht Tage dauerte, in Düsseldorf statt.

Bis dahin wusste Jakobe noch nichts von der Erkrankung ihres Ehemannes. Johann Wilhelm litt unter psychischen Krankheiten, unter anderem an Verfolgungswahn. Diese führten zum Beispiel dazu, dass Johann Wilhelm nachts in Rüstung durch das Schloss lief und drohte, es anzuzünden. Deswegen musste er auch zeitweise eingesperrt werden.

1592 wurde Johann Wilhelm nach dem Tod seines Vaters Herzog von Jülich-Kleve-Berg. Tatsächlich führte seine Ehefrau Jakobe die Regierungsaufgaben weiter. Doch das gefiel einigen Mitgliedern des Hofes nicht. Sie witterten ihre Chancen, die Verhältnisse in Düsseldorf zu ihren Gunsten zu verändern.

Unter ihnen befand sich auch Johann Wilhelms Schwester Sybille. Sie verbreitete Gerüchte über Jakobe und fertigte eine Klageschrift an. In dieser warf sie ihrer Schwägerin unter anderem vor, Ehebruch begangen zu haben und Schuld an der Krankheit ihres Mannes zu sein. Da Jakobe nur noch wenige Vertraute am Düsseldorfer Hof hatte, wurde sie eingesperrt. Bis der Kaiser die Punkte der Klageschrift geprüft hatte, sollte sie im Schlossturm bleiben. Doch am 3. September 1597 fanden Diener sie dort tot in ihrem Bett. Am Abend zuvor soll sie völlig gesund gewesen sein.

Viele vermuteten, dass Jakobe ermordet wurde oder sich selbst getötet hatte. Für beide Versionen gibt es gute Argumente, doch was genau geschah, weiß niemand. Der einzige Zeuge für diese Geschichte aus dem 16. Jahrhundert, der noch heute existiert, ist der Schlossturm. Der Rest des Schlosses wurde durch mehrere Brände zerstört.


GLOSSAR

Graf, -en/Gräfin, -nen – ein Adelstitel; jemand, der in einem Gebiet den König vertritt; auch: der Sohn/die Tochter eines Grafen

Herzog, Herzöge/Herzogin, -nen – einAdelstitel; Herrscher über ein Gebiet, vom Rang direkt hinter dem König und über dem → Grafen

Schwager, Schwäger/Schwägerin, -nen (f.) – der Ehemann/die Ehefrau des Bruders; der Bruder/die Schwester des Ehemanns

Schleppe, -n (f.) derTeil eines langen Kleides, der über den Boden schleift

umher|geistern – hier: als Mensch, der bereits gestorben ist, noch immer herumgehen

durch etwas irren – hier: sich ohne Ziel irgendwo bewegen

fromm – mit einem starken Glauben an Gott; religiös

Rat, Räte (m.) – hier: ein Berater eines Herrschers

Verbindung, -en (f.) – hier: die Heirat von zwei Menschen

prunkvoll – luxuriös; mit allem, was dazugehört, egal was es kostet

psychisch – geistig

Verfolgungswahn, -e (m.) eine geistige Krankheit, bei der man glaubt, beobachtet oder verfolgt zu werden

Rüstung, -en (f.) – hier: die Kleidung aus Metall, die früher von Kämpfern (Rittern) getragen wurde

jemanden einsperren – hier: jemanden aus einem Zimmer/einem Haus nicht mehr nach draußen lassen

Regierungsaufgabe, -n (f.) – die Aufgabe, die ein Herrscher oder eine Regierung erledigen muss

seine/ihre Chance wittern – merken, dass die Situation gut ist, um etwas Bestimmtes erfolgreich zu tun

zu Gunsten – zum Vorteil von etwas oder jemandem

etwas verbreiten – hier: dafür sorgen, dass etwas allgemein bekannt wird

Gerücht, -e (n.) – eine Geschichte über jemanden oder etwas, von der man nicht weiß, ob sie wahr oder falsch ist

Klageschrift, -en (f.)ein Dokument an das Gericht, in dem die Fehler oder Verbrechen einer Person aufgelistet sind

Version, -en (f.) – eine Möglichkeit von mehreren

Zeuge, -n (m.) – jemand, der etwas gesehen oder miterlebt hat

existieren – da sein; vorhanden sein

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