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Filme

"Die Wand" im Kino

Der österreichische Regisseur Julian Roman Pölsler hat mit Martina Gedeck den vor allem unter Frauen beliebten Roman "Die Wand" von Marlen Haushofer verfilmt. Eindrücklich, beängstigend und faszinierend.

Die Protagonistin des Films Die Wand sieht mit ihrem Hund ins Tal hinunter. Foto: Studio Canal Germany

Martina Gedeck als namenlose Frau mit ihrem Hund Luchs

In teils üppigen, teils kargen Bildern erzählt Julian Pölsler den Alltag einer ganz auf sich allein gestellten Frau. Zu Beginn fährt die Protagonistin mit ihrer Cousine und deren Mann in die Berge, um dort in einem Landhaus auszuspannen. Nachdem ihre Verwandten von einem Besuch in das tiefer gelegene Dorf nicht zurück kehren, stößt sie bei dem Versuch, sie zu finden, an eine unsichtbare Wand. Dahinter gibt es kein Leben mehr, nur noch Versteinerung. Die namenlose Frau muss lernen, alleine die Felder zu bestellen, die Ernte einzufahren und als wohl letzter Mensch mit dem, was die Natur ihr bietet, zu überleben. Nach ein paar Jahren beginnt sie, ihren Alltag und ihr Überleben schriftlich festzuhalten. Am Ende bleibt unklar, ob ihr Bericht jemals an die Nachwelt gelangen wird.

Die Wirkung des Romans

Das Buch der 1970 verstorbenen österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer erschien 1963, wurde in 19 Sprachen übersetzt und verkaufte sich über eine Million Mal. Der innere Monolog einer Frau galt als unverfilmbar, doch Julian Pölsler ging das Wagnis ein und will mit seiner Verfilmung den in seinen Augen großartigen Text und dessen einmalige Sprache feiern: "Ich finde, dass viel mehr Menschen diesen Roman lesen sollten. Gerade in unserer Zeit. Auch ich habe eine Interpretation des Romans, die sich immer wieder gewandelt hat. Das Einzige, was konstant blieb, ist der Ansatz, dass es um eine Verwandlung geht".

Die Wand-Regisseur Roman Julian Roman Pölsler mit Hauptdarstellerin Martina Gedeck. Foto: Studio Canal Germany

Roman Julian Roman Pölsler mit seiner Hauptdarstellerin Martina Gedeck

Großartige Sprache und Text aus dem Off

Pölsler filmt den Alltag der Frau mit ihren drei Tieren: einer Kuh, einer Katze und dem Hund Luchs. Immer wieder schaut man ihr bei den täglichen Verrichtungen zu. In einer zweiten Zeitebene begegnet man der Frau dann schreibend, an einem Tisch sitzend und plötzlich mit kurzen Haaren. Aus dem Off erklingt ihre Stimme. Über den Einsatz des "Voice Over" kann man geteilter Meinung sein. Hauptdarstellerin Martina Gedeck jedenfalls ist darüber "hocherfreut", da sie zunächst befürchtete, der Film könne sonst zu langweilig geraten. Regisseur Julian Pölsler experimentierte mit diversen Fassungen: "Es gab auch eine Fassung des Skripts ganz ohne Off-Kommentar. Das war interessant. Da kam so ein mittelmäßiger, brauchbarer Fernsehfilm dabei heraus", meint der Autor lachend, der sich im Gespräch erfrischend uneitel mit Kritik an seinen Regieentscheidungen auseinandersetzt. Er weiß um den Haupteinwand der Kritiker: "Ich entschied mich am Ende dafür, Off-Text zu verwenden. Ich wollte aber alle meine Lieblingsstellen dabei haben und dieser großen, einfachen Sprache Raum geben, weil unsere Sprache immer ärmer wird. Aber dabei war mir klar, dass man meine Entscheidung kritisieren würde."

One-Woman-Show

Hauptdarstellerin Martina Gedeck sitzt am Tisch und schreibt Tagebuch. Ihre Katze sitzt am Tischende. Foto: Studio Canal Germany

Erinnerungen festhalten - Die Frau (Martina Gedeck) mit Katze

Auch wenn der Off-Kommentar den Betrachter belehrt und das Bebilderte zu oft verbal illustriert, kann man sich der Eindringlichkeit dieser Geschichte nicht entziehen. Das liegt vor allem am intensiven Spiel von Martina Gedeck. "Das Alleinsein ist mir vertraut", sagt sie im Interview und offenbart, dass sie während der langen Dreharbeiten auch in etwa das Leben der namenlosen Frau aus dem Buch geführt habe. Die Wand sieht sie als Metapher, als einen Einbruch in das bisherige Leben der Protagonistin: "Es gibt ja auch zwischen uns Menschen eine unsichtbare Wand." Für die Hauptdarstellerin, auf deren Schultern der gesamte Film lastet, wird die Frau auf sich selbst zurück geworfen und gewinnt dabei etwas hinzu: "Die Wand löst eine Form von Reduktion aus. Vorher hatte sie viel Welt, aber wenig Würde."

Ein "Frauenfilm"?

Schon der Roman wurde weit mehr von Frauen gelesen als von Männern, galt für viele als emanzipatorisch und feministisch. Auch Martina Gedeck las das Buch bereits im Alter von 20 Jahren, gibt aber zu, damals Vieles noch nicht verstanden zu haben, weil sie es aus ihrem eigenen Leben nicht kannte. Heute, als "sehr erwachsene Frau", sehe sie einiges anders: "Das Grauen, das in diesem Buch und in diesem Film mitschwingt, empfinde ich als etwas Anziehendes." Die Schauspielerin freut sich darüber, "dass es immer noch etwas gibt, was ich nicht weiß und was passieren kann."

Regisseur Julian Pölsler ist mit seinem Film seit der Uraufführung auf der Berlinale im Februar dieses Jahres durch die Welt gereist. Dabei hat er eine wiederkehrende Erfahrung gemacht: "Zu 90% stellen Frauen die Fragen beim Gespräch nach dem Film. Dabei erfahre ich dann ihre eigenen Interpretationen. Oft habe ich das vorher noch nie so betrachtet. So ist dieser Verwandlungsprozess immer noch nicht abgeschlossen."

Director's Cut?

Die Frau befühlt auf einem Bergweg die unsichtbare Wand. Foto: Studio Canal Germany

Die Frau (Martina Gedeck) an der Wand

Pölsler kann sich von seinem Film noch nicht so recht trennen. Viele Szenen schafften es nicht in die Endfassung. Einige Entscheidungen, wie die nach der Stille im Film, lösten viele Diskussionen mit seinen Produzenten aus. Laut Vertrag steht Julian Pölsler das Recht auf einen "Director's Cut" zu, einer dann wohl erweiterten Fassung. Dazu meint er lakonisch, dass es wohl keinen Regisseur auf der Welt gäbe, der davon nicht auch irgendwann Gebrauch machen würde.

"Die Wand" von Julian Pölsler ist ab dem 11. Oktober im Kino zu sehen.

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