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Kultur

Die Wahrheit liegt im Eis

Ab wann kann man vom Klimawandel reden, ab wann sind Klimaphänomene Teil eines normalen Zyklus? Auskunft geben Bohrkerne aus dem Arktis und dem Antarktis, die im Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven untersucht werden.

In arktischen Gletschern: Foto: Alfred-Wegener-Institut

Mit Material aus arktischen Gletschern erforschen Wissenschaftler die Historie des Klimawandels

Ein milder Wintertag in Norddeutschland. Draußen scheint die Sonne, das Thermometer steht in den Plus-Graden. Dennoch hat sich Johannes Freitag richtig warm eingepackt - gefütterte Hose, dicker Parka, frostsichere Stiefel. Er sieht aus wie ein Eskimo auf großer Tour. "Lieber komisch aussehen als frieren. Die Sachen haben wir auch in der Antarktis. Da kann man sich auch bei minus 40 Grad wohl fühlen."

Johannes Freitag ist Wissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. In die Antarktis will er zwar nicht. Aber er hat im Eislabor zu tun. So heißt ein Laborkomplex, in denen Tag und Nacht Dauerfrost herrscht - Temperaturen wie in der Tiefkühltruhe. Hier untersuchen die Forscher Proben, die keinesfalls auftauen dürfen: Eis aus den Tiefen der Antarktis oder von den Gletschern Grönlands.

Eisstangen aus 3000 Meter Tiefe

Ein Institutsmitarbeiter schneidet einen Bohrkern in Scheiben, Quelle: dpa

Ein Institutsmitarbeiter schneidet einen Bohrkern in Scheiben

Freitag hebt eine Kiste aus Styropor hoch. Sie enthält Bohrkerne. Das sind meterlange Stangen aus Eis. Ein Spezialbohrer hat sie aus dem antarktischen Eisschild gezogen - aus bis zu 3000 Metern Tiefe. Dann hat sie ein Forschungsschiff nach Bremerhaven gebracht. Einen dieser Kerne will Freitag nun untersuchen. Er öffnet eine wuchtige Tür, die aussieht wie die Tür eines Kühlschranks, nur viel größer. Eiseskälte schlägt ihm entgegen, rund minus 20 Grad. Jetzt klappt Freitag die Kiste auf und holt einen der Bohrkerne heraus - eine Stange aus Eis, armdick und eingewickelt in Plastikfolie. "Das sind 19 Meter Tiefe", sagt Freitag. "Wir sind also noch relativ nahe an der Oberfläche."

Der Forscher nimmt den Eisstab und trägt ihn zur Säge. "Der Kern wird zerschnitten, weil er für mehrere Untersuchungen genutzt wird. Da werden Teile in verschiedene Labore geschickt", erzählt Freitag. Analysiert wird das Eis auf Parameter wie Staubwerte, chemische Spurenstoffe, Luft- oder Kristallgehalt. Mit diesen Untersuchungen können die Forscher herausfinden, wie sich das Klima im Laufe der letzten eine Million Jahre verändert hat. So alt ist das älteste Eis, das die Wissenschaftler hier analysieren. Dieses Wissen ist nötig, um das Klima der Zukunft vorherzusagen.

Ein Vormittag bei -15 Grad

800.000 Jahre alt ist dieser Kern, der in 3200 Meter Tiefe gebohrt wurde, Quelle: dpa

800.000 Jahre alt ist dieser Kern, der in 3200 Meter Tiefe gebohrt wurde

Die Analysen finden nebenan statt, im Messlabor, wo es minus 15 Grad kalt ist. Zum Glück ist die Luft trocken, und warm angezogen können es Freitag und seine Forscherkollegen hier eine Weile aushalten. "Es kann schon mal ein Vormittag sein, dass man also mehrere Stunden hier ist", erzählt Freitag.

Mit einer Schneidemaschine hat Johannes Freitag ein wenig Eis abgehobelt, die freigelegte Oberfläche hat er mit einem Laserscanner fotografiert. Nun begutachtet er das Bild auf einem Computerbildschirm. Zu sehen ist ein Muster aus dunklen und hellen Flecken. Die dunklen Flecken sind Luftblasen, die hellen sind Eiskristalle, sogenannte Körner. Freitag. liest Erstaunliches aus dem Muster heraus. "Die Körner sind in besonderer Form zusammengesetzt - sie bilden eine kontinuierliche Linie. Das ist eine Windkruste!", sagt er. Monatelang habe es damals keinen Neuschnee gegeben. Zudem sei es relativ windig gewesen, erklärt der Wissenschaftler. "Die Körner konnten sich dann so zusammenfinden, dass sie eine kontinuierliche Kette bilden. Das hat Hunderte von Jahren überdauert!", erklärt der Forscher.

Das Eis erzählt

Das Eis erzählt den Forschern, wie das Klima in der Vergangenheit war - ob warm oder kalt, feucht oder trocken. Manchmal nerve es schon, dass man stundenlang in der Kühlkammer zubringen muss, bei Temperaturen von minus 20 Grad, sagt Johannes Freitag. Doch bisweilen mache die Arbeit auch richtig Spaß. "Im Sommer - herrlich! Da haben wir regelrechten Besuch hier im Labor, wo sich die Leute mal kurz abkühlen kommen."

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