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Deutschland

"Die Wähler sind sehr beweglich"

Die Bundestagswahl wird spannender als ursprünglich erwartet. Im Interview mit DW-TV erklärt Richard Hilmer, Geschäftsführer von Infratest Dimap, warum so viele Deutsche kurz vor der Wahl unentschlossen sind.

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Richard Hilmer

DW-TV: Herr Hilmer, Rot-Grün lag über Wochen völlig abgeschlagen hinter Schwarz-Gelb. Hat Gerhard Schröder überhaupt noch eine Chance, seine Kanzlerschaft zu verteidigen?

Richard Hilmer: Im Schlussspurt hat die SPD noch einmal geschafft, etwas näher an die CDU heranzukommen. Die vergangene Woche hatten wir keine Umfragen mehr durchgeführt. Das heißt, wir müssen uns auf die Ergebnisse der Vorwoche stützen. Da sah man einen gewissen Annäherungstrend, aber es waren immer noch sieben Punkte. Das wäre natürlich schon ein fulminanter Schlussspurt, wenn es Rot-Grün noch einmal gelingen sollte. Zumal dieses Mal in jedem Falle die PDS oder die Linkspartei im Bundestag – höchstwahrscheinlich zumindest – vertreten sein wird. Man muss nur zurückdenken: 2002 hätte es ja damals schon nicht zur Rot-Grünen Mehrheit gereicht, wenn eben die PDS auch nur ein drittes Direktmandat gewonnen hätte. Aber es wird eben für beide Gruppierungen schwierig, mit einer Linkspartei – mit einer fünften Partei im Parlament – über eine Mehrheit zu verfügen.

Die SPD möchte aber wieder stärkste Partei werden. Und in der SPD hoffen jetzt viele auf ein Wunder, dass es so wird wie im Bundestagswahlkampf 1972. Auch damals hatten die Demoskopen Willy Brandt praktisch schon abgeschrieben und dann hat er doch noch die Wahl gewonnen. Kann so was passieren?

Also die Wähler sind in der Tat mittlerweile sehr beweglich geworden. Sie verharrten zwar sehr lange in der Ungewissheit, aber der SPD – insbesondere Schröder - ist es im TV-Duell gelungen, gerade Unentschiedene und Unentschlossene wieder zu gewinnen. Und was eben in der letzten Woche zum ersten Mal überhaupt passierte, ist, dass er eben ein paar an die CDU verloren gegangene Wähler auch zurück gewann. Das ist entscheidend dafür, wenn die SPD überhaupt in die Nähe der CDU kommen sollte. Das sollte man nach der letzten Woche nicht völlig ausschließen, aber es wäre natürlich eine noch gewaltigere Leistung als 1972 von Willy Brand.

Wie erklären sie sich das denn, dass die SPD in diesem Schlussspurt des Wahlkampfes wieder mehr Zuspruch bekam?

Das hat natürlich mit Bundeskanzler Schröder zu tun. Er hat seine Chance im TV-Duell sicherlich gewahrt. Er hat sich dort sehr präsent, auch präzise präsentiert. Allerdings ging es nicht ohne Zutun auch des Wettbewerbers, denn das Problem der CDU war etwas überraschend - die Debatte um die Steuerpolitik sicherlich verbunden mit dem Namen Kirchhof. Er startete fulminant, war eigentlich eine brillante Besetzung, so schien es im ersten Augenblick. Aber die Diskussionen, die sich daran anschlossen, die auch innerhalb der Union für Unruhe und auch Kritik sorgten, haben die Wähler ganz offensichtlich ein bisschen verunsichert. Und das war die Aufgabe der Union in der letzten Woche, diese Verunsicherung noch abzubauen, um eben ihr Wahlziel, eine Schwarz-Gelbe Mehrheit, zu erreichen.

Dieser Wahlkampf ist ja auch für Ihre Zunft – für die Meinungsforscher – eine ganz schwierige Sache, weil so viele Deutsche bis kurz vor der Wahl unentschlossen sind – mehr als 20 Prozent. Wie erklären Sie sich, dass die Deutschen nicht wissen, wo sie ihr Kreuz machen sollen?

Die Bürger wissen nicht so ganz genau, wem sie sich in dieser schwierigen Situation anvertrauen sollen. Sie kennen Schröder, er hat sie 2002 zwar enttäuscht, aber sie wissen zumindest in welche Richtung es geht. Auf der anderen Seite, sind eben viele der Meinung, das reicht nicht aus, wir brauchen einen radikaleren Wechsel. Es geht also genau um diese Frage: lieber einen gebremsten Wechsel, möglicherweise eben mit der SPD und der CDU gemeinsam. Oder eben einen radikaleren Wechsel der Systeme in der Form von Schwarz-Gelb. Viele Wähler sind bis zum Schluss - Sie haben es gesagt - unsicher. Und diese unsicheren Wähler, die sich jetzt sicherlich zum Teil an der Wahlurne selbst erst entscheiden, werden den Ausschlag geben. Diese Wahl wird wahrscheinlich erst in den letzten Tagen entschieden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2 und erfahren Sie u.a., wie die Deutschen zu einer großen Koalition stehen und welche Bedeutung Ostdeutschland für den Ausgang der Bundestagswahlen haben wird.

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