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Politik

Die vier wichtigen Wladimire

Wer in Russland Geschichte schreibt, heißt meist Wladimir. Darunter gibt es wüste Heilige, balsamierte Revolutionäre, emsige Starke - und einen besonders Wirren.

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Von einigen Ausnahmen abgesehen schrieben und schreiben in Russland vor allem Wladimire Geschichte. Der erste, Wladimir, der Heilige, war ein ziemlicher Wüstling, der sich sieben Hauptfrauen leistete, so steht es zumindest in den russischen Chroniken. Damals, so um 988 nach Christi, galten eben andere Maßstäbe. Zu der Zeit war Russland noch ein Flickenteppich von Fürstentümern, und jeder Fürst herrschte wie er wollte. Aus Gründen der Opportunität wollte sich Wladimir der Wüstling mit Anna, einer byzantinischen Kaiserstochter, vermählen. Das kam dem Kaiser von Byzanz ganz gelegen. Er stellte jedoch die Bedingung, dass der heidnische Wladimir zuvor den christlichen Glauben annehmen müsste. Nach einer Legende hatte Wladimir bereits verschiedene Weltreligionen "ausprobiert", die Orthodoxie erschien ihm als die beste Religion. Also willigte er ein, ließ sich 988 taufen, bekam Anna zur Frau und erklärte folgerichtig das Christentum zur Staatsreligion. Russland wurde damit Teil des christlichen Abendlandes, Wladimir, der Heilige schrieb Geschichte.

Ein knappes Jahrtausend später befand ein zweiter Wladimir (Iljitsch Lenin), beeinflusst von Karl Marx, dass Religion Opium für das Volk sei, zettelte eine Revolution an. Wladimir der Revolutionär räumte so ziemlich mit allem auf, um seinen Landsleuten mit Gewalt das Experiment Kommunismus aufzunötigen. Siebzig Jahre dauerte dieser Langzeitversuch, der dann bekanntlich scheiterte. Das alles konnte der zweite Wladimir nicht vorhersehen, er starb zu früh, und wurde dann aufwendig balsamiert und in einem Glassarg aufbewahrt. Zumindest dieser Versuch gelang mehr oder weniger, und er dauert sogar noch an.

Der dritte Wladimir (Putin), der Starke, ist zurzeit emsig damit beschäftigt, die Auswirkungen des gescheiterten Kommunismus-Experimentes zu beseitigen und das renovierungsbedürftige Reich neu zu ordnen. Das Volk dankt es ihm und sorgt sich schon, wer wohl einst die Nachfolge des wohl beliebtesten russischen Wladimirs antreten könnte. In die Geschichte wird Wladimir Putin als der Stabilisator eingehen.

Ein weiterer Wladimir (Schirinowski), der Wirre, redet sich und allen, die es hören wollen, ein, dass er irgendwann das Zepter übernehmen werde, aber glauben tut das niemand. Zumal der gegenwärtig regierende Wladimir die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Um nicht ganz in Vergessenheit zu geraten, denkt sich der als Polit-Clown verschriene vierte Wladimir allerhand abstruse Ideen aus, mit denen er seine Landsleute zu begeistern sucht. So forderte er - vielleicht von Wladimir dem Wüstling und Heiligen inspiriert - die Polygamie einzuführen. Nur mithilfe der Vielweiberei meinte er, könne der demografische Niedergang der Russen gestoppt werden.

Kürzlich kehrte der Chef der "Liberal-Demokratischen Partei Russlands" (LDPR) wieder einmal zu seinem Lieblingsthema zurück: Die Entfernung der Lenin-Mumie aus dem Mausoleum auf dem Roten Platz. Schirinowski stellte den Antrag, mit seiner Fraktion eine Sitzung in der Gruft abhalten zu dürfen, da es sich dabei offiziell um ein Museum handelt. Unter dem Tagesordnungspunkt "Verschiedenes" würde dann das Heraustragen der Leiche des Führers des Weltproletariates durch Kräfte der LDPR behandelt, so Schirinowski in seinem selbstlosen Angebot. "Alle Fragen des weiteren Unterhalts und Nutzung des Körpers von W. I. Lenin übernimmt die Fraktion", heißt es in dem bizarren wie chancenlosen Antrag. Wenn man ihn nur gewähren ließe, würde auch Wladimir Schirinowski Geschichte schreiben - so aber liefert er nur originelle Geschichten.