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Kultur

Die verschwiegene Tragödie im Mittelmeer

In Italien galt die Geschichte lange als Mär um ein Geisterschiff: Erst jetzt bestätigen Zeugen: In der Nacht auf den 26. Dezember 1996 sank vor der sizilianischen Küste ein vollkommen überladenes Flüchtlingsschiff.

Ein Flüchtlingsboot kentert in der Straße von Gibraltar, Quelle: dpa

Gefährliche Flucht: Ein Flüchtlingsboot kentert in der Straße von Gibraltar

Es seien die schlimmsten Stunden seines Lebens gewesen, so erinnerte sich Mitte Dezember 2006 der Pakistaner Shahab Ahmad vor dem Schwurgericht im sizilianischen Syracus: "Es war im Jahr 1996. Ich befand mich auf einem Frachtschiff und musste auf ein sehr kleines Boot umsteigen. Mit einem Mal rammte das große Schiff unser kleines Boot, das dabei zerbrach. Die Welt schien unterzugehen. Einigen von uns gelang es, sich an Seilen auf das große Schiff zurück zu retten."

Flüchtlinge aus Afrika auf dem Weg nach Teneriffa Spanien, Foto: AP

Alltag vor der Küste Spaniens: Flüchtlinge, zusammengepefercht auf kleinen Fischerbooten

Heute bezeichnen Politiker den Untergang des Flüchtlingsboots als schwerste Schiffskatastrophe im Mittelmeer seit dem Zweiten Weltkrieg, doch zehn Jahre lang wollte davon niemand etwas wissen: Von den über 300 Flüchtlingen, die aus Sri Lanka, Pakistan und Indien kamen, konnten sich nur zwei Dutzend retten. 283 Menschen starben in jener Nacht. Ihre Leichen liegen zum Teil noch heute 108 Meter tief im Schiffswrack auf dem Meeresgrund begraben. Erst jetzt beginnt die juristische Aufarbeitung.

Drei Monate war der Pakistaner Shahab damals bereits unterwegs gewesen, zuletzt auf einem Frachter namens "Yiohan" in der Hand skrupelloser Menschenhändler, mit fast 500 Leidensgefährten aus Indien und Sri Lanka. Sie hatten viel Geld bezahlt für die weite Reise nach Europa. Doch statt nach Sizilien überzusetzen, wurden sie in einem hölzernen, viel zu kleinen Fischerboot zusammengepfercht und ihrem Schicksal überlassen. Sofort drang Wasser in das Boot und die Flüchtlinge versuchten verzweifelt, zurück zur Yiohan zu gelangen.

283 Menschen starben an Weihnachten

"Ich sah einen Inder, der sich mit letzter Kraft am Seil hoch hangelte. Er blutete aus Mund und Nase und blieb auf dem Deck liegen. Da packten ihn die Besatzungsmitglieder und warfen ihn einfach wieder ins Meer", erinnert sich Shahab. Wie Seegras seien die Körper auf dem Meer geschwommen: "Ich musste zusehen und weinte und konnte es nicht fassen, dass da ein Mensch von anderen Menschen einfach ins Wasser geworfen wurde." Seinen Apell richtet er deshalb an die italienische Regierung und die Europäische Union: Den Toten solle Gerechtigkeit widerfahren, fordert Shahab.

Die 'Cap Anamur' rettete in den 70ern tausenden vietnamesischer 'Boat-People' das Leben, Foto: dpa

Die 'Cap Anamur' rettete in den 70ern tausenden vietnamesischer 'Boat-People' das Leben

283 Menschen starben damals in der Weihnachtsnacht 1996. Aber auch zehn Jahre nach dem Untergang des Flüchtlingsschiffs 19 Seemeilen vor der sizilianischen Südküste, warten Opfer und Hinterbliebene auf Gerechtigkeit. Lange Zeit führte das Unglücksboot das Dasein eines Geisterschiffs: Regierung, Politiker und Medien schenkten den dramatischen Berichten Überlebender, die von dem Frachter Yiohan aufgesammelt und kurzerhand heimlich in Griechenland abgeladen worden waren, keinen Glauben. Die Fischer des italienischen Küstenortes Porto Palo und die italienischen Hafenbehörden schwiegen ebenfalls, obwohl sie von der Katastrophe wussten.

Ein Fischer bricht das Schweigen

Einer der Fischer, Salvatore Lupo, spricht zumindest heute darüber: Alle hätten damals menschliche Reste aus dem Wasser gefischt. Das sei alles andere als angenehm gewesen, berichtet Lupo, auch wenn man die Person nicht mehr habe erkennen können. Wahrscheinlich hätten die Fischer für alle Zeiten geschwiegen, hätte nicht Salvatore Lupo den Mut gehabt, zu reden, nachdem er den Ausweis eines der Ertrunkenen im Fischernetz fand. Das war 2001. Mit seiner Hilfe wurde endlich das Wrack geortet.

Doch damit begann für Lupo auch ein wahrer Spießrutenlauf: "Die Behörden, die damals von unseren Leichenfunden nichts wissen wollten, haben sich aus der Affäre gezogen, indem sie uns Fischern die Schuld geben wollten", sagt Lupo. Tagelange Verhöre, Schuldzuweisungen und Verdienstausfall – viele Zeugen schreckte das ab.

Aufklärung und Verfolgung der Schuldigen

Der italienschie Ministerpräsident Romano Prodi, Quelle: AP

Romani Prodi: Unterstützung zugesagt

Das war vor fünf Jahren. Salvatore Lupo hat längst seinen Beruf aufgegeben, im Dorf wird er von vielen gemieden. Doch inzwischen hat er zusammen mit einer Gruppe von Künstlern und Journalisten die Geschichte des Geisterschiffs von Porto Palo zum 10. Jahrestag zu einem Bühnenstück verarbeitet, das jüngst in Rom uraufgeführt wurde. Giovanni Mario Bellu, Journalist und einer der Autoren, dem dramatische Unterwasseraufnahmen vom Schiffswrack gelangen, sieht darin eine Parallele zu der unfassbaren Zahl von unbekannten Menschen, die seither im Mittelmeer auf ihrem Weg nach Europa ertrunken sind.

"Die Geschichte des Geisterschiffs ist absolut typisch. Wüssten wir nicht ganz genau, dass sie wirklich passiert ist, würde man sie für eine pure Erfindung halten. Und selbst als erfundene Geschichte würde man sie bestimmt noch übertrieben finden", meint Bellu. Dazu gehört auch die Tatsache, dass erst jetzt, ein Jahrzehnt danach, die Justiz ernsthaft an die Aufklärung und die Verfolgung der Schuldigen geht. Und dass erst jetzt Mittel zur Hebung des Schiffswracks und der Errichtung eines Denkmals zur Verfügung gestellt werden sollen. Das versprach Mitte Dezember 2006 Ministerpräsident Romano Prodi, der vor zehn Jahren im selben Amt von der Tragödie des Geisterschiffs nichts wissen wollte.

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