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Wissen & Umwelt

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine

Exoskelette sind Roboter, die in Zukunft unser Leben erleichtern sollen. Sie könnten aber nicht nur bei Behinderungen helfen, sondern auch das US-Militär unterstützen. Eine weittragende Entwicklung, fürchten Experten.

Die Zukunft begann im April 2012. Damals wurde die Welt Zeuge wie die Engländerin Claire Lomas den London Marathon absolvierte. Soweit nichts Ungewöhnliches, könnte man denken, doch Lomas ist seit einem Reitunfall im Jahr 2007 von der Hüfte abwärts gelähmt - und dennoch lief sie die 42 Kilometer, die schon gesunden Menschen alles abverlangen, mit ihren eigenen Beinen.

Claire Lomas läuft mit Exoskelett Londoner Marathon (Foto: dpa)

Claire Lomas lief 2012 den London-Marathon, trotz Lähmung

Zu verdanken hatte sie diese Sensation einer Erfindung, die eines wohl nicht mehr allzu fernen Tages die Welt verändern könnte: einem tragbaren Exoskelett - einer Verschmelzung aus Mensch und Maschine.

Schon seit Jahrzehnten arbeiten Wissenschaftler an dieser Vision, die heute eigentlich gar keine mehr ist. Denn den Roboter "ReWalk" der Firma Argo, mit dem Claire Lomas ihren Lauf in die Geschichtsbücher startete, kann man bereits kaufen. Mehr als 200 Menschen weltweit können so wieder gehen, sitzen, sich drehen und sogar Treppen hinauf- oder hinuntersteigen. Auch das Modell des Konkurrenzunternehmens Ekso Bionic, der "Ekso", ist schon auf dem Markt und laut Hersteller gemacht für alle Menschen zwischen 1,50 und 1,90 Meter Körpergröße, mit einem Gewicht bis zu 100 Kilogramm.

Ursprünglich fürs Militär gedacht

Unter einem Exoskelett versteht man ein computergesteuertes mechanisches Gerüst, das am Körper zu tragen ist und Menschen bei Bewegungen unterstützt oder diese sogar für sie übernimmt. Die benötigte Energie kommt aus der Steckdose oder von einer Batterie. Der "Ekso" beispielsweise wird gesteuert über Handbewegungen: Das computergestützte Exoskelett errechnet mittels Sensoren in Echtzeit die Bewegungsabsichten des Trägers und führt diese dann tatsächlich aus. Sogar Schlaganfallpatienten, bei denen die Kommunikation zwischen Gehirn und Muskeln gestört ist, könnte auf diese Weise wieder zum Gehen verholfen werden.

Doch was nach einem medizinischen Segen für die Welt klingt, wurde eigentlich zu einem ganz anderen Zweck entwickelt: für die militärische Nutzung. Exoskelette wie der "HULC" der Rüstungsfirma Lockheed Martin oder der "XOS 2" von Raytheon sollen künftig die Kraft von Soldaten vervielfachen und ihre Mobilität drastisch steigern - so soll es laut Hersteller ein Leichtes sein, mit dem "HULC" Lasten von bis zu hundert Kilo zu tragen und dabei mit einer Geschwindigkeit von fünf Stundenkilomtern zu laufen. Beide Projekte erhielten oder erhalten noch Fördergelder vom US-Militär, dem mächtigsten der Welt.

Exoskelett HULC fürs Militär von Lockheed Martin (Foto: Ekso Bionics)

Lasten von 100 Kilogramm über einen längeren Zeitraum durch unwegsames Gelände zu tragen - mithilfe eines Exoskeletts

Marcel Dickow, Technologieexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, verfolgt diese Entwicklung kritisch: "Hier werden Grenzen überschritten. Damit sind Probleme verbunden, die heute noch gar nicht absehbar sind." Die Verschmelzung von Mensch und Maschine verändere die Wahrnehmung des Betroffenen für die Umwelt, so Dickow. Er stellt auch infrage, ob die Welt bereits ethisch und moralisch reif für eine solche Revolution sei: "Bevor die Industrie einfach voran geht, müsste es doch eigentlich einen gesellschaftlichen Diskurs über die Tragweite einer solchen Erfindung geben."

Wie Superman oder Batman

So offen Dickow auch einer medizinischen Nutzung solcher Exoskelette gegenübersteht, so befürchtet er doch, sie könnten bei den falschen Leuten Allmachtsphantasien befördern. Und das wohl auch nicht ganz unbegründet, so vergleichen englischsprachige Medien militärisch nutzbare Exoskelette gern mit den Kampfanzügen der Superhelden Iron Man oder Batman.

Exoskelett von Ekso Bionics (Foto: Ekso Bionics)

Das Exoskelett: Ein computergesteuertes mechanisches Gerüst

Und erst im September 2013 verkündete das United States Special Operations Command den Bau eines eigenen Kampf-Roboters namens TALOS - dem Tactical Assault Light Operator Suit. Karl Borjes, der leitende wissenschaftliche Berater des Projekts und Colonel der US-Armee, sagte dem Medium "The Register" dazu: "Wir führen das Exoskelett zusammen mit einer innovativen Rüstung und integrierten Technik zur Gesundheitsüberwachung und Energieversorgung - und Waffen."

Am 31. Dezember 2013 hatte das Projekt bereits 80 Unterstützer und Finanziers aus der Industrie, daneben zehn Universitäten und vier Forschungslabors. Der Name TALOS ist wohl übrigens nicht zufällig auch eine Anlehnung an die griechische Mythologie, in der ein gleichnamiger Riese die Insel Kreta bewacht und jeden Feind mittels seiner bronzenen Rüstung verbrennt.

Auch hier gibt Dickow zu bedenken: "Die Amerikaner verstehen gar nicht die Implikationen einer solchen Erfindung. Die Aufhebung der physischen Trennung von Mensch und Maschine ist eine derart einschneidende Veränderung, dass die Folgen davon noch gar nicht absehbar sind und mir auch die Phantasie fehlt, sie mir vorzustellen." Er vergleicht die Entwicklung der Exoskelette mit der von Drohnen, die erstmals im Bosnienkrieg eingesetzt wurden. Ursprünglich sollten sie nur Bilder aus für Menschen unzugänglichem Gelände liefern, doch längst werfen sie - wie in Pakistan - auch Bomben ab und sind damit Teil einer modernen Kriegsführung. "Solche Aspekte verändern Hemmschwellen", so Dickow. "Krieg ist immer noch eine Form der sozialen Auseinandersetzung, wenn auch die extremste."

Maschinenmenschen: Eine Frage der Zeit

Bionik-Experte Thomas Sugar, Technik-Professor an der Universität von Arizona, ist dennoch überzeugt davon, dass die militärische und auch medizinische Nutzung dieser Technik zum Alltag werden wird. "In den nächsten fünf Jahren werden wir in immer mehr Bereichen Exoskelette im Einsatz sehen", sagte er CNN. Denn auch für sogenannte Tele-Operationen, bei denen ein Mensch einen Roboter fernsteuert, könnten Exoskelette künftig zum Einsatz kommen. So setzte beispielsweise die japanische Firma Cyberdine ihren HAL-5 zu Aufräumarbeiten nach der Atomkatastrophe von Fukushima ein, es ist die erste solcher Maschinen, die ein globales Sicherheitszertifikat erhielt. Generell kommen solche Roboter auch und vor allem für Einsätze in Geländen infrage, die für Menschen nur schwer zugänglich sind, zum Beispiel in der Tiefsee - oder im Weltraum. Auch die NASA hat mit dem X-1 ein Exoskelett entwickelt, das Astronauten bei Bewegungen im schwerelosen Raum unterstützen soll.

Ob Segen oder Fluch, das wird sich wohl erst zeigen, wenn diese Technik endgültig in unserem Alltag angekommen ist. Dass sich solche Maschinen aber nur wohlhabende Menschen werden leisten können, steht jetzt schon fest: Der "ReWalk" beispielsweise ist nicht unter 65.000 Dollar zu haben. Marcel Dickow warnt daher: "Im extremsten Fall könnte sich sogar eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bilden, wie in dem Film 'Gattaca'." Der Experte ist sich sicher: "Durch eine solche Technik wird die körperliche Integrität aufgehoben. Aber die Entwicklung lässt sich nicht mehr zurück drehen."

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