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Deutschland

Die Vermessung des Wohlstands

Die deutsche Wirtschaft wächst derzeit rasant. Doch geht es den Deutschen dadurch auch besser? Forscher bezweifeln das schon lange. Der Deutsche Bundestag startet eine Untersuchung: Gibt es Wohlstand ohne Wachstum?

Wirtschaftsminister und späterer Bundeskanzler Ludwig Erhard (Foto: AP)

"Mister Wirtschaftswunder" Ludwig Erhard glaubte an das Wachstum

Buchtitel Wohlstand für Alle (Foto: Anaconda)

Dieses Buch erschien, als Wohlstand noch das Gleiche bedeutete wie Wachstum. "Wohlstand für Alle" lautete 1957 der Titel von Ludwig Erhards Bestseller. Der erste deutsche Wirtschaftsminister (1949-1963) legte darin ein flammendes Plädoyer für die Soziale Marktwirtschaft ab. Eine Marktwirtschaft, die ihre Bürger sozial absicherte und all das durch das beständige Wachstum der Volkswirtschaft finanzierte.

Das BIP ist auf vielen Augen blind

Wachstum, Wachstum, Wachstum - mit diesem Slogan wurden fortan nicht nur in Deutschland Wahlen gewonnen. Wohl und Weh entschied sich dabei allein am Auf und Ab eines einzelnen Indikators: dem BIP. Das "Bruttoinlandsprodukt" ist die Summe aller Güter und Dienstleistungen, die von In- und Ausländern in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen einer Nation produziert wurden. Darin enthalten sind alle Wirtschaftsbereiche - vom Kleinbetrieb bis zu Banken, Versicherungen, Landwirtschaft und Dienstleistungen des Staates.

Der größte Posten darin bleibt allerdings der private Konsum, der in Deutschland rund 60 Prozent des BIP ausmacht. Sinkt das BIP wie 2009 in Deutschland um 4,7 Prozent, ist die Sorge groß. Wächst das BIP wie 2010 um satte 3,6 Prozent in Deutschland, jubeln Ökonomen und Journalisten. Mit dem tatsächlichen Zustand der Gesellschaft haben diese Zahlen wenig zu tun. Unentgeltliche häusliche Arbeit bleibt ebenso ausgeklammert wie Kindererziehung, Schwarzarbeit ebenso wie Ressourcenverbrauch.

Ölkatastrophe im Golf von Mexiko (Foto: AP)

Wachstum auf Kosten der Natur: die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko 2010

Schon seit längerem kritisieren Wissenschaftler, dass das BIP als Maßstab für die Entwicklung eines Landes nicht mehr tauge. "Es ist der Politik entgangen, dass das Wachstum, was wir erzeugt haben, auch enorme Schäden verursacht hat", sagt Meinhard Miegel, Autor des Buches "Exit - Wohlstand ohne Wachstum". Das BIP blende völlig aus, welche ökologischen Schäden durch das Wirtschaftswachstum entstünden. Es mache keine Aussage darüber, ob alle Teile der Gesellschaft wohlhabender würden oder nur eine kleine Elite. Und es übersehe, wie beispielsweise Lebenserwartung und Bildungsstand sich veränderten. "Deswegen ist es höchste Zeit, dass wir uns mit einem umfassenderen Wohlstandsbegriff befassen", fordert Miegel.

Indikator für nachhaltigen Wohlstand gesucht

Diese Ansicht will auch die deutsche Bundeskanzlerin auf dem bevorstehenden informellen Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs am 11. Februar 2011 in Brüssel vertreten. Dort soll über Europas Wachstums- und Wirtschaftsstrategie "Europa 2020" beraten werden. Auf Initiative von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel stehen neue Formen des Wachstums mit auf der Agenda. "Es geht nicht nur um die klassischen ökonomischen Wachstumsgrößen, sondern es geht um ein Wachstum, was nachhaltigen Wohlstand sichert", sagte die Kanzlerin in ihrem jüngsten, wöchentlichen Video-Podcast. "Dazu werden Größen wie die Sicherheit, die Lebensqualität, die Gesundheit und der nachhaltige Umgang mit Rohstoffen eine entscheidende Rolle spielen." Große börsennotierte Unternehmen hätten hiermit bereits einige Erfahrungen gesammelt, sagt Professor Hanns Michael Hölz, Vorsitzender der Unternehmens-Allianz Econsense, "weil wir in der jährlichen Berichterstattung über die Umweltdimension, soziale Indikatoren und Unternehmensverantwortung berichten."

Bereits 2008 hatte Sarkozy die Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Amartya Sen und den französischen Ökonom Jean-Paul Fitoussi beauftragt, Alternativen für die Messung gesellschaftlichen Fortschritts zu erarbeiten. 2007 war dem eine EU-Konferenz unter Kommissionspräsident José Manuel Barroso mit dem Titel "Jenseits des BIP" vorausgegangen. Vor wenigen Wochen folgte nun auch der britische Premier David Cameron, der eine Kommission mit einem ähnlichen Auftrag betraute.

DW-Grafik: Per Sander

Vermessen: Glück und Zufriedenheit kommen nicht nur durch Geld allein

Nicht zuletzt deshalb hatten sich Ökonomen und Politiker lange an den Wachstumsindikator BIP geklammert, weil er in einer komplexen Welt als einfach und handhabbar galt. Erst durch das BIP wurden internationale Länder-Rankings von Volkswirtschaften möglich, sagt Meinhard Miegel. Doch selbst das funktioniere heute nicht mehr, denn "wenn ich eine ganz arme Volkswirtschaft habe mit einer hohen Wachstumsrate, dann bedeutet das nicht so viel im Vergleich zu einer Volkswirtschaft, die ein hohes Niveau erreicht hat, aber nur eine kleine Wachstumsrate. Dann kann Letztere dennoch dynamischer sein als Erstere".

Der Deutsche Bundestag hat deshalb eine Enquete-Kommission eingesetzt mit dem Titel "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität". 17 Experten, darunter Ökonomen, Theologen, Juristen, Wirtschaftsvertreter treffen in diesem Rahmen von nun an regelmäßig auf 17 Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen. Zweieinhalb Jahre soll das Gremium Vorschläge ausarbeiten, wie Fortschritt nicht nur in Deutschland in Zukunft gemessen werden könnte. "Die Enquete-Kommission soll einen Indikator entwickeln, den wir dem BIP zur Seite stellen", sagt die SPD-Abgeordnete und Kommissions-Vorsitzende Daniela Kolbe bei der Einsetzung des Gremiums.

Ist Glück das bessere Wachstum?

Kind mit Großvater (Foto: Fotolia)

Auch die Politik hat eingesehen: dieses Glück gehört mit zum gesellschaftlichen Wohlstand

Mancher mag sich da insgeheim schon auf einen neuen Glücks-Indikator freuen, oder eine Skala für Lebensqualität, ähnlich wie im Himalaya-Staat Butan. Dort führte der König die Kennzahl des "Bruttosozialglücks" ein. Ifo-Konjunkturforscher Kai Carstensen warnt allerdings davor, die einfachen Lösungen zu suchen: "Um alles zu einem einzelnen Indikator zu verdichten, der dann das Glück der Volkswirtschaft oder der Gesellschaft insgesamt wiedergibt - dafür ist die Realität viel zu komplex." Ähnlich wie beim BIP wäre in einem solchen Fall die Politik wieder versucht, "einen solch allumfassenden Indikator später maximieren zu wollen", prophezeit Kai Carstensen. "Und da kann dann ganz Schreckliches am Ende herauskommen."

2013 soll die Bundestagskommission konkrete Handlungsempfehlungen vorlegen. Die Ablösung des BIP durch einen neuen Wachstumsbegriff ist demnach aber erst zu einem späteren Zeitpunkt zu erwarten. "Ich gehe mal davon aus, dass wir in Zukunft drei oder vier Messgrößen haben, die in Berichten immer nebeneinander stehen", sagt Meinhard Miegel. Damit ist eines bereits heute deutlich: Auch wenn noch nicht klar ist, was den Wohlstand der Zukunft definieren dürfte. Wachstum allein, wie zu Zeiten Ludwig Erhards, dürfte es nie wieder sein.

Autor: Richard A. Fuchs

Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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