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Wissen & Umwelt

Die Vermessung der Meere

Weite Teile der Weltmeere sind bereits sehr genau auf Seekarten erfasst. Abseits der großen Schifffahrtsrouten beispielsweise im Südatlantik gibt es aber noch große Lücken – vor allem in den tiefen Zonen.

DW.DE: Herr Freiwald, mit welchen Methoden vermisst man das Meer?

André Freiwald: Heutzutage setzt man so genannte Fächerecholote ein. Über 100 an der Zahl, die in verschiedenen Winkeln unter dem Schiffsrumpf angehängt sind und einen Fächer an Schallimpulsen zum Meeresboden aussenden. Über die Laufzeitdifferenz wird auf die Meerestiefen zurückgeschlossen. Im Unterschied zum einfachen Echolot, das jedes Segelboot an Bord hat, wird hier ein breiter Meeresstreifen in Echtzeit kartiert.

Der Südatlantik ist noch nicht genau vermessen und kartiert. Was muss man sich darunter vorstellen? Um welche Dimensionen geht es hier? Geht es um Meter oder Kilometer?

Der Meeresgeologe Professor André Freiwald von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (Foto: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung)

Meeresgeologe André Freiwald

Um viele Quadratkilometer, würde ich sagen. In den großen Weiten des Ozeans sind es in erster Linie Forschungsschiffe, die aufgrund wissenschaftlicher Einsätze solche Meeresgebiete kartieren. Besser sieht es natürlich in den Schifffahrtsgebieten und -wegen aus. Und überall dort, wo es flach ist. Alles unter einer Meerestiefe unter 200 Metern ist in der Regel sehr gut kartiert.

Wer sorgt dafür, dass das gesammelte Material zusammengeführt und kartographiert wird und dann für jedermann zugänglich ist?

Jeder Fahrtleiter einer solchen wissenschaftlichen Mission ist verpflichtet, Tiefendaten, die man mit dem Fächerecholot aufgezeichnet und auf Festplatten gespeichert hat, bei einer zentralen Stelle im Bundesamt für Seefahrt und Hydrographie abzuliefern. Dort werden die Daten bewertet, aufbereitet, publiziert und vorgehalten für den Fall, dass Interesse besteht, kalibrierte Karten in amtlichen Werken zu erstellen. Das ist in jedem Land sehr gut organisiert.

Der Marianengraben östlich von Japan mit seinen gut elf Kilometern Tiefe gilt als der tiefste Punkt in den Weltmeeren. Könnte es in einem weniger gut erforschten Gebiet noch eine Überraschung geben, einen noch tieferen Punkt?

Das würde mich sehr wundern. Je nach Genauigkeit der Messsysteme mag es hier und da mal um zehn Meter hoch oder runter gehen. Gerade zur Tiefe des Marianengrabens finden wir im Internet unterschiedliche Tiefenangaben, die sich um einige zehn Meter unterscheiden. Aber ansonsten ist schon relativ gut bekannt, wie tief die Gräben sind. Wir haben auch im Mittelmeer solche tiefen Löcher.

Gibt es kurzfristige Veränderungen am Meeresboden – durch Plattentektonik oder Seebeben?

Durch Plattentektonik kann es innerhalb von Minuten bis Sekunden gehen. Denken Sie an die Folgen des Tsunamis in Indonesien vor einigen Jahren. Dort hat sich die Platte innerhalb weniger Sekunden um einige Meter herausgehoben. So etwas kann auch zu fatalen Veränderungen auch auf Schifffahrtswegen führen.

Könnte auch im Mittelmeer Gefahr für die Küstenbewohner durch Vulkanismus entstehen?

Wir haben sehr viel Vulkanismus im Mittelmeer. Denken Sie an den Vesuv, die Flegräischen Felder (südlich von Sizilien, d. Red.), den Stromboli oder auch den Ätna. Hier haben wir sehr viel vulkanische Aktivität und natürlich auch eine Veränderung des Meeresbodens. Das wird sehr genau von den italienischen Kollegen vermessen. Oberhalb einer Magmablase heben und senken sich der Meeresboden und auch die angrenzenden Landmassen.

Ansonsten besteht natürlich auch Gefahr, wenn ein Vulkan ausbricht - wie vor einigen Jahren der Stromboli - und die halbe Bergflanke ins Meer rauscht. Dadurch entsteht das Phänomen der Flutwellen oder kleinen Tsunamis, die es durchaus auch im Mittelmeer gibt. Das kann mitunter auch fatale Folgen haben.

Prof. Dr. André Freiwald ist Meeresgeologe bei der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Wilhelmshaven. Dort fungiert er als Abteilungsleiter Meeresforschung und Fachgebietsleiter Meeresgeologie.