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Welt

Die verlorenen Söhne

Sie sterben zu Tausenden vor den Toren Europas: Afrikanische Flüchtlinge, die damit bezeugen, dass sie auf ihrem eigenen Kontinent keine Zukunft sehen. Die Mütter der Opfer kämpfen nun gemeinsam gegen illegale Migration.

Afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa (Foto: AP)

Afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa

Thiaroye ist einer der Vorstadtslums von Dakar. Baufällige Häuser reihen sich aneinander; in den engen Gassen türmen sich Abfallberge, die zum Himmel stinken.

Jugendliche in Thiaroye (Foto: Klaudia Pape)

Jugendliche in Thiaroye

Junge Männer lungern in den Straßen herum; sie tragen abgerissene Klamotten und manche dicke Sonnenbrillen. Thiaroye ist berüchtigt für seine Armut, seine Kriminalität und für seine vielen toten Emigranten.

Fatou Ndiang ist in Thiaroye aufgewachsen und hier hat sie auch geheiratet. Seit ihr Mann ertrunken ist, lebt die elegante junge Frau mit ihrer zweijährigen Tochter wieder im Haus ihrer Eltern. Die Gemeinschaft hilft Fatou dabei, den Horror manchmal zu vergessen. Doch wenn sie darüber spricht, schießen ihr wieder und wieder die Tränen in die Augen. Vor zweieinhalb Jahren, erzählt die 26-Jährige stockend, sei ihr Mann in einem Fischerboot nach Spanien aufgebrochen. Er habe nicht gewusst, wie er eine Familie ernähren sollte. Deshalb wollte er in Europa Geld verdienen. "Er hat es für uns getan", sagt sie leise.

Die Reise in den Tod

Fatou Ndiang und ihre zweijährige Tochter (Foto: Klaudia Pape)

Fatou Ndiang und ihre zweijährige Tochter

Fatou war im sechsten Monat schwanger als die Nachricht vom Tod ihres Mannes kam. Es war, als fiele sie in ein dunkles Loch: "Ich bin nicht mehr rausgegangen, ich konnte nicht mehr reden, nichts mehr essen - nur noch weinen." Fatou starrt mit ihren großen schwarzen Augen in Richtung Meer, als sie noch anfügt: "Er war liebevoll, er war fürsorglich, er war der ideale Mann für mich. Ich werde ihn nie vergessen."

Fatou Ndiang ist nicht die einzige Frau in Thiaroye, die einen Angehörigen durch illegale Emigration verloren hat. Über 100 Tote soll das Viertel insgesamt zu beklagen haben. Einige Frauen schließen sich mittlerweile zusammen, um gemeinsam gegen die Auswanderung ihrer Männer und Söhne zu kämpfen.

Bayam Diouf bei der Arbeit (Foto: Klaudia Pape)

Bayam Diouf bei der Arbeit

Die Chefin der Organisation "Frauen gegen illegale Emigration" lebt - wie die meisten hier - vom Fischfang. Von morgens bis abends muss Bayam Diouf Fisch und Muscheln reinigen und in riesige offene Öfen wuchten. Die schwere körperliche Arbeit, der Gestank, der Qualm - das alles macht der robust wirkenden Frau nicht viel aus. Aber vor ein paar Jahren ist sie "durch die Hölle gegangen."

Das vermeintliche Paradies

"Ich hatte einen einzigen Sohn" - so beginnt ihre Geschichte. Und obwohl seine Mutter ihn noch gewarnt hatte, war er nicht davon abzuhalten, sich mit seinen Freunden ins verheißungsvolle Europa aufzumachen. Irgendwo aus Nordafrika habe er sie noch angerufen, erzählt die Mittdreißigerin, "Er hat gesagt: Mama, wenn das Wetter gut ist, brauche ich ungefähr 10 Tage bis nach Spanien. Ich rufe dich sofort wieder an, wenn ich dort bin."

Aber er hat nicht angerufen. Stattdessen kam nach vielen Wochen die Nachricht, dass er es nicht geschafft hat. "Irgendwo im Meer ist er umgekommen."

Bayam Diouf am Meer (Foto: Klaudia Pape)

Bayam Diouf am Meer

Bayam Diouf hatte ihren Sohn gewarnt; viele andere Eltern aber drängen ihre Kinder nach Europa auszuwandern, um für Wohlstand in der Großfamilie zu sorgen. Denn hier in Thiaroye, erklärt Bayam, haben die meisten Jugendlichen keine Arbeit und keine Perspektive. Einige große Fabriken in der Umgebung wurden dicht gemacht. Und seitdem die Europäer kräftig mit angeln, gebe der Fischfang auch nicht mehr viel her. Bayam Diouf: "Die für den Export bestimmten dicken Fische gibt es bei uns nicht mehr."

Organisation der Frauen gegen Emigration (Foto: Klaudia Pape)

Organisation der Frauen gegen Emigration

Die Organisation "Frauen gegen illegale Emigration", die Bayam Diouf seinerzeit mit der Kraft ihrer Verzweiflung gründete, will vor allem aufklären: Die Eltern sollen verstehen, dass die Emigration ihre Probleme nicht löst; die Söhne sollen wissen, welche Gefahren bei der Überfahrt lauern, wie man sich fortbildet und wovon man vielleicht auch in Thiaroye bescheiden leben kann. Und die Mütter und Ehefrauen sollen lernen, sich zu organisieren, um kleine Geschäfte aufzumachen und sich gegenseitig beim Überleben zu helfen.

Der Kampf gegen den Mythos

Bayam Diouf ist stolz darauf, dass viele Menschen in Thiaroye mittlerweile verstanden haben, dass kein illegaler Emigrant im Paradies landet. Arame Fall zum Beispiel hatte ihrem ältesten Sohn sogar noch ein Ticket für das Fischerboot besorgt. Auch er ist bei der Überfahrt umgekommen und ihr Schmerz darüber ist bis heute "zu gewaltig, um ihn in Worte fassen zu können." Aber Arame hat noch einen zweiten Sohn. Und den wird sie "um nichts in der Welt" fahren lassen.

Doch nicht alle sind so einsichtig. Ein schlanker Mann im Trainingsanzug kommt vorbei. Er sei jetzt 35 Jahre alt und müsse noch immer seine Eltern bitten, ihm etwas zu essen zu geben. "Das bringt mich um", sagt er. "Hier in Thiaroye sterbe ich zu 100 Prozent. Auf dem Meer sterbe ich zu 50 Prozent. Also werde ich das nächste Boot nehmen."

Autorin: Klaudia Pape

Redaktion: Katrin Ogunsade