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Geschichte

Die verlorenen Protokolle von Stalingrad

70 Jahre nach der Schlacht hat ein Historiker vergessene Berichte von Rotarmisten und Zivilisten veröffentlicht. Diese Quellen eröffnen eine neue Perspektive auf die Ereignisse im Winter 1942/43.

In einer langen Kette verlassen halb verhungerte, zerlumpte Männer Stalingrad, die Metropole an der Wolga. Die deutschen Soldaten werden von bewaffneten Rotarmisten bewacht, doch zur Flucht sind sie ohnehin zu schwach. Ihr Blick ist leer, sie können sich kaum auf den Beinen halten.

Diese Bilder aus den ersten Februartagen 1943 haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt. Die nationalsozialistische Propaganda deutete die Niederlage als "Opfergang". Ein Mythos, denn sechs Monate zuvor hatte die 6. Armee der Wehrmacht Stalingrad überfallen und eingenommen. Im Spätherbst 1942 kesselte die Rote Armee die Deutschen ein und eroberte die Stadt unter großen Opfern Haus um Haus zurück.

Historiker im Schützengraben

Doch das Leid auf der anderen Seite wurde in Deutschland lange ausgeblendet: 40.000 Zivilisten kamen Schätzungen zufolge allein während der deutschen Bombenangriffe auf die Stadt ums Leben. Rund 480.000 sowjetische Soldaten starben, mehr als doppelt so viele wie auf deutscher Seite.

In seinem neu erschienenen Buch "Die Stalingrad-Protokolle" eröffnet der deutsche Historiker Jochen Hellbeck erstmals einen umfassenden Blick auf die Erlebnisse der sowjetischen Zivilisten und Soldaten während der Kämpfe. Anlass für das Buch ist die Wiederentdeckung von einzigartigen und authentischen Quellen aus der Zeit der Schlacht: "Eine Gruppe von Moskauer Historikern hat 215 Augenzeugen befragt und die Gespräche protokolliert. Darunter waren Generäle und Kommissare, aber auch einfache Rotarmisten und Zivilisten", erläutert Hellbeck, der an der Rutgers University in den USA lehrt. Die Gespräche wurden teils sogar noch im Schützengraben aufgezeichnet. Jahrzehntelang wurden die Protokolle unter Verschluss gehalten. Gemeinsam mit russischen Historikern hat Hellbeck nun die Interviews ausgewertet.

"Kein Stein soll auf dem anderen bleiben"

Rotarmisten während der Schlacht von Stalingrad (Foto: AFP/Getty Images)

Rotarmisten während der Schlacht von Stalingrad

Besonders verstörend lesen sich die Berichte der Zivilisten, wie das Gesprächsprotokoll der Küchenarbeiterin Agrafena Posdnjakowa. Die Mutter von sechs Kindern wurde nach dem deutschen Einmarsch aus ihrem Haus vertrieben, harrte mit ihrer Familie in einem Graben aus: "Am 27. (September) war eine starke Kanonade. Mein Mann und mein Mädchen wurden getötet, und wir wurden verschüttet."* Später beschreibt sie den Kampf um Nahrung: "Dann, als die Deutschen eingekesselt waren, aßen sie selber Pferdefleisch. Uns ließen sie die Beine, den Kopf, die Innereien. Als es dem Ende zuging, gab es auch das nicht mehr. Sie holten sich alles selbst, uns ließen sie nur die Hufe und die Innereien."*

Hinter solchen Szenen steckte Hitlers Kalkül: "Kein Stein soll in Stalingrad auf dem anderen bleiben", hatte der Diktator vor dem Angriff befohlen. Die Zivilbevölkerung sollte in die Steppe vertrieben oder als Arbeitssklaven verschleppt werden. Unmittelbar nach dem deutschen Einmarsch in Stalingrad begann die Deportation und Vertreibung der Einwohner. Tausende Menschen mussten sich täglich an Sammelpunkten melden. Als die sowjetische Gegenoffensive begann, waren Schätzungen zufolge noch 15.000 Zivilisten in der Stadt. Bei eisiger Kälte hausten sie hungernd in Ruinen und Erdlöchern. Ihre Stadt wurde fast komplett zerstört.

Machtkampf zweier Diktatoren?

Sowjetische Soldaten erreichen die umkämpfte Stadt am 22. Januar 1943 (Foto: Getty Images)

Kurz vor dem Sieg: Sowjetische Soldaten erreichen die umkämpfte Stadt am 22. Januar 1943

Auch auf der Gegenseite gab es grausame Weisungen. Diktator Stalin hatte den Befehl Nr. 227 erlassen, der da lautete: "Keinen Schritt zurück". Danach wurde den Zivilisten eine umfassende Evakuierung der Stadt vor Beginn der Schlacht verwehrt. Die unbarmherzige Haltung lag nicht nur in der strategisch wichtigen Lage der Stadt an der Wolga begründet: "Stalingrad trug den Namen Stalins. Darum war die Eroberung beziehungsweise Verteidigung der Stadt für beide Seiten ein Politikum", erläutert der Experte Torsten Diedrich vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Diedrich hat eine Biografie über den deutschen Oberbefehlshaber in Stalingrad, Friedrich Paulus, geschrieben und dabei insbesondere die deutsche Perspektive analysiert.

Die unnachgiebigen Befehle von Hitler und Stalin hatten auch Auswirkungen auf die Interpretation der Schlacht durch die historische Forschung. Diedrich erklärt: "Stalingrad wurde in deutschen Darstellungen der 1950er Jahre gern als Machtkampf zweier Diktatoren gesehen, in dem Hunderttausende geopfert wurden." Diese Lesart sei durch die wissenschaftliche Forschung jedoch längst überholt. Jochen Hellbeck wiederum betont, die alleinige Fixierung auf die Diktatoren schaffe eine Äquivalenz zwischen zwei Systemen und zwei Bevölkerungen. "Beide stehen dann als Opfer da. Doch die deutsche Seite führte einen Angriffskrieg. Für die Russen wurde der Zweite Weltkrieg damit zu einem Befreiungskrieg gegen den Faschismus."

Heimatliebe und Kommunismus

Frauen, Kinder und alte Männer fliehen vor dem Beschuss der Deutschen (Foto: Getty Images)

September 1942: Frauen, Kinder und alte Männer fliehen vor dem Beschuss der Deutschen

Wie stark sich die sowjetischen Soldaten mit diesem Befreiungskrieg identifizierten, geht aus den "Stalingrad-Protokollen" hervor: "Die kommunistischen Kommissare in der Roten Armee verstanden es, die Heimatliebe der Menschen zu mobilisieren und sie zum Kampf gegen die 'faschistischen Aggressoren' zu bewegen", sagt Hellbeck. Doch sind die Interviews im Hinblick auf die Motivation der Soldaten wirklich glaubwürdig? Schließlich drohte Systemkritikern im stalinistischen Terror der Tod. Torsten Diedrich ist sich sicher, dass das Buch seines Historikerkollegen Hellbeck die Kenntnisse über die Schlacht ergänzt. Er warnt aber vor einer allzu unkritischen Auseinandersetzung mit Zeitzeugen als Quelle. Jochen Hellbeck ist anderer Auffassung: "Die Interviewer waren Historiker, keine Parteifunktionäre. Außerdem wurden die meisten Gespräche zum Zeitpunkt des bis dahin größten Triumphs der Roten Armee geführt. Da gab es auch den Raum, frühere Schwächen anzusprechen."

Nicht mehr haltbares Klischee

Fest steht: Nie zuvor waren einem Publikum außerhalb der Sowjetunion so zahlreiche und so authentische Zeitzeugenberichte zugänglich. Aus ihnen geht hervor, dass das alte Klischee, die Soldaten und Zivilisten wären aus purer Angst vor Stalins Terror in den Kampf gezogen, nicht mehr haltbar ist. Stattdessen sprechen aus den Protokollen Menschen, die freiwillig und opferbereit kämpften, weil sie ihre Heimat von den Aggressoren befreien wollten.

Muss die Geschichte von Stalingrad neu geschrieben werden? "Nein", meint Hellbeck. "Dennoch erweitern die Protokolle die Perspektive und lenken den Blickwinkel weg von der deutschen Choreografie: Angriff – Einkesselung – Niederlage", sagt Hellbeck. Zu dieser Schlussfolgerung kommt auch Torsten Diedrich.

Deutsche Soldaten ziehen in sowjetische Kriegsgefangenschaft (Foto: AP)

Am 31. Januar 1943 ziehen deutsche Soldaten in sowjetische Kriegsgefangenschaft

Über die Bedeutung der Schlacht sind sich Historiker heute ohnehin einig: Stalingrad brachte die moralische Wende im Zweiten Weltkrieg. Für die Rotarmisten bildete der Sieg einen ungeheuren Triumph, der neue Hoffnung spendete. In Deutschland war der Nimbus der unbesiegbaren Wehrmacht zerstört. Bei den deutschen Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft gingen, war das Ausmaß der Desillusionierung weit größer: Sie waren die ersten, die am eigenen Leib erfuhren, dass sie einem unmenschlichen Diktator gedient hatten, dem ihr eigenes Leben nichts bedeutete. Doch das ist wohl die tiefste Einsicht, die die Protokolle vermitteln: Stalingrad war nicht nur eine deutsche Tragödie, sondern auch eine russische.

Alle mit * gekennzeichneten Zitate stammen aus: Jochen Hellbeck, Die Stalingrad-Protokolle, © 2012 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Aus dem Russischen von Christiane Körner und Annelore Nitschke. ISBN: 978-3-100-30213-7

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