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Afrika

Die "verlorene Generation“ in Berlin

Revolutionen, Studentenproteste, Flüchtlinge - auf der Berlinale spielte afrikanische Politik eine zentrale Rolle. Nicht nur im Film "Indignados" des algerischen Regisseurs Tony Gatlif.

Ein altes Schwimmbad in Madrid. Die gleißende Mittagssonne brennt auf das leere Becken. In der Mitte steht eine Frau, dunkelhaarig, in einem feuerroten Kleid. Unter ihren Füßen hat sie einen roten Teppich ausgebreitet, auf dem sie anfängt Flamenco zu tanzen, erst langsam, dann immer schneller. Das ungeduldige Stampfen der Flamencotänzerin steht symbolisch für das Stampfen Tausender, denn es ist der 15. Mai 2011 und Spanien revoltiert. Nicht nur Nordafrika, so macht es uns der algerische Regisseur Tony Gatlif klar, sondern auch Europa revoltiert! "Indignados“ ("Die Empörten") ist einer von acht afrikanischen Filmen, die auf der diesjährigen Berlinale zu sehen waren. Gatlifs Film ist eine Hommage an die Protestbewegungen, die letztes Jahr Europa erfassten.

Auf Umwegen nach Europa

Filmstill aus Indignados von Regisseur Tony Gatlif

Betty stellt bei ihrer Ankunft in Europa fest, …

Der Algerier Tony Gatlif wollte sich mit seinem neuen Film eigentlich dem arabischen Frühling widmen, landete aber unerwartet in Spanien: "Ich war gerade dabei, einen Film über den Tunesier Mohammed Bouazizi zu machen, der sich selbst verbrannt hat. Doch man erzählte mir, in Madrid, da gibt es hunderte von jungen Menschen, die auf die Straße gehen. Sie wohnen sogar dort, auf dem Platz Puerta del Sol. Sie sind empört und stellen Forderungen. Und plötzlich sagte ich mir: Da spielt mein Film!“ Tony Gatlif begann also, nicht die Geschichte des Arabischen Frühlings, sondern die der spanischen Protestbewegung nachzuzeichnen. Die Protestierenden nannten sich selbst "Indignados", Empörte. Der Name orientiert sich an dem Bestseller "Empört euch" von Stéphane Hessel. So war der Filmtitel geboren.

Reise durch einen Kontinent in der Krise

Filmstill aus Indignados von Regisseur Tony Gatlif

… dass auch hier die Menschen unzufrieden sind. Szenen aus "Indignados".

Seit dem Frühjahr 2011 sind vor allem junge Spanier ungehalten über die hohe Arbeitslosigkeit. Viele bezeichnen sich als "verlorene Generation“. So ist Gatlifs Film teils Dokumentation, teils Fiktion. Er beschreibt den europäischen Aufruhr aus der Perspektive von Betty, einer jungen Afrikanerin. Betty gelangt über das Mittelmeer nach Spanien und lebt nun hier ohne Papiere. Sie muss feststellen, dass das reiche Europa, von dem sie geträumt hat, in einer Krise steckt. Auch hier sind die Menschen unzufrieden, fordern Arbeit und soziale Gerechtigkeit.

Betty verlässt Spanien. Die Kamera begleitet sie auf ihrer Reise durch Europa. Sie begegnet Obdachlosen in Paris und Migranten in Griechenland. Sie sind in Flüchtlingszentren untergebracht und werden von Polizisten geschlagen. Die Träume der jungen Frau sind schnell zerstört, doch eine Rückkehr ist ausgeschlossen, wie die Darstellerin der Betty, Mamebetty Honore Diallo erklärt: "Es ist sehr schwer, mit leeren Händen in sein Heimatland zurückzukehren, wohlwissend, dass man seine Frau, die Kinder, oder die Eltern verlassen hat.“ Aus psychologischer Sicht sei eine Rückkehr unhaltbar und aus finanzieller Sicht unmöglich, so die Schauspielerin. Im Film entscheidet sich Betty also, in Europa zu bleiben. Ununterbrochen sagt sie sich: "Das wird schon, das wird schon, das wird schon!“

Warten auf den Bruder

Filmstill Still aus Espoir Voyage

Auf Reisen: "Espoir Voyage" von Michel K. Zongo

Wie es jenen ergeht, die zurückbleiben, erzählt der erste Spielfilm des aus Burkina Faso stammenden Regisseurs Michel K. Zongo. "Espoir Voyage“ ist eine Dokumentation, eine Spurensuche nach dem verlorenen Bruder. "Der Film erzählt die Geschichte meines Bruders, der wie viele andere Burkinabé 1978 an die Elfenbeinküste aufbrach, um dort auf Kakao- und Kaffeeplantagen zu arbeiten“, erklärt der Regisseur. Joanny war erst 14 Jare alt, als er sein Heimatland Burkina Faso verließ. Danach hörte seine Familie nie wieder etwas von ihm. Viele Jahre später erfuhr sie, dass er umgekommen war.


Für die Menschen in Burkina Faso ist es normal, aufzubrechen und zurück zu kehren, sagt der 38-jährige Zongo. Schließlich brauchen sie das Geld. Auch sie wollen heiraten, ein kleines Haus bauen, sich verwirklichen, ein menschenwürdiges Leben führen. Um sich der schmerzhaften Abwesenheit seines großen Bruders zu stellen, entschied sich Michel K. Zongo, dem Weg von Joanny nachzugehen und ihm so neu zu begegnen. "Auch wenn ich diesen Film nicht gemacht hätte, hätte ich doch diese Reise gemacht. Denn das war die Vorhersehung für mein Leben.“

Aujourd'hui - Heute

Auch im Film "Aujourd'hui" des franco-senegalesischen Regisseurs Alain Gomis geht es um Heimkehr. "Aujourd'hui" erzählt die Geschichte von Satché, gespielt vom amerikanischen Musiker und Schauspieler Saul Williams. Satché hat in den USA studiert und kehrt in seinen Heimatort im Senegal zurückt. Dort wird er empfangen wie ein König. Doch eines Morgens wacht Satché auf und weiß: Es ist sein letzter Tag, heute wird er sterben. Plötzlich sieht er alles, als wäre es das erste Mal - sein Zimmer, seine Familie und Freunde, die Straßen in dem Vorort von Dakar. Er saugt die letzten Erlebnisse und Begegnungen in sich auf, bis er am Ende des Tages stirbt. Und bis zum Schluss stellt man ihm immer wieder eine Frage: Warum bist du nicht in Amerika geblieben, wo du eine Zukunft gehabt hättest?

FIlmstill aus Aujourd'hui Foto: © Mabeye Deme

Szene aus "Aujourd'hui" von Alain Gomis

Aufbrechen und Zurückkehren - an den Schicksalen von Betty, Joanny und Satché werden die Geschichten unzähliger Afrikaner greifbar, die aus existenziellen Gründen ihre Heimat verlassen. Wie geht es ihnen in der Fremde? Wie viele von ihnen sterben auf dem Weg? Und wie ergeht es jenen, die daheim bleiben und auf sie warten?

In einer Szene in "Indignados“ beobachtet Betty die protestierenden Studenten in Spanien. Die aufgebrachte Masse ruft: "Niemand ist illegal!“ und kritisiert damit die Einwanderungspolitik Spaniens. Betty lächelt. Sie fühlt sich angesprochen. Die Menschen dort auf dem Platz, sie protestieren auch für sie, für ihre Rechte und die Rechte tausender anderer Afrikaner, die nach Europa kommen. Nicht nur Nordafrika, so macht es uns Gatlif klar, sondern auch Europa bricht auf.

Autorinnen: Claudia Zeisel/ Audrey Parmentier
Redaktion: Stefanie Duckstein

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