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Asien

Die verletzte deutsche Soldatenseele

Es sind nicht immer sichtbare Wunden, die die deutschen Soldaten aus dem Kriegsgebiet wie Afghanistan mitbringen. Manchmal gehen die Verletzungen tiefer und schränken ganze Familienleben ein.

Ich dachte, ich wäre tot. Oberleutnant Klaus Sasse war in Afghanistan schwer verletzt worden (Foto: DW/Hasrat-Nazimi)

"Ich dachte, ich wäre tot." Oberleutnant Klaus Sasse war in Afghanistan schwer verletzt worden

Für Oberstleutnant Klaus Sasse ist der Anschlag im Norden Afghanistans ein ewiger Moment. Das Erlebte hat sich unauslöschlich in seine Erinnerung gebrannt. "Als die Bombe ausgelöst wurde und ich mich selber durch die Luft wegfliegen sah, dachte ich von diesem Moment an: Das war’s jetzt. Wenn du aufschlägst, bist du tot". Seine Ehefrau hört ihm stumm zu. Es fällt ihr immer noch schwer, über die Verletzungen ihres Mannes zu sprechen. Sie wirkt tief betroffen, auch wenn der Anschlag schon anderthalb Jahre zurückliegt.

Archiv: Ein Soldat des deutschen ISAF-Kontingents patrouilliert in der Umgebung von Faisabad in Afghanistan (Foto: dpa)

Ein Soldat des deutschen ISAF-Kontingents in der Umgebung von Faisabad in Afghanistan

Der Knall. Die Druckwelle. Die Metallsplitter. Die Schmerzen. Klaus Sasse ist bei der Explosion der versteckten Sprengfalle 2010 in Afghanistan schwer verletzt worden. Er musste miterleben, wie drei seiner Kameraden dem Anschlag zum Opfer fielen. Seine Frau erinnert sich noch genau an den Moment, in dem sie mit der schrecklichen Nachricht konfrontiert wurde: "Mir kamen damals sofort die Tränen." Ihre Schwiegermutter war diejenige, die ihr damals die schlechte Nachricht überbringen musste, weil die Bundeswehr sie schneller erreichen konnte. "Sie sagte zu mir, dass mein Mann einen Unfall hatte und dass sie ihn nach Deutschland zurückbringen, um ihn hier zu operieren".

"Filme im Kopf"

Seit der Explosion kann Klaus Sasse nur noch mit einer Gehhilfe laufen. Doch viel schlimmer sind die inneren Verletzungen, die keiner sieht. Sie beeinflussen sein Leben viel stärker. Sie beeinflussen das Leben der ganzen Familie. "Man sieht immer wieder die selben Ereignisse vor dem inneren Auge ablaufen", erinnert sich der zurückgekehrte Soldat.

Klaus Sasse und seine Frau sind auf Einladung des American-German Business Club (AGBC) mit anderen Betroffenen auf einer Gesprächsrunde in Bonn. Das Ziel der Veranstaltung ist, wie Martina Timmermann, die Vizepräsidenten des AGBC sagt, "wieder Mut für die Zukunft zu machen und nach vorne zu schauen". Denn die Geschichte von Klaus Sasse ist kein Einzelfall, sagt sie.

PTBS – wenn der Alltag zur Qual wird

Bei vielen Betroffenen verdichten sich diese seelischen Verletzungen zu einer posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS. Nach Angaben des Sanitätsdienstes der Bundeswehr sind im Jahr 2010 offiziell 729 Soldaten an PTBS erkrankt. Im ersten Halbjahr 2011 sind es nach offiziellen Angaben bisher 451 Fälle. Die internen Statistiken spiegeln wider, dass Bundeswehrsoldaten nach einem Afghanistan-Einsatz bis zu zehn Mal häufiger an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden als Soldaten ohne Auslandseinsatz.

Schnaufpause für Bundeswehrsoldaten im Distrikt von Charrah Darreh nahe Kundus (Foto: dpa)

Pause für Bundeswehrsoldaten im Distrikt von Charrah Darreh nahe Kundus

Den Betroffenen fällt es schwer, wieder in ihr altes Leben zurückzufinden. "Sie haben eigentlich schon mit dem Leben abgeschlossen, doch zu ihrer Überraschung überleben sie", sagt Dr. Roger Braas, Flottenarzt am Bundeswehrkrankenhaus Koblenz. "Wie ein Film tauchen immer wieder dieselben Ereignisse des Traumas auf." Ein Trauma, wie es Klaus Sasse erlebt hat. Eine seelische Verletzung, die genauso ärztlich versorgt werden muss wie eine körperliche Verletzung.

Mithilfe von Psychologen können schmerzliche Erfahrungen relativ schnell verarbeitet werden. Jetzt macht sich auch Klaus Sasse keine Vorwürfe mehr, dass er hätte etwas daran ändern können. Auch arbeiten kann er inzwischen wieder, als Ausbilder in der Bundeswehr bildet Klaus Sasse Offiziere aus. Er hatte Glück – bevor die seelischen Verletzungen überhand nehmen konnten, wurde ihm geholfen. Aber die Heimkehr läuft nicht für alle verwundeten Soldaten positiv.

Das schwierige Eingeständnis

Es kann Jahre dauern, bis die Betroffenen erkennen, dass sie innerlich verletzt sind und Hilfe brauchen. "Zu uns zu finden ist das Allerwichtigste", betont Bundeswehrarzt Roger Braas. "Sie glauben ja gar nicht, wie oft es vorkommt, dass die Ehefrau uns anruft und fragt, ob ihr Mann nicht mal vorbeikommen kann". Der Film im Kopf könne erst gestoppt werden, wenn der Betroffene bereit sei, professionelle medizinische Hilfe anzunehmen.

Dr. Brass lässt keinen Zweifel daran, dass das gemeinsame Reden am wichtigsten ist und fordert, dass die Gesellschaft ein offenes Ohr für ihre Soldaten haben soll – besonders für die, die im Einsatz waren. Oberstleutnant Sasse gehört zu den wenigen, die genau das erlebt haben: "Ich habe im Krankenhaus Postkarten von wildfremden Leuten bekommen", erinnert er sich lächelnd. "Auf einmal stellt man fest, dass es da draußen Leute gibt, die dich und das, was du gemacht hast, unterstützen." Für seine verletzte Seele waren die kleinen Postkarten ein großes Pflaster.

Autorin: Waslat Hasrat-Nazimi
Redaktion: Sandra Petersmann