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Globale Zusammenarbeit

Die vergessenen Stadtkinder

Jedes zweite Kind wächst weltweit in einer Stadt auf, schätzt UNICEF. Dieser Umstand könnte eigentlich ein Vorteil sein. Doch laut dem aktuellen Bericht der Organisation profitieren viele von ihnen nicht davon.

Sauberes Trinkwasser, Schulen, ärztliche Versorgung, gute Infrastruktur und spätere Jobs: Städte versprechen Möglichkeiten, Chancen und Zukunft. Doch die gelten meist nur für die, die sie bezahlen können. Die Kinder in den Slums und in den vielen informellen Siedlungen am Rande des Reichtums gehen meist leer aus, so der neue UNICEF-Bericht, der die Lebensbedingungen für Stadtkinder unter die Lupe nimmt.

Kinder ohne Existenz

Es gibt keine genauen Zahlen darüber, wie viele Kinder in Städten aufwachsen. UNICEF-Schätzungen zufolge wird es weltweit bald jedes zweite Kind sein. Dabei liegt unter der glitzernden Oberfläche der Städte eine Armut versteckt, die oft schlimmer ist als auf dem Land, hebt UNICEF-Sprecherin Sarah Crowe hervor. Viele der Kinder, die in den Städten geboren werden und dort aufwachsen, seien nicht einmal von den Behörden erfasst. Und wer offiziell gar nicht existiere, könne auch keine Angebote wie Bildung oder Gesundheit in Anspruch nehmen.

Slumkinder in Manila

Kaum Zukunftschancen: Slumkinder in Manila

Der diesjährige UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in den Städten zeichnet ein düsteres Bild. Bereits heute lebt weltweit jeder dritte Stadtbewohner in einem überbevölkerten Slum. Auch immer mehr Kinder werden in Städten geboren - doch berücksichtigt werden sie bei der Stadtplanung und der Ressourcenverteilung kaum.

Armut und Kriminalität

Am schlechtesten geht es Kindern in den Slums und in den informellen Siedlungen am Rande der größeren Städte. Dort ist die Kindersterblichkeit hoch: Meist gibt es kein sauberes Trinkwasser, Krankheiten wie Cholera, Tuberkulose oder Masern breiten sich in den dicht besiedelten Stadtteilen schnell zu Epidemien aus.

Meist wohnen die Familien illegal in den Siedlungen, können jederzeit vertrieben werden, wenn Bulldozer gegen Armut eingesetzt werden. Die Kriminalität ist hoch: UNICEF berichtet, dass das Einstiegsalter in den Jugendgangs heute bei 13 Jahren liegt. Gewalt gehört am Rande der Gesellschaft zum Alltag, ebenso wie Zwangsprostitution und Vergewaltigungen.

Neuer Fokus auf Straßenkinder

Auch die Situation der Straßenkinder wird im UNICEF-Bericht aufgegriffen. Um sie kümmern sich bisher nur wenige. Oft werden sie von der Polizei oder paramilitärische Gruppen verfolgt - oder gar ermordet.

Straßenkind in Peking (Foto:AP)

Straßenkind in Peking. Die Straßenkinder sind die schwächsten Opfer der Armut

"Das ist eine tatsächlich wachsende Gruppe von Kindern und Jugendlichen weltweit, die ausgegrenzt werden, die illegalisiert werden, die anfällig sind für Drogen und Kleinkriminalität und denen man keine Überlebens- oder Entwicklungsperspektiven in den Städten anbietet", beschreibt Albert Recknagel die Situation der Straßenkinder.

Er ist Leiter des Referats Kinderrechte bei der Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes, die weltweit auch Projekte für Straßenkinder betreut. Recknagel begrüßt ausdrücklich den neuen Bericht von UNICEF und hofft, dass den Verhältnissen der Kinder in den wachsenden Städten endlich mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. In den Entwicklungsländern geht es für die Kinder und ihre Familien ums nackte Überleben, betont er und möchte gleichwohl auch auf die Missstände in den reicheren Ländern aufmerksam machen.

Nachholbedarf auch in Industrieländern

Auch bei uns, so Albert Recknagel, werden Kinder in den Städten meist vernachlässigt. Es geht bei der Stadtplanung höchstens um sogenannte "Soft Issues" wie Spiel und Sport und sonstige Freizeitgestaltung. Doch bei Mitbestimmung hört das Verständnis meist auf.

"Die Kinderrechtskonvention verlangt ganz klar und eindeutig die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen bei allen sie betreffenden Fragen und Planungen. Dies wird in unseren Gemeinden und Städten bislang nicht wirklich umgesetzt", kritisiert Albert Recknagel von Terre des Hommes.

Polizei Einsatz in Favela Rocinha bei Rio de Janeiro (Foto: AP)

Polizei Einsatz in Favela Rocinha bei Rio de Janeiro

Wir müssen von unten anfangen, bestätigt auch UNICEF-Sprecherin Sarah Crowe. "Wenn wir heute nicht handeln, werden wir das Fundament für die Probleme von Morgen schaffen", betont sie und fordert vor allem eine Beteiligung der Slumbewohner selbst - und der Kinder. Denn sie sind letztendlich die, die die Zukunft leben müssen. Bereits in wenigen Jahren, so der UNICEF-Bericht, der am 28. Februar in Mexiko vorgestellt wurde, wird die Hälfte aller Kinder in Städten aufwachsen.

Autorin: Helle Jeppesen
Redaktion: Mirjam Gehrke