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Welt

Die vergessenen Kinder von Candelária

Zu Beginn des Weltjugendtags in Rio de Janeiro jährt sich der 20. Jahrestag des Massakers vor der Candelária-Kirche, bei dem acht Straßenkinder erschossen wurde. Die Toten sind vergessen, die Täter auf freiem Fuß.

Der Tod kam um Mitternacht: Eine Gruppe maskierter Männer eröffnete das Feuer. Der Kugelhagel traf eine Gruppe von über 50 schlafenden Kindern und Jugendlichen in grauen Wolldecken. Acht von ihnen starben, Dutzende wurden verletzt - genau vor 20 Jahren, am 23. Juli 1993 um 23.43 Uhr vor der Candelária-Kirche im Zentrum von Rio.

Die Motivation der Mörder ist bis heute unbekannt - wahrscheinlich war das Gemetzel eine Racheaktion. Straßenkinder hatten tags zuvor ein Polizeiauto mit Steinen beworfen, nachdem ein Jugendlicher, ein "Klebstoffdealer", verhaftet worden war.

Aus dem Sinn

Eine Menschenmasse an der Copacabana

Der WJT wurde an der Copacabana mit hunderttausenden Gläubigen eröffnet (Foto: TASSO MARCELO/AFP/Getty Images)

Das Massaker, das damals die Weltöffentlichkeit schockte, scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Die Erinnerung an die Toten geht im Trubel des Weltjugendtages unter. Während das katholische Festival mit 500.000 Pilgern am Strand von Copacabana feierlich eröffnet wurde, blieb bei den Gedenkveranstaltungen für die Opfer vor der Candelária-Kirche das große Publikum aus.

"Dieses brutale Verbrechen jährt sich zufällig just an dem Tag zum 20. Mal, an dem wir um ein besseres Leben für Jugendliche bitten", erklärt Marco Lázaro, Pfarrer der Gemeinde "Santa Teresinha do Menino Jesus" in Rios Stadtteil Botafogo. In Rio gebe es immer noch viele Kinder, die auf der Straße wohnten und um die sich keiner kümmere.

Die hässliche Seite

Der junge Franziskanerpriester hat beim kirchlichen "Radio Catedral" regelmäßig eine Sendung, in der er Andachten im Morgengrauen hält. Dienstagnacht widmete er sie den ermordeten Straßenkindern. "Die Nachtwache ist nicht nur ein großer Moment des Gebets, sondern sie zeigt auch, dass es in der wunderbaren Welt von Rio noch viele hässliche Dinge gibt, wie die Verachtung von Kindern", so Lázaro.

In Decken gehüllte Kinder, die auf einem Bürgersteig in Rio de Janeiro schlafen.

Straßenkinder gehören zum Alltag in den brasilianischen Metropolen (Foto: picture-alliance/dpa)

Die "hässliche Seite" vieler brasilianischer Großstädte ist statistisch belegt. Nach einer Volkszählung aus dem Jahr 2011 in 75 Städten mit über 300.000 Einwohnern lebten in Brasilien rund 24.000 Kinder und Jugendliche auf der Straße. Die Mehrheit von ihnen ist zwischen zwölf und 15 Jahren alt und männlich. Der Bundesstaat mit den meisten Straßenkindern ist Rio de Janeiro mit 5091 Jugendlichen, gefolgt von Sao Paulo und Bahia.

Hauptzeuge lebt in Europa

Schon eine Woche vor der Eröffnung des Weltjugendtages am Dienstag hatten Nichtregierungsorganisationen der Opfer des Massakers und deren Angehörigen gedacht. Wie damals stellten sie ein Kreuz vor der Candelária-Kirche auf, diesmal das Pilgerkreuz des Weltjugendtages, um an das Blutbad auf dem Bürgersteig zu erinnern. "Wir kommen hier jedes Jahr hin, denn wir wollen, dass so etwas nie wieder passiert, aber es passiert trotzdem immer wieder", beschwerte sich Patricia de Oliveira, Schwester des Überlebenden und Hauptzeugen Wagner dos Santos, nach dem Gottesdienst.

Ihr damals 20-Jähriger Bruder wurde von Militärpolizisten bei der Gewaltaktion in ein Auto gezerrt, angeschossen und dann freigelassen. Mittlerweile lebt er seit 19 Jahren in der Schweiz und kämpft mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen.

Täter wieder in Freiheit

Menschen der Candelaria Kirche in Rio, Brasilien (Foto:Fernando Frazão/Abr)

Verwandte und Freunde der Opfer wollen nicht, dass die Tragödie in Vergessenheit gerät

Von den drei zu hohen Haftstrafen verurteilten Tätern, die der brasilianischen Militärpolizei angehörten, sind bereits alle wieder auf freiem Fuß. Der Hauptschuldige Marcus Vinicius Emmanuel Borges wurde im Juni 2012 nach 18 Jahren Haft begnadigt. Mittlerweile ist die Begnadigung von der brasilianischen Staatsanwaltschaft aufgehoben worden und der Täter gilt als flüchtig.

Pfarrer Marco Lázaro wünscht sich, dass Papst Franziskus während des Weltjugendtags an die Tragödie vor der Candelária-Kirche erinnert und der Opfer gedenkt. "Die Kirche könnte sich sozial stärker engagieren, ohne dass sie staatliche Aufgaben übernimmt", findet er. Er selbst wolle mit seiner Radio-Andacht dazu beitragen, dass sich die kirchliche Arbeit nicht auf die Austeilung von Sakramenten und Musik beschränke. Ein Weg, der durch den neugewählten Papst geebnet wird, freut sich Lázaro: "Papst Franziskus hat die soziale Stimme schon zum Klingen gebracht."

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