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Amerika

Die vergessene Revolution

Am 1. Januar 1994 besetzten zapatistische Rebellen mehrere große Städte im südöstlichen Bundesstaat Chiapas. Zum ersten Mal verschaffte sich damit die indigene Landbevölkerung Gehör – national und international.

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„Ya, basta!“- „Es reicht, endgültig!“ – platzte am 1. Januar 1994 der zapatistische Kampfruf mitten in die Aufbruchstimmung zum Jahreswechsel. Gerade war das Nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta mit den USA und Kanada in Kraft getreten, gerade hofften viele Mexikaner auf den wirtschaftlichen Sprung in die erste Welt. Da stahl eine kleine Schar bewaffneter, schwarz maskierter Indios aus Chiapas den Freihandelsapologeten die Show. Statt Nafta hörte man EZLN, Nationale Zapatistische Befreiungsarmee:

Die EZLN besetzte große Städte in Chiapas, darunter auch beliebte Touristenziele. Damit begann der Zapatistische Aufstand, mitangeführt vom charismatischen Subcomandante Marcos.

Armenhaus Chiapas

“Zapata lebt, der Kampf geht weiter“ lautete damals wie heute der Schlachtruf. Die Zapatisten traten an, um gegen soziale Ungleichheit zu kämpfen, so wie einst Revolutionsheld Emiliano Zapata, Anführer eines Heeres besitzloser Landarbeiter. Von den Errungenschaften der mexikanischen Revolution von 1910 hatte Chiapas kaum profitiert: Agrarreformen waren nie durchgeführt worden, das Land in den Händen weniger Großgrundbesitzer geblieben. Schlechte Voraussetzungen für freien Handel. ´

Frau mit Kindern im mexikanischen Chiapas

Die indigene Bevölkerung in Chiapas lebt in extremer Armut.

“Land und Freiheit“, das Leitmotiv von Emiliano Zapata, war für die Rebellen von 1994 immer noch aktuell. Die indianische Bevölkerung, ungebildet, unterernährt und von den Weißen unterdrückt, kämpfte um Anerkennung. Die bislang “gesichtslosen“ waren plötzlich deutlich erkennbar - an ihren schwarzen Masken.

Doch den Indios aus Chiapas mochte die weißhäutige mexikanische Oberschicht so einen Aufstand nicht zutrauen. “Das ist keine Volkserhebung der Indios. Es nehmen nur einige von ihnen teil an diesem Landesverrat, angezettelt und koordiniert von einer bewaffneten, im Ausland trainierten Gruppe von Agressoren“, so der damalige mexikanische Präsident Carlos Salinas de Gortari.

Die Regierung in Mexiko-Stadt schickte die Armee nach Chiapas. Innerhalb weniger Tage schlug sie den Aufstand mit brutaler Gewalt nieder. Etwa 200 Indios verloren ihr Leben.

Neues Selbstbewusstsein

Aber der Kampf ging weiter - unbewaffnet. Die Zapatisten verhandelten mit der Regierung und unterzeichneten schließlich das Abkommen von San Andrés. Selbstbestimmungsrechte für die indigenen Völker, wie darin vorgesehen, fanden jedoch erst Jahre später, und nur in stark verwässerter Form Eingang in die mexikanische Verfassung. Damaliger Vermittler zwischen Regierung und Zapatisten war der Bischof von San Cristóbal de als Casas, Samuel Ruiz. Rückblickend stellt er fest: “Eines ist nicht mehr rückgängig zu machen, nicht nur hier in Mexiko sondern in ganz Lateinamerika: die Indios sind sich bewusst geworden, dass sie Subjekte ihrer eigenen Geschichte sein können, und nicht immer nur Objekte. Der Indio hat darüber hinaus seine Unterwürfigkeit abgelegt. Als ich vor 40 Jahren nach Chiapas kam, musste ich die Indios sagen hören: ‚Ich bin kein kluger Mensch, denn ich kann nicht mal Spanisch sprechen’, und damit meinten sie gleichzeitig, keine menschlichen Fähigkeiten zu haben.“´

Zapatisten-Kommandant Marcos vor Kongress

Subcomandante Marcos

Selbstbewusst gingen die Zapatisten mit den Medien um, sendeten ihre Botschaften per Internet in die Welt. Die “Cyberguerilla” wurde zum Lieblingskind der Globalisierungsgegner. In aller Welt solidarisierten sich Linke mit den maskierten Rebellen aus dem Dschungel.

Mythos Marcos

Obwohl nur SUBcomandante der Zapatisten, hält sich das Bild von Marcos als Anführer der Bewegung. Der weiße Akademiker, der das Leben im Dschungel unter schwarzer Maske gewählt hat, ist Sprecher und Heldenfigur – und ein guter Rhetoriker: “Wir haben alle Arten von Angriffen ausgehalten. Man hat uns bombardiert und beschossen, gefoltert und ins Gefängnis gesteckt, man hat uns verleumdet, verachtet und vergessen. Aber hier sind wir. Wir sind die Ehre der Rebellen, das vergessende Herz des Vaterlandes. Wir sind das Gedächtnis, das dunkle Blut, das die Geschichte erhellt. Wir sind diejenigen, die kämpfen, die leben und sterben.

Die politisch erfolglosen Zapatisten blieben, machten von sich reden mit einem wochenlangen Protestmarsch in die Hauptstadt, erklärten einige ihrer Dörfer in Chiapas zu autonomen Gebieten. Während des Präsidentschaftswahlkampfes 2006 verschafften sie sich Medienpräsenz mit ihrer “Anderen Kampagne”.

Zapatisten Jahrestag Mexiko

Anhängerinnen der Zapatisten erinnern an den Aufstand vor 15 Jahren

In den vergangenen Jahren verloren die Rebellen jedoch an Wert für die Nachrichten im medial weitgehend gleichgeschalteten Mexiko. Journalistin Laura Castellanos erinnerte vor kurzem mit einem Buch an die Protestbewegung im abgelegenen Dschungel. Natürlich haben die Zapatisten noch nationale Bedeutung, sagt sie. “Wir sprechen immerhin von 39 autonomen Gemeinden. Dort leben Indios, die mit der Regierung gebrochen haben. Weil ihre Forderungen nach mehr Autonomie immer noch nicht in der Verfassung verankert wurden, haben sie sich selbst als unabhängig erklärt. Ab diesem Zeitpunkt sank leider das Interesse der Medien. Dabei gehen die militärischen Aggressionen gegen die Zapatisten weiter.“

Der Kampf geht weiter. 15 Jahre nach dem Aufstand und Einführung der Nordamerikanischen Freihandelszone haben sich die Lebensbedingungen der Indios in Chiapas nicht verbessert. Der Bundesstaat führt weiterhin die Negativ-Statistiken an. Der Reichtum ist so ungerecht verteilt wie in den ärmsten Ländern Afrikas. In den autonomen Regionen der Zapatisten regiert immerhin das - wenn auch in Vergessenheit geratene - Volk.