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Deutschland

Die Vergangenheit verstehen

Seit 1995 erforscht das Fritz-Bauer-Institut die Geschichte der Nazi-Verbrechen. Zugleich zeigen die Wissenschaftler die Normalität jüdischen Lebens in Deutschland früher und heute. Dafür erhielten sie nun einen Preis.

Fritz Bauer hat dem Institut seinen Namen gegeben. Der Jurist und Holocaust-Aufklärer starb bereits 1968, doch gegründet wurde die Forschungseinrichtung erst 1995, mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod. Für Raphael Gross, der das Institut seit sechs Jahren leitet, ist diese späte Gründung nur allzu verständlich. "Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, insbesondere dem Holocaust, hat in Deutschland erst in den 1980er Jahren als wirklich breite Bewegung eingesetzt", sagt der Historiker im Gespräch mit der Deutschen Welle. In den deutschen Amststuben in ganz Deutschland, im Westen wie im Osten, hätten in den 1960er Jahren noch viele Mitläufer und Täter des NS-Regimes gesessen. "Deshalb ist es kein Zufall, dass ein solches Institut erst in den 90er Jahren überhaupt gedacht werden konnte."

Ein Aufklärer in feindlicher Umgebung

Portraitfoto von Fritz Bauer Foto: http://www.fritz-bauer-film.de/ge/index.htm

Fritz Bauer musste seine Aufklärungsarbeit gegen starken Widerstand durchsetzen

Fritz Bauer stammte aus einer jüdischen Familie und war 1930 mit 26 Jahren der jüngste Richter im Deutschen Reich. 1933 wurde er aus dem Staatsdienst entlassen und von den Nazis acht Monate im württembergischen Konzentrationslager Heuberg inhaftiert. Bauer emigrierte zunächst nach Dänemark. Als die Nazis mit der Deportation der dänischen Juden nach Theresienstadt begannen, floh er 1943 nach Schweden. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück, wurde Gerichtsdirektor am Landgericht Braunschweig, später hessischer Generalstaatsanwalt. Fritz Bauer setzte sich dafür ein, dass die deutsche Justiz NS-Verbrecher vor Gericht brachte. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass sich ehemalige Nazis ab 1963 in den "Auschwitz-Prozessen" verantworten mussten. Bauer misstraute stets dem Staatsapparat, in dem er selbst arbeitete. Vielfach zitiert ist seine Äußerung, dass er sich "in feindlichem Ausland fühlte, sobald er sein Büro verließ".

Braune Vergangenheit war allgegenwärtig

Der SS-Mann und Massenmörder Adolf Eichmann 1961 vor einem israelischen Gericht in Jerusalem (Foto:AP/dapd)

Der SS-Mann und Massenmörder Adolf Eichmann 1961 vor einem israelischen Gericht in Jerusalem

Selbst bei den Unterstützern seines Kampfes für Gerechtigkeit gab es für Fritz Bauer Anlass, misstrauisch zu sein. "Sein vielleicht engster Verbündeter, der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn, war auch eine Zeit in der SA gewesen", stellt Institutsleiter Raphael Gross fest. Und Zinn sei keine Ausnahme gewesen. "In Ludwigsburg wurde 1959 eine Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen eingerichtet, und der erste Leiter war auch ein ehemaliges Mitglied der NSDAP", beschreibt Gross die Realität der damaligen Zeit. So verwundert es wenig, dass es Fritz Bauer war, der an den deutschen Behörden vorbei dem israelischen Geheimdienst Mossad die entscheidende Information gab, um Adolf Eichmann in Argentinien zu stellen. Eichmann war für die Ermordung von Millionen Menschen mitverantwortlich. Er wurde dafür in Israel gehenkt.

Wer Unrecht verhindern will, muss verstehen, wie es entsteht

Raphael Gross, Leiter des Fritz Bauer Institutes in Frankfurt am Main. Foto:Günther Birkenstock / DW.

Der Leiter des Fritz Bauer Instituts, Raphael Gross

Fritz Bauer ging es nicht nur darum, Nazi-Schergen vor Gericht zu bringen. Er wollte auch verstehen, was die Menschen zu ihren Taten hinreißt. Diese Arbeit setzt das Fritz Bauer Institut fort und fragt nach den Auswirkungen der NS-Ideologie.

Raphael Gross und seine Mitstreiter gehen wichtigen Fragen auf den Grund. Wenn etwa im Bundesjustizministerium oder im Auswärtigen Amt in den 50er Jahren mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder Positionen innehatten als 1945 - welche Folge hat das dann für die Entwicklung des Rechts nach 1945 oder die diplomatischen Außenbeziehungen? Das Institut leistet akribische Kleinarbeit, erforscht historisch, psychologisch und politisch solche Denkmuster, die Antisemitismus fördern oder am Leben erhalten.

"Auf dem Schulhof ist 'Opfer' ein Schimpfwort"

Ein Häftlingstransport trifft im Lager Auschwitz ein (undatierte Aufnahme). Foto: +++(c) dpa - Bildfunk+++

Wenn Juden nur als Opfer dargestellt werden, führt das bei vielen zur Abwehr, statt zu Verständnis

Die Frankfurter Holocaust-Forscher wollen nicht nur in der Wissenschaft gehört werden. Deshalb sind unter den 15 Mitarbeitern auch Pädagogen, die wiederum Lehrer und andere Multiplikatoren weiterbilden. Ihre Grundbotschaft: Juden sind nicht nur Opfer. "Auf dem Schulhof ist Opfer ein Schimpfwort", weiß Gross. Denn Opfer wirkten fremd, und Fremdes werde abgelehnt. Stattdessen müsse man ein Bewusstsein von positiver Vielfalt vermitteln, wenn man über Juden spricht.

Menschen wie alle anderen

Beispiel-Foto zum jüdischen Alltagsleben in Hessen. Mehrere Cousinen, die auf einer Bank am See sitzen. Foto: Monica Kingreen, Pädagogisches Zentrum FFM, Fritz Bauer Institut & Jüdisches Museum

Fotos zum jüdischen Alltagsleben vor 1945 in Hessen zeigt das Internetportal: www.vor-dem-holocaust.de

Gross möchte deutlich machen, dass Juden ein selbstverständlicher Teil Deutschlands waren und sind. Ausstellungen über jüdischen Alltag früher und heute, die in Museen oder im Internet zu sehen sind, helfen dabei. Die Darstellung von Alltagswirklichkeit korrigiere auch viele Mythen, die in den Köpfen herumschwirrten. Beispielsweise würden Juden immer mit dem großen Geld in Verbindung gebracht, sagt Gross. Da helfe es zum Beispiel, das Leben der Frankfurter Juden darzustellen, die vor dem Zweiten Weltkrieg immerhin zehn Prozent der Bevölkerung stellten. "Darunter gab es zwei, drei ganz reiche Familien, aber eben nur eine Familie Rothschild. Die anderen gehörten zur Mittelschicht oder waren sehr arm."

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