1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Medizinforschung

Die Verantwortung der Reichen

Im Interview: Prof. Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit, zu den Problemen der Weltgesundheit und zu den Zielen des Kongresses. Was kann der Gipfel bewegen? Ganten: "Was wir machen, ist Agenda-Setting".

07.10.2011 DW-TV Projekt Zukunft Ganten

DW:
Unter dem Titel "Global Health" hat die Charité in Berlin einen Ausbildungsgang für angehende Mediziner aus aller Welt eingerichtet. Kritiker sagen: Das ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Was fehlt denn da noch?

Detlev Ganten:
Das ist nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, die Charité macht das ja sehr engagiert: Wir müssen in den Entwicklungsländern Strukturen aufbauen, die das, was von außen hineingetragen wird, auch behält und intern die Fortführung garantiert. Dazu braucht man Leute, die gut ausgebildet sind, in die wir Vertrauen haben und mit denen wir das, was wir vorhaben, gemeinsam dort vor Ort durchführen können. Insofern ist das nicht nur eine individuelle Ausbildung, sondern echte Strukturentwicklung in diesen Ländern.

Der World Health Summit legt auch den Finger auf die Wunde der ungerechten Verteilung. Wenn man sich klarmacht, dass hierzulande etwa für viel Geld eine künstliche Hüfte implantiert wird und in ärmeren Ländern Kinder an den Folgen von schmutzigem Trinkwasser sterben, stellt sich die Frage: Haben wir das Recht, so zu agieren?

Nein, wir haben nicht das Recht so zu agieren. Verteilungsgerechtigkeit ist ein Riesen-Problem. Das ist ja auch nicht ganz neu. Der Nord-Süd-Dialog, den der frühere Bundeskanzler Willy Brandt ja wesentlich mit stimuliert und angeregt hat, war ja genau dieses Thema. Und das betrifft alle Bereiche und insbesondere den Bereich, den die Leute wirklich für besonders wichtig halten - ihre eigene Gesundheit.

Wie schafft man es denn, das Geld umzuverteilen? Es stehen Milliarden von Euro bereit, um den Euro zu retten, aber eben nicht um Menschenleben zu retten?

Das ist nicht nur eine Frage der Geldumverteilung. Es ist ja eine ganze Menge Geld im System, und das muss zunächst auch richtig eingesetzt werden. Der Weltgesundheitsgipfel, den wir jetzt in Berlin zum 4. Mal organisieren, hat genau das zum Ziel. Eine Koordination dessen, was schon läuft. Es gibt wahnsinnig viele Organisationen, angeführt durch die Weltgesundheitsorganisation, viele Stiftungen, viele Regierungen, die im Rahmen der Entwicklungshilfe viel tun - auch Deutschland. Aber das ist häufig noch sehr fragmentiert. Es sind auch sehr unterschiedliche Interessen, Stakeholder, die möglicherweise auch wirtschaftliche oder ganz egoistische institutionelle Interessen haben. Das zusammen offen zu legen - Transparenz - und dann zusammen zu führen: das ist einer der wesentlichen Punkte dieses Weltgesundheitsgipfels.

Was konnten Sie da ganz konkret schon erreichen? Haben Sie die Welt mit dem Kongress zum Besseren verändert?

Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Klimawechsel ist ein Riesen-Thema. Wir haben gesehen, dass die große Konferenz in Kopenhagen kein großer Erfolg war - um nicht zu sagen, es war ein kompletter Misserfolg. Wir hatten vorgeschlagen, das Thema Gesundheit in die Klimadiskussion mit hinein zu bringen. Das ist nicht erfolgt. Auf dem vorletzten Weltgesundheitsgipfel haben wir dieses Thema aufgegriffen, und es läuft natürlich weiter. Dieser Gesundheitsgipfel hat etwas Spezielles, etwas Besonderes: Wir haben hier alle Nationalakademien der Welt mit dabei.

Aber dann wird wieder nur geredet - oder passiert auch was?

Reden ist ja zunächst mal nichts Schlechtes. Aber es wird nicht nur geredet: Es wird ein Papier geschrieben, das ist dann gewissermaßen festgefrorene Rede, die aber weiter gegeben werden kann. Die Nationalakademien haben die Aufgabe, ihre Nationalregierungen zu beraten. Das heißt, wir beraten dann plötzlich beim Weltgesundheitsgipfel über hundert wichtige Regierungen der Welt. Die nehmen das, wenn es gut geht, in ihr Programm auf und geben es weiter an die internationalen Organisationen. Das heißt: Was wir machen - und das ist mit das Wichtigste -, ist Agenda-Setting. Wir thematisieren die wichtigen Punkte. Auch Klima und Gesundheit ist über diese Aktivität zusammen gebracht worden.

Interview: Ingolf Baur

Audio und Video zum Thema