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Politik

Die Vakuumbombe - ein Fake?

Russland vermeldete im September 2007 den erfolgreichen Test der "Vakuumbombe". Der Waffenexperte Sascha Lange bezweifelt im Gespräch mit DW-WORLD die Echtheit der Videoaufnahmen und die Existenz der Waffe.

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Präsident Putin: War alles nur eine Pr-Show?

DW-WORLD: Die Russen haben vermeldet, dass sie eine neue Vakuumbombem, die stärkste konventionelle Waffe, gezündet haben. Weshalb zweifeln Sie daran?

Sascha Lange Stiftung Wissenschaft und Politik SWP

Waffenexperte Sascha Lange zweifelt an der Existenz der russischen Bombe

Sascha Lange: Ich bezweifle, dass das so von statten gegangen ist, wie die Russen das behauptet haben. Denn die Bilder, die im Staatsfernsehen gezeigt wurden, zeigen nicht eindeutig das, was behauptet worden ist. Zum Beispiel wurde dort eine Tupolew 160 "Blackjack" gezeigt, ein strategischer Bomber. Der öffnet zwar auch die Klappen auf den Bildern, aber man sieht die Waffe gar nicht aus diesem Flugzeug raus fallen. Es wird einfach ein Schnitt gemacht und dann fällt ein Körper aus einem anderen Flugzeug heraus. Zu erkennen ist das, weil das ein anderer Waffenschacht ist und sich die Bombe anders löst, als aus sie das aus einem "Blackjack-Bomber" tun würde.

Gibt es weitere Ungereimtheiten?

Ja, denn zwar sieht man diese Waffe im freien Fall, und man sieht eine Explosion. Aber so wie die große Explosion auf den Bildern zu sehen ist, kann man nicht erkennen, ob sie von einer Bombe, die vorher runter fällt, verursacht worden ist. Es könnte auch sein, dass diese große Explosion dann am Boden zusammengetragen wurde und nicht durch die abgeworfene Bombe verursacht worden ist.

Wenn man diese Explosion betrachtet, findet die auch auf einer völlig flachen Ebene statt. Danach werden aber Bilder gezeigt, wie zum Beispiel Gebäude oder Fahrzeuge von dieser Bombe zerstört worden sein sollen. Die sind aber bei der Explosion vorher gar nicht zu sehen. Die ganzen Bilder passen an vielen Stellen nicht richtig zusammen und die Behauptungen werden durch diese Bilder überhaupt nicht gestützt. Der Waffenabwurf von dem "Blackjack- Bomber" wird auch überhaupt nicht gezeigt. Die Bilder suggerieren also Passendes zu den Behauptungen der russischen Medien, aber sie zeigen das überhaupt gar nicht.

Um noch mal nach der Quelle zu fragen, Sie beziehen sich auf Videos, die im russischen Staatsfernsehen gelaufen sind?

Ja, exakt. Die sind auch hier bei uns in den Nachrichten, bei der Tagesschau und im heute-Journal, gelaufen - unter der Überschrift "Russland hat neue Bombe." Dabei ist die Waffentechnik grundsätzlich nichts neues. Der genaue Begriff dafür ist: thermobarische Waffen. Die Amerikaner haben sie schon im Vietnamkrieg eingesetzt, außerdem auch im letzten Golfkrieg. Das Konzept wurde schon von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg angedacht. Die Russen haben jetzt einfach nur die Nachricht rausgegeben: "Wir haben die größte Bombe." Ich denk mal, dass ist in erster Linie innenpolitisch gemünzt, damit die russische Bevölkerung merkt, Putin ist der Stärkste und wir haben jetzt auch die stärkste Bombe.

Können Sie denn einschätzen, ob Russland überhaupt in der Lage ist, eine Bombe mit der vierfachen Sprengkraft der MOAB, der bisher stärksten konventionellen Bombe der Amerikaner, zu bauen?

Grundsätzlich können die Russen das, die Russen haben auch schon andere Munition mit diesen Sprengköpfen aufgebaut, zum Beispiel ihre Artillerieraketen. Die Russen können das schon. Bei der gezeigten Waffe würde ich aber nicht davon ausgehen, dass sie die vierfache Sprengkraft der MOAB der Amerikaner hat. Das passt nicht zusammen.

Aus optischen Gründen?

Richtig, die Masse ist nicht groß genug. Die MOAB ist ein stattlicher, großer Sprengkörper, mit einer Masse von zehn Tonnen, das ist wirklich ganz was anderes. Dieser Abwurf, der da im russischen Fernsehen gezeigt worden ist, hat mich sehr viel mehr an die alte amerikanische thermobarische Waffe, die so genannte "Daisy Cutter" erinnert.

Russland proklamiert für sich, dass sie diese Waffe entwickelt haben, um sie im Anti-Terrorkampf einzusetzen. Ist die dafür überhaupt geeignet?

Dass ist genauso fern liegend, wie der Umstand, dass die Amerikaner mit Kernwaffen auf Terroristenjagd gehen wollen. Zur Terrorismusbekämpfung ist die Waffe untauglich. Im Gegenteil. In der praktischen Kampfführung, etwa in Afghanistan oder im Irak, gehen die Militärs dazu über, möglichst kleine Munition einzusetzen. Der Trend geht in eine andere Richtung, nicht zu großen Bomben mit möglichst viel Sprengkraft sondern zu möglichst kleiner Munition mit kleinen Sprengkreisen.

Und wofür wäre die Waffe, die von den Russen auch "Vater aller Bomben" genannt wird, einsetzbar?

In erster Linie psychologisch. Die Amerikaner haben diese Art Waffen in Vietnam genutzt, um Lichtungen für die Hubschrauber in den Wald zu sprengen. Im Irak hat man sie zur Sprengung von Minenfeldern eingesetzt. In Afghanistan wurden diese Bomben, soweit ich weiß, äußerst selten eingesetzt. Auch dort wurden sie wie auch im Irak eher zur psychologischen Kriegsführung genutzt. Denn es gibt einfach eine sehr große Explosion, auch wenn es eine konventionelle Waffe ist. Aber militärisch gesehen ist es eine ausgesprochen selten angewandte Waffe.

Also wurde die Bombe zu innenpolitischen PR-Zwecken gezündet?

Ja, das wäre meine Vermutung.

Wo steht denn Russlands Armee im weltweiten Vergleich?

Nicht da, wo sie sich selber gerne sehen würden. Die russischen Streitkräfte haben sehr unter dem Ende des Kalten Krieges gelitten. Erst allmählich werden wieder Flugzeuge und Panzer beschafft. Allerdings konnten sie damit nicht mal das ersetzen, was ihnen weg gealtert ist. Der Übungsstand war über die letzten 15 Jahre stark zurückgegangen, jetzt gibt es wieder einen leichten Trend nach oben, der kommt allerdings von einem sehr niedrigen Niveau. Die haben noch einen langen Weg zu gehen, bis das wirklich ernst zu nehmende Streitkräfte sind.

Sascha Lange ist Diplom-Biologe und Militär- und Waffenexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)

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