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Asien

"Die USA werden Pakistan-Hilfe überdenken"

Pakistan soll chinesischen Militärs Zugang zu einem abgeschossenen Hubschrauber der US-Streitkräfte gewährt haben. DW-WORLD sprach mit Jochen Hippler über Pakistans zwiespältiges Verhältnis zu den USA.

Jochen Hippler, Politikwissenschaftler, lehrt und forscht am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen (Foto: Jochen Hippler)

Jochen Hippler, Politikwissenschaftler, lehrt und forscht am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen

DW-WORLD.DE: Herr Dr. Hippler, Pakistan soll China erlaubt haben jenen Hubschrauber zu inspizieren, den die US-Spezialkräfte nach der Tötung Bin Ladens zurücklassen mussten. Für wie wahrscheinlich halten Sie solche Meldungen?

Jochen Hippler: Es ist nicht ausgeschlossen. Aber mit einem endgültigen Urteil müssen wir sehr vorsichtig sein. Dennoch würde diese Art von Zusammenarbeit zwischen Pakistan und China politisch einen gewissen Sinn machen.

Was meinen Sie damit?

Das Verhältnis Pakistans zu den USA und umgekehrt ist immer sehr problematisch gewesen. Das heißt, man unterstützt sich gegenseitig, aber man traut sich nicht. Die pakistanische Regierung hat den Amerikanern seit den 1960er Jahren nicht mehr getraut.

Mit den 1960er Jahren meinen Sie den Krieg zwischen Pakistan und Indien um die Region Kaschmir, die beide Seiten für sich beanspruchen? Ein Krieg, bei dem Pakistan von den USA nicht unterstützt wurde?

Ganz genau. Pakistan hatte sich am amerikanischen Militär orientiert und sah in den Vereinigten Staaten einen sehr engen Verbündeten. Doch im Krieg gegen Indien kam Washington Islamabad nicht zu Hilfe. Ganz im Gegenteil: Die USA stoppten Waffenlieferungen an die pakistanische Regierung.

Eine ähnliche Erfahrung machte Pakistan nach dem Abzug der Sowjetunion aus Afghanistan Anfang 1989. Die USA ließen Afghanistan und Pakistan wie eine heiße Kartoffel fallen. Die USA sind ihrerseits der Ansicht, dass Pakistan nie aufrichtig gegen Islamisten in der Region vorgegangen sei. Es herrscht also ein großes Misstrauen zwischen den beiden Ländern. Aus diesem Grund hat sich Pakistan immer mehr mit China verbündet.

Weil China in Indien ebenfalls einen großen Rivalen sieht?

Ja. Auf der anderen Seite wollte Islamabad Washington zeigen, dass Pakistan auch ohne US-Hilfe wirtschaftlich und militärisch weiter kommen kann - was eigentlich nicht der Wahrheit entspricht. Was den aktuellen Fall anbetrifft, so kann gesagt werden, dass Pakistan aus zwei Gründen mit den Chinesen zusammen gearbeitet haben könnte: Erstens soll Peking gezeigt werden, dass Pakistan ein treuer Verbündeter Chinas ist und aus diesem Land keine Gefahr für China zu erwarten ist. Andererseits soll Washington signalisiert werden, dass Islamabad nicht eine Marionette der USA ist.

Angenommen es ist zu einer Zusammenarbeit zwischen Pakistan und China im Falle des abgestürzten US-Hubschraubers gekommen, was würde sich in den Beziehungen zwischen Islamabad und Washington verändern?

Ich glaube, dass sich die Beziehungen in absehbarer Zeit sogar noch verschlimmern könnten. Für die USA geht es hier um sehr viel: Sie verlieren technologisches Wissen, das sie auf keinen Fall preisgeben wollten. Die Technologie, die bei dem abgestürzten Hubschrauber verwendet worden ist, ist bislang nur aus Kampfjets bekannt gewesen. Die Welt wusste bislang nicht, dass auch Hubschrauber unentdeckt vom Radar fliegen können. Zudem geht es hier um China, die kommende Weltmacht, was den Fall besonders heikel macht. In den USA wird man über weniger Hilfe für Pakistan nachdenken.

Kann sich Washington überhaupt leisten, langfristig auf Pakistan in der Region zu verzichten?

Solange der Afghanistan-Krieg weitergeht, solange diese besondere Betonung des Kampfes gegen islamischen Extremismus weiterbesteht, solange hat Washington kaum eine andere Möglichkeit. Wenn Sie sich auf der Landkarte mal Afghanistan anschauen, dann stellen Sie fest, dass das Land im Norden an ehemalige Sowjetrepubliken wie Tadschikistan und Usbekistan grenzt und im Westen an den Iran. Länder, die bekanntlich keine Verbündeten der USA sind. Was übrig bleibt ist also Pakistan: Die USA braucht die Zusammenarbeit mit der pakistanischen Regierung für die Bekämpfung der Taliban und Al-Kaida in Afghanistan und Pakistan.

Das heißt, Pakistan und Amerika sind verdammt zur Zusammenarbeit, ohne sich gegenseitig richtig zu trauen.

So ist es. Die USA sind in Pakistan sehr unbeliebt. Nicht so sehr aus kulturellen Gründen. Viele Menschen in Pakistan halten die US-Politik gegenüber der islamischen Welt als arrogant und aggressiv. Die pakistanische Regierung muss aber, weil sie die Hilfe aus den USA braucht, offiziell eine sehr USA-freundliche Politik betreiben. Keine einfache Aufgabe. Ich selbst habe mit drei verschiedenen pakistanischen Außenministern sprechen können - auch da merkt man, dass sich die Begeisterung für den amerikanischen Verbündeten in Grenzen hält. Sie sehen, dass die proamerikanische Politik der pakistanischen Regierungen stets mit objektiven Zwängen zu tun hat. Eine vertrauensvolle Freundschaft zwischen Islamabad und Washington gibt es bislang nicht.

Dr. Jochen Hippler ist Politikwissenschaftler und zurzeit Privatdozent am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg-Essen.

Das Interview führte Ratbil Shamel.
Redaktion: Ziphora Robina/ Chi Viet Giang

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