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Politik

Die unsichtbare Minderheit

Sie leben auffällig unauffällig: Die Juden in der Türkei. In dem muslimischen Land fühlen sie sich sicherer als in Israel. Doch die Anschläge auf Synagogen in Istanbul Ende 2003 haben viele verunsichert.

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Bombenterror in Istanbul: Die Ruine der Neve Shalom Synagoge

Über 20.000 Juden leben in dem Land am Bosporus, die überwiegende Mehrheit von ihnen in Istanbul. In der Vergangenheit hatten sie zwar zeitweise auch unter Diskriminierung zu leiden. Doch alles in allem genießen Juden in der Türkei seit jeher religiöse Freiheiten, die in vielen anderen islamisch dominierten Ländern undenkbar wären. Im Straßenbild Istanbuls fallen sie dennoch kaum auf.

In der Bosporus-Metropole gibt es zwar rund 20 Synagogen, aber im Vergleich etwa zu den mitunter recht prunkvollen christlichen Kirchen sind die meisten eher dezent in die städtische Architektur eingepasst. Auch mit religiösen Symbolen wie dem Davidstern wird im Alltag eher sparsam umgegangen. Der Grund für die Zurückhaltung ist ebenso klar wie einleuchtend: Bloß nicht provozieren, bloß nicht negativ auffallen.

Angst nach Terroranschlägen

Die Türkei ist zwar ein laizistisches Land, sie gehört zur westlichen Staatengemeinschaft, drängt in die EU und gewährt auch Juden volle Glaubensfreiheit. Aber die Bevölkerungsmehrheit gehört dem islamischen Glauben an. Die Türkei unterhält zwar offiziell sehr enge militärische Beziehungen mit Israel. Aber im Nahost-Konflikt sind die Symphatien der Bevölkerungsmehrheit auf Seiten der palästinensischen Glaubensbrüder. Und dass Juden schnell pauschal für die israelische Besatzungspolitik verantwortlich gemacht werden und dadurch auch ins Visier von Terrorgruppen geraten weiß man auch in Istanbul.

Silvio Ovadya, Pressesprecher des lokalen Rabbinats, bemühte sich schon kurz nach den Istanbuler Synagogen-Anschlägen darum, bloß keine Panik unter Istanbuls Juden aufkommen zu lassen. "Wir glauben nicht, dass sich das jüdische Gemeindeleben nach den Anschlägen hier groß ändern wird. Sicher, es war ein großer Schock für uns. Und eine Zeit lang werden die Menschen, wenn sie in eine Synagoge oder andere jüdische Einrichtung gehen, auch verängstigt sein, aber ich denke, schon nach kurzer Zeit wird die Verunsicherung und Angst wieder von den Menschen gewichen sein."

Wechselvolle Geschichte

Juden leben bereits seit Ende des 15. Jahrhunderts auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Sie wanderten damals in das Osmanische Reich ein, nachdem sie aus dem christlichen Spanien vertrieben worden waren. Das Osmanische Reich gewährte ihnen damals bereitwillig Unterschlupf und Glaubensfreiheit. Auch nach Gründung der Türkischen Republik 1923 waren Juden in der Türkei zumeist wohlgelitten. So nahm Ankara beispielsweise während der Hitler-Zeit zahlreiche jüdische Flüchtlinge aus Deutschland auf.

Allerdings kennt die Geschichte der Juden in der Türkei auch Schattenseiten: So erließ Ankara im Zweiten Weltkrieg eine Sondersteuer für nicht-muslimische Minderheiten, die neben Griechen und Armeniern auch viele Juden hart traf. Viele, die nicht zahlen wollten oder konnten, wurden deportiert und in Arbeitslager gesteckt. Als es 1955 wegen des Zypern-Konflikts in Istanbul zu schweren Ausschreitungen gegen die griechische Minderheit kam, da richteten sich die Angriffe des aufgebrachten Mobs auch gegen Synagogen und jüdische Geschäfte. Viele Juden reagierten darauf damals mit einer Art Flucht in die innere Emigration oder wanderten aus.

Kaum Antisemitismus

Trotz mehrerer Anschläge auf Synagogen auch in den letzten Jahrzehnten beteuert Rabbinats-Sprecher Ovadya allerdings, der Antisemitismus sei in der Türkei nach wie vor kein großes Problem: "Wenn man Europa und die Türkei in punkto Antisemitismus vergleicht, lässt sich feststellen, dass dieses Phänomen in der Türkei sogar weniger präsent ist. Antisemitismus finden wir hier von Zeit zu Zeit in den Medien, besonders in extrem rechten und extrem linken Medien." Ursache für Antisemitismus sei meist der Israel-Palästina-Konflikt erklärt Ovadya. "Es gibt aber keine gewalttätigen Übergriffe im Alltag oder ähnliches – so etwas passiert in Istanbul nicht."

Die Furcht bleibt

Was allerdings nicht heißt, dass die Juden sich nicht schützen müssten. In den wenigen verbliebenen jüdischen Schulen in Istanbul jedenfalls lernen die Kinder hinter Sicherheitsbarrieren aus Stacheldraht und Überwachungskameras. In privaten Gesprächen räumen Istanbuler Juden auch ein, dass sie nicht nur vor Terroranschlägen Angst haben, sondern auch davor, dass bestimmte politische Entwicklungen in Israel oder in der Türkei irgendwann erneut anti-jüdischen Ressentiments Vorschub leisten könnten.

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