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Top-Thema – Podcast

Die ungeliebte Hymne der Deutschen

In den meisten Nationalhymnen geht es um Stolz, um nationale Helden und darum, wie Schurken verbluten. In der deutschen Hymne kommt kein Blut vor und es fehlen die Bösewichte. Trotzdem ruft sie Unbehagen hervor. Warum?

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So schön kann Patriotismus sein!

Wenn man sieht, mit welcher Innigkeit die Fußballspieler vor jedem Spiel ihr Lied singen, dann scheint die Nationalhymne niemandem Probleme zu bereiten. Außer den Deutschen. Bei ihnen wirft die Hymne historische, emotionale und sogar ethische Zweifel auf - wohl aufgrund der Rolle Deutschlands in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, welches doch ansonsten für fast alle Sterblichen dieser Erde bereits der Vergangenheit angehört.

Jetzt wurde eine neue Diskussion über die Nationalhymne entfacht. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft hat vorgeschlagen, die aktuelle Nationalhymne wegen ihrer dunklen Vergangenheit zu ersetzen, zum Beispiel durch eine, die Bertold Brecht in der Schwermut der Nachkriegszeit geschrieben hat. Andere dagegen meinen, dass ein Blick auf die europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts und eine Untersuchung der Nationalhymnen als literarische Gattung sowohl die aktuelle Hymne von Vorbehalten befreie, als auch all jene, die sie mitsingen wollen.

Am 26. August 1841, während seines Exils auf der Insel Helgoland, die zu jener Zeit noch zu England gehörte, schrieb der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) das "Deutschlandlied", ein Lied über die Liebe zu seinem Vaterland. Mit "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt" begann dieses Lied, dessen Musik schon über 40 Jahre zuvor von Joseph Haydn (1732-1809) komponiert worden war.

Obwohl die deutsche Nationalhymne in ihrer ungekürzten Form für sich Ruhm einfordert, der in fast allen Nationalhymnen zum Ausdruck kommt, ist sie aufgrund der Tatsache, dass die erste Strophe nicht mehr gesungen wird, von jedem Anachronismus erlöst. Sie fordert zu "Einigkeit und Recht und Freiheit" auf und ihre Verse sind weder aggressiv noch blutig, was man von vielen anderen Nationalhymnen nicht sagen kann und was ihr politische Korrektheit verleiht. Warum sollten die Deutschen sie also nicht singen, ihre Nationalhymne, und warum nicht sogar mit viel Gefühl - wenn sie denn möchten?

GLOSSAR:

Innigkeit, die – Hingabe, Leidenschaft

Nationalhymne, die – das offizielle Lied eines Landes, das zu feierlichen Anlässen gespielt wird

aufwerfen – ergeben, provozieren

ethische Zweifel – moralische Probleme

Sterblichen, die – Synonym für Menschen

etwas entfachen – etwas bewirkt, dass etwas anfängt

dunkle Vergangenheit, die – ein Synonym für den 2. Weltkrieg und den Holocaust

ersetzen – austauschen

Schwermut der Nachkriegszeit – die schwere Zeit nach dem 2. Weltkrieg

literarischen Gattungen, die – verschiedene Formen der Literatur

Vorbehalt, der – Zweifel, Einwand

Exil, das – das fremde Land, in das jemand flieht, der in seiner Heimat aus politischen Gründen nicht mehr sicher leben kann oder darf

Vaterland, das – Heimatland (verwendet als emotional verstärkende Bezeichnung, für das Land, in dem man geboren und meistens auch aufgewachsen ist)

komponieren – Lieder und Musikstücke schreiben

Anachronismus, der – eine Aussage, die nicht wahr sein kann, weil ihre Teile nicht zueinander passen

erlösen – befreien

Vers, der – eine Zeile mit einem bestimmten Rhythmus, Reim (in Gedichten, Liedern, Theaterstücken usw.)

politische Korrektheit, die – moralisch-ethische Richtigkeit

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  • Datum 30.06.2006
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