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Nahost

Die unbekannte Scharia

Die Scharia ist kein Leitfaden für Unterdrückung, Diskriminierung und Verfolgung anders Denkender. Das wissen nur die meisten Menschen im Westen nicht. Ein neues Buch klärt jetzt über das islamische Recht auf.

Mathias Rohe (Foto: AP)

Der Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe

Amputation und Steinigung als Strafe, die Verfolgung Andersdenkender, die Unterdrückung von Mädchen und Frauen mit diesen mittelalterlich anmutende Praktiken assoziieren viele Menschen im Westen die Begriffe "islamisches Recht" oder "Scharia". Dass auf dem islamischen Recht eine weltumspannende Zivilisation begründet wurde, ist dagegen wenig präsent, ebenso wie die Tatsache, dass das islamische Recht historisch immer auch von Meinungsvielfalt und der Interaktion mit nichtreligiösen Wertesystemen geprägt war.

Dementsprechend groß ist gegenwärtig das Spektrum der Kräfte, die dem islamischen Recht mehr Geltung verschaffen wollen. Es reicht von extremistischen und rückschrittlichen Bewegungen wie den Taliban, über islamistische Parteien bis hin zu liberal-religiösen Feministinnen, die in den islamischen Gesetzestexten nach Anhaltspunkten suchen, um rechtliche Verbesserungen für Frauen zu erreichen.

Auländer in Berlin Kreuzberg, Foto: AP

Problem: Mit der zunehmenden Migration stehen immer mehr Muslime weltweit vor der Herausforderung, sich nicht nur in einer fremden Gesellschaft und Kultur, sondern auch in einem neuen Rechtssystem zurechtfinden zu müssen.



Gefahr der Fehldeutungen

Bei all dem gehe manches durcheinander. "Der Begriff 'Scharia' wird auch von Muslimen oft unpräzise benutzt", stellt der Erlanger Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe fest. "Die enge, traditionelle Interpretation setzt die Scharia mit Körperstrafen und Diskriminierung von Frauen gleich. Der andere, sehr weit gefasste Begriff definiert sie als die religiösen Grundregeln des Islams, das heißt: Beten, Fasten, Wallfahrt." Aber weder das eine noch das andere treffe die Sache im Kern, meint Rohe. "Wenn man wirklich erfassen will, was die Scharia ist, muss man die historische Dimension des islamischen Rechts berücksichtigen."

Was also ist die Scharia? Was bedeutet "Fatwa"? Kann es im Islam eine Gleichberechtigung der Geschlechter geben? Mathias Rohe diskutiert diese und andere Fragen mit detaillierten Verweisen auf die Quellen des islamischen Rechts, den Koran und die Sunna, das Korpus überlieferter Informationen über den Propheten Mohammed, den die Muslime als Vorbild für eine gottgerechte, ethische Lebensführung betrachten.

Regionaler Stellenwert des islamischen Rechts

In seinem neuen Buch "Das islamische Recht: Geschichte und Gegenwart" schildert Mathias Rohe die Entstehung des islamischen Rechts mit ihren unterschiedlichen regionalen Schulen. Und er beschreibt ausführlich die wichtigsten Elemente des Familien-, Völker-, Straf- und Wirtschaftsrechts, wobei er die Unterschiede zwischen Sunniten, Schiiten und anderen Richtungen berücksichtigt.

Symbolbild, im Vordergrund ein Koran, im Hintergrund, ein Schild eines Land- uns Amtsgerichts (Foto: dpa)

Der Koran und die Justiz: Gefahr von Fehldeutungen

Welche Bedeutung hat das islamische Recht gegenwärtig für den Alltag von Muslimen? Die Antwort auf diese Frage fällt regional sehr unterschiedlich aus. So gilt in Saudi-Arabien der Koran offiziell immer noch als Verfassung. Die Idee einer weltlichen Gerichtsbarkeit fasst in der Region erst allmählich Fuß, während in der Türkei Staat und Religion bereits seit der Abschaffung des Kalifats 1924 radikal voneinander getrennt sind.

Jenseits dieser Extreme hat die Mehrheit der islamisch geprägten Länder im Zuge der Entkolonialisierung einen Mittelweg beschritten. Während die jungen Nationalstaaten sich beim Straf- und Handelsrecht meist an westlichen Konzepten orientieren, wurde das Personenstandsrecht in Ländern wie Ägypten, Marokko, Malaysia oder Indien konfessionell geregelt. Das bedeutet in der Praxis, dass etwa ein Wohnungseinbruch genauso wie in Europa mit Gefängnis bestraft wird, während in persönlichen Angelegenheiten das Recht der jeweiligen Glaubensgemeinschaft gilt. In dem Fall müssen Muslime dann jeweils gemäß der geltenden Interpretation des islamischen Rechts beispielsweise heiraten, sich scheiden lassen und erben.

Konfessionelle "Rechtsspaltung"

Diese von Fachleuten so genannte "konfessionelle Rechtsspaltung" war kein großes Problem, solange nur wenige Muslime in nichtmuslimische Länder auswanderten. Mit der zunehmenden Migration stehen jedoch immer mehr Muslime weltweit vor der Herausforderung, sich nicht nur in einer fremden Gesellschaft und Kultur, sondern auch in einem neuen Rechtssystem zurechtfinden zu müssen. "In Deutschland stellt sich die Frage nicht ganz so drängend, weil hier die meisten muslimischen Migranten aus der Türkei kommen, wo es auch kein konfessionelles Familienrecht gibt", erklärt Mathias Rohe.

Das Buchcover: Das islamische Recht (Quelle: C. H. Beck)

Faktenreich und meinungsstark zugleich: Rohes Ausführungen und Deutungsmuster des islamischen Rechts

Anders stellt sich die Situation in Frankreich, England oder in den Niederlanden dar. "Dort haben viele Einwanderer ihre Wurzeln in Staaten mit einem konfessionell geprägten Personenstandsrecht, wie zum Beispiel Marokko, Algerien, Pakistan oder Indien", erklärt Rohe. Das ist für Mathias Rohe auch der Hauptgrund dafür, dass dort häufiger über die offizielle Zulassung des Scharia-Rechts diskutiert wird als in Deutschland. Seine Meinung dazu ist aber klar: "Ich warne davor, eine Rechtsentwicklung zurückzudrehen, die in Europa vor mehr als tausend Jahren begann, und die sehr zu begrüßen ist", sagt der Wissenschaftler.

Scharia versus ziviles und bürgerliches Recht

"Wir hatten in Europa bis vor gut 100 Jahren auch noch Sonderrechte für religiöse Minderheiten. Das war keine Akzeptanz, sondern eine Diskriminierung - nach dem Motto: 'Ihr Juden oder Muslime habt noch nicht den Zivilisationsstand von uns Christen erreicht!'" Muslime, die nach der Scharia rufen, sollten sich klarmachen, dass die Wahlfreiheit in Deutschland ein hohes Gut ist, und dass im Rahmen des geltenden Rechts durchaus Gestaltungsoptionen bestünden, die auch mit einem strengeren Religionsverständnis vereinbar seien, sagt Rohe.

Er sieht dabei die islamische Theologie in der Pflicht: "Den islamischen Theologen und Religionspädagogen kommt eine wichtige Rolle zu, wenn es um die Vereinbarkeit von islamischer religiöser Identität und den Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats geht."

Immer stärkere Präsenz des Islams im öffentlichen Leben

Auch wenn die Frage nach Anwendung des islamischen Rechts in Deutschland nicht so akut ist wie bei den europäischen Nachbarn: Man müsse sich auch hierzulande angesichts der immer stärkeren Präsenz des Islams im öffentlichen Leben auseinandersetzen, so Mathias Rohe. Sein zugleich faktenreiches und meinungsstarkes Buch bildet dafür eine gute Grundlage, sowohl für Nichtmuslime als auch für Muslime.

Autorin: Martina Sabra, © Qantara.de 2009
Redaktion: Christina Hebel (ina)


Mathias Rohe, "Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart", 2009, 606 Seiten, C.H.Beck-Verlag


Zur Person: Professor Mathias Rohe lehrt Rechtswissenschaften an der Universität Erlangen. Zuletzt erschien sein Buch "Der Islam - Alltagskonflikte und Lösungen" im Herder-Verlag.



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