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Geschichte

Die Tragödie eines deutschen Sozialdemokraten

Zwischen Kriegsbegeisterung und Skepsis: Wie haben die Deutschen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erlebt? Wir zeigen deutsche Schicksale 1914. Diese Woche: Ludwig Frank

Der 4. August 1914 gilt als ein Markstein der deutschen Sozialdemokratie: Im Deutschen Reichstag stimmen die Mitglieder der SPD-Fraktion einstimmig für die von der Regierung beantragten Kriegskredite. Die bislang als "vaterlandslose Gesellen" verschrienen Sozialdemokraten, die noch Tage zuvor Hunderttausende zum Protest mobilisierten – sie stärken jetzt zum Erstaunen (und Entsetzen) vieler Anhänger demonstrativ der Regierung, dem Kaiser und allen Befürwortern des Krieges den Rücken. Entscheidend vorangetrieben wurde diese Entscheidung von einem Mann: dem 40-jährigen Ludwig Frank.

Für einen Reichstagsabgeordneten noch vergleichsweise jung, gilt der Jurist sowohl parteiintern (als Sprecher der süddeutschen Sozialdemokratie) wie parteiübergreifend im Parlament 1914 bereits als politisches Schwergewicht. Er und mit ihm die deutschen Sozialdemokraten wollen fraglos den Frieden – sie sind aber keine Pazifisten. Als die Reichsregierung und der Kaiser den Eindruck erwecken, das Reich sei in Wirklichkeit der Angegriffene, fordern auch sie die Arbeiter zur Verteidigung des Vaterlandes auf.

Ludwig Frank ist auch aus innenpolitischen Erwägungen von der Teilnahme am Krieg überzeugt: Als Sozialdemokrat wie als Jude hat er in zweifacher Hinsicht erlebt, dass er wie ein Deutscher zweiter Klasse behandelt wird. Wie viele Sozialisten und wie viele jüdische Deutsche hat auch er in diesem Sommer 1914 die Hoffnung, durch betont patriotisches Auftreten bei Kriegsbeginn aus der gesellschaftlichen Außenseiterrolle herauszukommen und endlich ungeachtet der Partei- und Religionszugehörigkeit als gleichberechtigte Staatsbürger wahrgenommen zu werden.

Ludwig Frank bereitet die Zustimmung der SPD-Fraktion zu den Kriegskrediten schon vor der Abstimmung vor – für ihn ist sie ein persönliches Bekenntnis. Selbst wenn die anderen Genossen sich anders entschieden hätten, Frank wäre bei seiner Position geblieben. Er steht zu seinen politischen Überzeugungen. Und deshalb meldet er sich noch im August 1914 freiwillig zum Kriegsdienst, obwohl seine Militärzeit bei einem Infanterie-Regiment schon 20 Jahre zurück liegt. Am 4. September 1914 zieht seine Einheit in Lothringen in das erste Gefecht. Beim Sturm auf die feindlichen Linien wird Frank durch einen Kopfschuss getötet, eineinhalb Tage kann sein Leichnam aufgrund der Kämpfe nicht geborgen werden. Frank ist der erste Reichstagsabgeordnete, der im Krieg fällt.