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Sport

Die Tour ist tot, es lebe die Tour

Die Sportwelt stimmt sich auf die 100. Ausgabe der Tour de France ein. Das alles dominierende Doping-Thema versuchen die Veranstalter im Vorfeld einfach zu verdrängen. In Frankreich scheint dies sogar zu gelingen.

Es ist noch dunkel draußen an diesem Oktobermorgen in Paris, aber Christian Prudhomme ist bereits putzmunter und gut gelaunt. Mit breitem Grinsen und lockerem Schritt betritt er einen kleinen Konferenzraum im noblen Pariser Hotel Concorde La Fayette. Der Direktor der Tour de France ist hier, um vor knapp zwei Dutzend geladenen Journalisten über die Tour-Strecke 2013 zusprechen, kurz vor der offiziellen Präsentation der Strecke. Es ist die 100. Tour, ein Spektakel soll sie werden, auf die sich Prudhomme sichtlich freut. "Aber bitte keine Fragen zu dem anderen Thema, nur zur Strecke", sagt sein Pressesprecher höflich. Das Problem ist: Das "andere Thema" überlagert derzeit alles im Radsport. Das andere Thema heißt natürlich "Lance Armstrong".

Der US-Amerikaner Lance Armstrong (l) vom Team US Postal Service auf der 18. Etappe der Tour de France 2004 (Foto: dpa)

Das Peloton jagte Armstrong. Nun scheint der Ex-Rekordsieger die Tour nicht loszulassen.

Die Show muss weitergehen

Ein veritables Erdbeben hat den gesamten Planeten Radsport erschüttert und es scheint, als sei der Ausschlag der Seismographen diesmal noch größer als bei den vergangenen Affären Festina (1998), Fuentes (2006) und Telekom (2007). In der Siegerliste der Tour de France klafft seit der UCI-Entscheidung gegen Armstrong am vergangenen Montag (22.10.2012) eine Lücke: Die Jahre 1999-2005 haben keinen Sieger mehr. Die Glaubwürdigkeit des Sports auf den schmalen Pneus tendiert seit dem Umsturz des Denkmals Lance Armstrong gegen null – und was macht Prudhomme? Er schwärmt von der Schönheit Korsikas, wo 2013 der Startschuss fällt, er spricht mit leuchtenden Augen über die Leidenschaft der zwölf Millionen Fans an der Strecke und verspricht schließlich eine spannende Tour bis zum vorletzten Tag. Die Tour-Show muss weitergehen. Trotz aller Zweifel.

Zweimal Alpe d'Huez

Das beweisen die Organisatoren eindrucksvoll im großen Palais des Congrès gleich nebenan. Eingebettet in atemberaubende Bilder und emotionale Musik präsentiert sich die Tour als Spektakel, das im kommenden Sommer zum 100. Mal ausgetragen wird. Mit einer diesmal rein französischen Ausgabe, die zum ersten Mal überhaupt auf der Insel Korsika Station macht, will die Tour-Organisation ASO Geschichte schreiben: Eine doppelte Bezwingung des legendären Anstiegs von Alpe d'Huez, eine pittoreske Ankunft auf dem Inselchen Mont-Saint-Michel und ein Sprintfinale in der Dämmerung auf den Pariser Champs Élysées sind die Highlights der Jubiläumsausgabe.

Die Radprofis Wiggins, Evans, Cavendish, Gilbert, van Garderen, Froome und Contador bei der Präsentation der Tour de France 2013. Foto: dpa

Glaubwürdige Helden? Wiggins, Evans, Cavendish, Gilbert, van Garderen, Froome und Contador (v.l.).

Wieder mit Contador

In den ersten Reihen sitzen ihre Protagonisten: Vorjahressieger Bradley Wiggins, Weltmeister Philippe Gilbert, Bergspezialist Andy Schleck, Sprintstar Mark Cavendish. Und Alberto Contador. Der Spanier gewann die Tour zuletzt 2010, wurde kurz darauf des Dopings überführt und verlor seinen Sieg ebenso wie Armstrong nun seine sieben Titelt verlor. Im Gegensatz zum US-Amerikaner ist Contador aber wieder einer der gefeierten Stars der Veranstaltung. Applaus ertönt, als der schmale Bergspezialist die Bühne vor den rund 3700 Zuschauern betritt.

Auch Clement klatscht. Er ist 13 Jahre alt und trägt stolz das Radtrikot seines Clubs Olympique Cycliste du Valdoise. Clement fährt Radrennen und möchte später am liebsten Radprofi werden. "Klar ist Doping schlecht, aber es war doch nur Armstrong und sein Team", meint Clement und ergänzt: "Die da vorne sind Stars für mich. Andy Schleck ist mein Lieblingsfahrer." Clement glaubt noch an den Profiradsport und viele im Saal tun dies offensichtlich auch.

Video ansehen 01:14

Überschattet - Tour de France 2013

Nationales Heiligtum

Außerhalb des Palais des Congrès ist das nicht unbedingt so. Das weiß auch Christian Prudhomme. Deshalb gibt er sich vor den Kameras kämpferisch: "Die Tour ist stärker als Doping. Nicht der Radsport oder die Tour ist der Feind. Doping ist der Feind." Er mag Recht haben mit dieser Aussage, denn auch der Sturz ihres größten Helden scheint die Tour de France nicht aus der Bahn zu werfen. Sie wird auch 2013 stattfinden, vermutlich sogar größer und pompöser als je zuvor. Die Tour ist ein nationales Heiligtum in Frankreich – und natürlich auch ein Wirtschaftsfaktor. In 190 Länder wird die Tour im Fernsehen übertragen, mit 4700 Stunden Sendezeit. Ein dreiwöchiger Werbefilm für Frankreich gewissermaßen. Es gibt hierzulande also gewichtige Gründe, die Tour fortzusetzen, trotz allem. Und so verwundert es nicht, dass Christian Prudhomme die Veranstaltung mit den Worten beschließt: "Vive le tour!"

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