1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sport

Die Tour de France und ihre Mythen

Die Tour ist ein Mythos, sagen viele – und haben damit recht. Das Spektakel in 20 Akten könnte zu einem spannenden Duell werden. Doch am Horizont ziehen dunkle Wolken auf.

Es sagt sich schnell mal dahin: "Mythos Tour de France". Ein Radrennen über 20 Tage, 3497 Kilometer lang und auf den flachen Passagen auch mal ziemlich langatmig. Was soll daran bitte "mythisch" sein? Bei näherer Betrachtung des Begriffs "Mythos" erkennt man aber tatsächlich Parallelen. Ein Mythos verknüpft das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter. Ähnlich ist es bei der Tour, deren zahlreiche (medialen) Begleiter die Leistungen der handelnden Personen seit jeher mit göttergleichen Superlativen überhöht haben. "Der Engel der Berge" (Charly Gaul), "der Göttliche" (Gino Bartali) und "der Donnergott" (Thor Hushovd) sind nur ein paar Beispiele. Ein Mythos erhebt zudem Anspruch auf Geltung für die von ihm behauptete Wahrheit. Auch hier steht die Frankreichrundfahrt einem echten Mythos in nichts nach. Die Tour hat ihre ganz eigene, oft sehr selektive Wahrheit, die die Existenz von Doping nicht vorsieht.

Voigt: "Es kribbelt wie beim ersten Mal"

Vielleicht lässt man aber auch einfach Oldie Jens Voigt den Mythos Tour de France erklären: "Es kribbelt immer noch wie beim ersten Mal. Die Tour ist mehr als nur ein Rennen, sie ist vor allem ein Abenteuer. Sie ist ein Rennen, bei dem man nicht nur seinen Job macht, sondern mit Passion dabei ist", sagt der 40-Jährige nimmermüde Domestike, der mit seinem 15. Tourstart am Samstag (30.06.2012) in Lüttich alleiniger deutscher Rekordteilnehmer wird. Ebenfalls nicht loslassen von diesem Rennen kann der US-Amerikaner George Hincapie, der seine 17. Tour fährt – so oft wie niemand zuvor in der 109-jährigen Geschichte des Rennens.

Infografik Tour de France 2012 (DW)

Von Lüttich bis Paris: Die Etappen der Tour de France 2012

Jenseits der Rekorde der Altvorderen des Pelotons interessieren die Fans vor allem zwei Fragen: Wer gewinnt und wird er auch Sieger bleiben? Die erste Frage ist in diesem Jahr nur schwer, die zweite so gut wie unmöglich zu beantworten. Denn einerseits fehlt ein Dominator à la Armstrong und andererseits nach den nachträglich aberkannten Toursiegen von Floyd Landis (2006) und Alberto Contador (2010) auch die Gewissheit, dass Tour-Ergebnislisten Bestand haben.

Zwei große Favoriten und viele Podiumsanwärter

Als heißester Anwärter auf "Gelb" wird fast überall Bradley Wiggins gehandelt. Der schlaksige Brite, der bis zu seiner erstaunlichen Metamorphose zum Bergfahrer vor allem ein starker Zeit- und Bahnfahrer war, gewann in dieser Saison fast überall, wo er antrat: Paris-Nizza, die Tour de Romandie und das Critérium du Dauphiné. Bei Letzterem ließ er auch den australischen Toursieger Cadel Evans klar hinter sich. Beide haben sehr starke Mannschaften, beide gelten als ausgewogene Rundfahrtspezialisten, die auch exzellente Zeitfahrer sind. Angesichts von 101,4 Zeitfahr-Kilometern (2011: 42,5 km) deutet viel auf ein Duell dieser beiden um das begehrte "Maillot jaune" hin. Hinter diesem Duo werden auch dem Niederländer Robert Gesink, dem Italiener Vinzenzo Nibali, den Spaniern Samuel Sánchez und Alejandro Valverde, dem Russen Denis Mentschow sowie dem deutschen Routinier Andreas Klöden Siegchancen eingeräumt. Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin wird sich wohl auf seine Spezialdisziplin, den Kampf gegen die Uhr, konzentrieren, denn im Hochgebirge hatte er im Vorjahr keine Chance.

Cadel Evans im Feld der der Tour 2011 (Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Cadel Evans im Fokus: Zwar fehlen Schleck und Contador, doch leicht wird die Titelverteidigung dennoch nicht

Spannend wird auch der Kampf um das Grüne Trikot und die Etappensiege im Flachland. Zwar gilt Mark Cavendish immer noch als souveräner Herrscher über die letzten 200 Meter, doch am Horizont zeigt sich neue Konkurrenz. Neben dem bulligen Deutschen André Greipel, der den Briten bereits im Vorjahr einmal schlagen konnte, dürften auch zwei Tourneulinge Cavendish das Sprinterleben schwer machen: Der auf jedem Terrain gefährliche Slowake Peter Sagan und Deutschlands neue Sprinthoffnung Marcel Kittel. Beide haben bereits eine beeindruckende Siegbilanz vorzuweisen, müssen sich aber noch im hektischen Touralltag beweisen.

Contador gesperrt, Schleck verletzt

Zwölf Millionen Zuschauer sollen auch in diesem Jahr wieder an die Strecke kommen, 3,5 Milliarden Menschen verfolgen die Tour am Fernseher, rechnet der Tour-Veranstalter stolz hoch. Die Euphorie für das größte Radrennen des Planeten ist trotz der Dopingskandale weltweit – anders als in Deutschland – nach wie vor groß.

Bradley Wiggins im gelben Trikot (Foto: AP Photo/Claude Paris)

Topfavorit Bradley Wiggins: Der stärkste Fahrer der Saison, aber hält die Form auch bei der Tour?

Insgesamt 4.500 Menschen bilden die ebenso bunte wie laute Tour-Karawane, der in diesem Jahr allerdings drei prominente Namen fehlen: Der Spanier Alberto Contador ist wegen seiner positiven Probe bei der Tour 2010 gesperrt, Andy Schleck aus Luxemburg fällt mit einem Kreuzbeinbruch verletzt aus und sein belgischer Teamchef Johan Bruyneel fehlt wegen Dopingermittlungen gegen ihn. Dem umtriebigen Manager des Radioshack-Rennstalls, der mit Armstrong und Contador insgesamt neun Toursiege holte, wird von der US-Antidoping-Agentur jahrelanges systematisches Doping in seiner Mannschaft vorgeworfen. Ein Verfahren, dass im Falle einer durchaus realistischen Verurteilung nicht nur ihn, sondern auch das Märchen des vom Krebs geheilten Lance Armstrong entzaubern könnte – und nicht zuletzt auch den Mythos Tour de France schwer beschädigen würde.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links