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Wirtschaft

Die tiefe Krise der Automobilindustrie

So schlecht wie in diesen Zeiten ging es der deutschen Autoindustrie noch nie. Die Käufer bleiben aus und immer mehr Mitarbeiter machen unfreiwillig Urlaub. Doch die Finanzkrise allein ist nicht schuld an der Situation.

Zahlreiche Autos warten auf die Verkäufer.

Keiner will mehr Autos kaufen

Der Autobauer Daimler schickt rund 150.000 Mitarbeiter an allen deutschen Standorten in verlängerte Weihnachtsferien. Im BMW-Werk in Leipzig stehen in dieser Woche die Bänder still. Auch in den Opel-Werken in Bochum und Eisenach ruht die Arbeit. Bei Ford in Köln ist Kurzarbeit angesagt.

Krisenturbo Finanzmärkte

Ein Audi Q5 auf einer Automesse.

Nicht mehr ganz im Trend der Zeit: Teuer und hoher Spritverbrauch

Es ist ein Krisenszenario wie aus dem Lehrbuch: Erst bricht der Absatz ein, dann brechen die Gewinne weg, Investitionen werden zurückgestellt – und schließlich wird die Produktion angehalten. Nahezu täglich laufen Meldungen dieser Art derzeit über die Ticker – und das alles vor dem Hintergrund einer grassierenden Finanzmarktkrise.

Dabei verschärft diese Krise nur die längst bestehenden Probleme. Sie wirke wie ein Turbo – so sagte es dieser Tage VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch.

Der Stuttgarter Autobauer Daimler hatte Ende vergangener Woche zum zweiten Mal in diesem Jahr seine Prognose gekappt – und traf nun die Entscheidung, die Produktion länger als geplant anzuhalten. "Genrell haben alle Automobilhersteller mit sinkenden Absatzzahlen zu kämpfen", sagt Daimler-Sprecher Jörg Howe. "Das hängt mit der Finanzkrise zusammen – weltweit, das ist kein deutsches Phänomen, und da sind wir keine Ausnahme."

Und auch wenn die Branche in den vergangenen Jahrzehnten durchaus schon einige sehr schwierige Phasen durchgemacht hat, die derzeitige Lage schlage alles, meint der Automobil-Experte Wolfgang Meinig von der Bamberger Forschungsstelle Automobilwirtschaft. Der Grund: Die Überlagerung der weltweiten Automobilkrise mit der dramatischen Finanzkrise. Daher sei überhaupt nicht damit zu rechnen, "dass die Welt wieder in Ordnung ist vor dem Jahr 2010 oder 2011". Man müsse sich auf eine sehr lange Phase krisenhafter Entwicklung einstellen. "Ich denke, wir haben – auch mit Blick auf die Automobilindustrie – die Talsohle noch nicht erreicht."

Politik muss handeln

Eine Kopie des smart.

Kleiner ist besser?

Ähnlich schätzt man die Lage auch beim Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) ein. Hauptgeschäftsführer Kunibert Schmidt rechnet im vierten Quartal mit stark rückläufigen Zulassungs- und Produktionszahlen. Und dies werde sich mit Sicherheit auch im ersten Halbjahr 2009 fortsetzen. "Bei insgesamt weltweit rückläufigen Marktvolumen kann auch eine hervorragend aufgestellte Industrie wie die deutsche nicht beliebig ihre Marktanteile ausweiten, sondern wird da auch Einschränkungen hinnehmen müssen – und das sehen wir ja jetzt bei den Ankündigungen unserer Hersteller", so Schmidt gegenüber der Deutschen Welle.

Der Verband sieht die Unentschlossenheit der deutschen Politik als eine der Ursachen für die Krise. Nach wie vor sei keine Lösung bei der Neuordnung der Kraftfahrzeugsteuer in Sicht. Das führe zu einer großen Verunsicherung der Verbraucher. Sie warten auf steuerliche Anreize, um sich für ein umweltfreundlicheres Auto zu entscheiden.

Dennoch müssen sich die deutschen Hersteller auch vorwerfen lassen, so manchen Trend verschlafen oder falsch eingeschätzt zu haben – zum Beispiel den Hybrid-Antrieb, wo die Japaner die Nase vorn hatten, oder den Partikelfilter, hier waren die Franzosen schneller. Positive Entwicklungen hingegen, die durchaus vorhanden seien, habe man vernachlässigt, sagt Autoexperte Meinig. Die Industrie habe vor drei Jahren nicht offensiv genug begonnen, konkret und kompromisslos wirklich die Fahrzeuge zu entwickeln – oder zu Ende zu entwickeln, um sie auf den Markt zu bringen. "Da gab es erhebliche Trägheitsmomente, was aber auch daran lag, dass die Industrie schon schlechte Erfahrungen mit den Verbrauchern gemacht hatte."

Denn sparsame Autos, wie den Drei-Liter-Corsa von Opel oder den Öko-Golf von Volkswagen, wie sie vor Jahren schon angeboten wurden, wollte einfach keiner haben.

Zinsgünstige Kredite

Arbeiter montiert Porsche-Motor

Sind bald die Jobs in Gefahr?

Nun, da die Krise da ist, ruft die Industrie nach staatlicher Hilfe. In den USA fordern die angeschlagenen Konzerne Dollar-Milliarden, um sparsamere Autos zu entwickeln. Das sieht VDA-Geschäftsführer Schmidt kritisch: "Wir hatten in der Vergangenenheit etwas gegen Subventionen vom Staat – und das haben wir auch weiterhin." Allerdings müsse man das internationale Umfeld sehr sorgfältig beobachten und schauen, was dort passiert. Auf keinen Fall dürfe es zu Wettbewerbsverzerrungen kommen. "Was wir brauchen, sind schnelle Maßnahmen, die wieder Vertrauen beim Konsumenten schaffen."

Eine solche Maßnahme sieht der VDA in zinsgünstigen Krediten. Die könnte die staatliche KfW-Bank Autokäufern gewähren, die sich für den Kauf schadstoffarmer Autos entscheiden. Oberste Priorität jedoch habe die Neuordnung der Kfz-Steuer. Alles in allem aber blicken die Experten skeptisch in die Zukunft. Für den Moment reichten die getroffenen Maßnahmen aus, urteilt Willi Diez, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft Geislingen. "Wenn die Flaute aber länger anhält, wird man sicher Beschäftigungsmaßnahmen ergreifen müssen."

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