1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Die Thesen des Paul Tudor Jones

Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer. Besonders deutlich wird das in den USA, wo es die meisten Milliardäre weltweit gibt. Ist das auch ein Grund für die jüngsten Proteste? Miriam Braun aus New York.

Paul Tudor Jones ist ein populärer Hedge-Fonds Manager in den USA. Selten gibt er Interviews, aber vor einigen Wochen stand er bei der Innovations-Konferenz "TED Talk" in Kalifornien auf der Bühne und verglich die US-Gesellschaft mit einem Drogenabhängigen: “Der erste Schritt ist einzusehen, dass man ein Problem hat“, so Jones. Die Manie nach Gewinn sei inzwischen so selbstverständlich geworden, dass die Gesellschaft gar nicht mehr merke, wie sie sich selbst zerstöre.

"Revolution, höhere Steuern oder Krieg"

Porträt - Paul Tudor Jones

Paul Tudor Jones (links): Milliardär mit provokanten Thesen

Die wachsende Einkommensungleichheit macht ihm Sorgen. In den USA streicht ein Prozent der Bevölkerung rund 20 Prozent des gesamten Einkommens ein. Bis Ende der 1970er Jahre war es noch weniger als halb so viel. "Die Schere zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird sich schließen", fuhr Jones fort. "Entweder durch Revolution, höhere Steuern oder Krieg."

Jones Worte sind so beachtenswert, da er selbst sein Vermögen von 4,6 Milliarden Dollar hauptsächlich der freien Marktwirtschaft zu verdanken hat, sich aber in den vergangenen Jahren durch viel Spendenbereitschaft und die Gründung gemeinnütziger Stiftungen altruistisch gegeben hatte.

"Revolution" - dieses Wort ausgerechnet aus dem Mund eines Super-Reichen blieb vielzitiert in den Medien hängen. Denn tatsächlich hat es in den vergangenen Jahren vermehrt Bürgerbewegungen und Proteste in den USA gegeben. 2011 angefangen mit Occupy Wall Street, gefolgt von den Studenten im Land, die sich nicht mehr hoch verschulden wollen für ihre Ausbildung. Arbeiter im Dienstleistungsgewerbe fordern einen höheren Mindestlohn. Und auch das Aufbäumen gegen Polizeigewalt und Rassismus ist in den einkommenschwächsten Kommunen am stärksten.

Video ansehen 04:11

Forbes-Liste 2015 - Immer mehr Superreiche (11.03.2015)

Jahrzehntelange wirtschaftliche Vernachlässigung

"Krawalle erscheinen vielen als politisch sinnfrei und ohne Ziel", sagt David Huyssen. Er ist Professor für amerikanische Geschichte an der Universität York in Großbritannien. Aber das sei völlig falsch. Sie seien oft das Ergebnis und die Reaktion auf jahrzehntelange wirtschaftliche Vernachlässigung, fehlende Investitionen und Diskriminierung.

Vom Bürgerrechtler Martin Luther King stammt der Satz: "Aufstände sind die Sprache der Ungehörten." In der Geschichte waren Krawalle und Proteste oft der Beginn einer Revolution oder Neuordnung. Professor Huyssen erinnert daran, dass die Arbeiterbewegungen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ähnlich angefangen haben. "Eigentum wurde zerstört, Minen und Zuggleise wurden mit Dynamit gesprengt. Eine Reihe berühmter Streiks gab es 1916", sagt Huyssen, der über die Arbeiterrevolutionen Ende des 19. Jahrhunderts - mit besonderem Blick auf New York - ein Buch geschrieben hat. Man vergesse gerne, dass Gewalt ein elementares Mittel für die Arbeiterbewegungen war. Und es ging auch damals sehr wohl um Einkommens-Ungleichheit und schlechte Bedingungen und Bezahlung der Fabrikarbeiter.

Gruppierungen haben die gleichen Eigen-Interessen

Aber auch weil Gewalt im normalen Alltag vor 100 Jahren einen stärkeren Stellenwert hatte als heute, glaubt Historiker Huyssen nicht, dass in den USA wieder eine Revolution bevorsteht. "Die Mindestlohn-Aktivisten, die Walmart-Arbeiter, die kreditgeplagten Studenten und auch die 'Schwarze Leben zählen'-Kampagnen", meint David Huyssen, werden noch eine Weile brauchen bis sie merken, dass sie eigentlich alle die gleichen Eigen-Interessen haben: "Als Gegner eines Systems, das sie unterdrückt und diskriminiert."

Milliardär Jones wirbt damit, die Unternehmen mehr in die Pflicht zu nehmen, sie sollen sich gemeinnützig engagieren. Eine von ihm gegründete Non-Profit-Organisation soll durch Umfragen ergründen, wie genau das aussehen kann. Gleichzeitig ist Jones traditionell finanzieller Unterstützer der Republikaner, die gegen die Erhöhung des Mindestlohns sind. Auch das hat es in der Geschichte schon gegeben, sagt Huyssen. "Es ist der so genannte Philantro-Kapitalismus."

Die Idee dahinter: Reiche Männer oder reiche Unternehmer und ihre Firmen sollen die Macht bekommen zu entscheiden, wie Geld umverteilt werden soll. Durch ihr Geben und Spende sollten sie politischen Bewegungen vorbeugen, die sonst chaotisch oder unbändig werden könnten. "Wenn man das mal überdenkt", so Huyssen, "ist das eine fundamental undemokratische Variante, gegen Einkommensungleichheit vorzugehen." Erst recht, wenn man im gleichen Atemzug offenbar dagegen sei, höhere Löhne zu zahlen.

Video ansehen 03:16

Interview: Wächst die Ungleichheit?(11.03.2015)

Philanthropie und Wohltätigkeit nicht die Lösung

In den USA spielt die Finanzierung öffentlicher Anliegen aus privaten Mitteln traditionell eine weit größere Rolle als in Europa, besonders in der Kultur- und Bildungsförderung. "Wir verdanken dieser Periode von Großzügigkeit einige großartige kulturelle Institutionen, die es bis heute gibt. Den Konzertsaal Carnegie Hall, die Universität in Chicago, die Uni Stanford in Kalifornien", sagt Huyssen. Alles Einrichtungen, gegründet und bezahlt vom Geld Industrieller. Aber in all der Zeit seien die Reichen trotzdem immer reicher geworden. Wenn das Ziel sei, Einkommensungleichheit zu reduzieren, werde man mit Philantrophie und Wohltätigkeit nicht weit kommen.

Bleibt also vielleicht doch die dritte von Paul Tudor Jones' ungewollten Möglichkeiten, die Schere zwischen Arm und Reich zu schliessen: Höhere Steuern. Eine Reichensteuer hat bei Ökonomen viele Befürworter, aber auf Seiten der Lobbyisten in Washington nicht. "Es war ein teuflisches Hin und Her zwischen Republikanern und Demokraten, als es darum ging die Grenzsteuer für Reiche um etwa drei Prozent auf ich glaube 39 Prozent zu steigern", erinnert sich David Huyssen. "In den 1960er Jahren hatten wir eine Spitzensteuer von fast 90 Prozent. In Relation dazu ist die Argumentation heutzutage einfach absurd."

Audio und Video zum Thema