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Welt

Die Taliban aus Deutschland

Aus Wuppertal nach Wasiristan: Immer wieder gehen junge Männer aus Deutschland in Konfliktgebiete, um Dschihad-Kämpfer zu werden. Sicherheitsbehörden nehmen das Problem sehr ernst.

Im Internet ist ein Mordaufruf des Islamisten Yassin Ch. zu sehen (Foto: dpa)

Mordaufruf des Islamisten Yassin Ch. im Internet

In der Erinnerung von Friedrich Bleckmann waren die beiden "Jungs", wie er sie nennt, so unterschiedlich, wie Brüder nur sein können. "Höflich, fleißig und bescheiden" sei Bünyamin E. gewesen, "hoch aggressiv und nicht belastbar" dagegen der ältere Emrah. Ihr Vater arbeitete auf Bleckmanns Bauernhof in der Nähe des westdeutschen Städtchens Velbert; die Söhne halfen am Wochenende und in den Schulferien aus.

Ein undatiertes Handout der US Air Force zeigt eine Drohne vom Typ MQ-1 Predator (Foto: dpa)

Die USA setzen am Hindukusch systematisch Drohnen ein

Den Weg, den die Wuppertaler Brüder schließlich wählten, hätte sich der Landwirt niemals vorstellen können: Im Jahr 2010 gingen beide in die pakistanische Bergregion Wasiristan an der afghanischen Grenze, um sich islamistischen Kämpfern anzuschließen. Bünyamin starb schon kurz nach seiner Ankunft bei einem US-amerikanischen Drohnenangriff. Emrahs Kampf sollte noch bis Juni 2012 andauern.

Angst vor Anschlägen

Dass sich junge Männer aus Deutschland auf den Weg machen, um Dschihadis zu werden, kommt selten, aber doch immer wieder vor. Deutsche Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass seit Anfang der 90er Jahre rund 235 "Personen mit Deutschland-Bezug und islamistisch-terroristischem Hintergrund" zumindest versucht haben, eine paramilitärische Ausbildung zu durchlaufen; bei etwa 100 gibt es konkrete Hinweise, dass sie eine solche Ausbildung tatsächlich hinter sich haben oder an Kampfhandlungen in Krisengebieten beteiligt waren. Mehr als die Hälfte von ihnen soll zurück in Deutschland sein, rund zehn sind in Haft.

Geheimdienste und Ermittler nehmen das Thema sehr ernst. "Von diesen Personen können, wenn sie wieder einreisen, sicherheitsgefährdende Aktivitäten drohen", sagt eine Sprecherin des Verfassungsschutzes. So hatten Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe Ausbildungslager in Pakistan besucht, bevor sie 2007 bei der Vorbereitung von Anschlägen auf US-Einrichtungen in Deutschland festgenommen wurden. "Ein weiterer Risikofaktor ist, dass diese Personen eine sehr hohe Reputation in der islamistischen Szene haben", sagt die Sprecherin. "Das kann zu einer weiteren Radikalisierung von Islamisten, die bisher nicht unbedingt gewaltbereit waren, beitragen."

Gefährliche Prahlerei

Die Bonner Brüder Mounir und Yassin Ch. beispielsweise melden sich regelmäßig mit deutschen Propaganda-Videos aus Wasiristan. Zuletzt rief Yassin Ch. zur Ermordung von Journalisten und von Aktivisten der rechtsextremistischen Partei "Pro NRW" auf (siehe Bild oben). Die Botschaften mögen auf viele Betrachter in ihrer theatralischen Prahlerei lächerlich wirken; ihren Zweck verfehlen sie nicht: Der Attentäter Arid U., der im März 2011 auf dem Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss und zwei weitere verletzte, hatte sich binnen kurzer Zeit offenbar nur über das Internet radikalisiert. Noch auf dem Weg zum Attentat soll er ein Kampflied von Mounir Ch. gehört haben.

Abtransport der Opfer von Arid U.s Anschlag (Foto: dpa)

Abtransport der Opfer von Arid Ukas Anschlag

"Al-Kaida und ihre Verbündeten haben es geschafft, eine eigene Gattung von Propaganda-Filmen zu schaffen", sagt Asiem El Difraoui, der in einer Studie für die Stiftung Wissenschaft und Politik die Rolle von Online-Propaganda untersucht hat. In den Filmen werde das Leben in den Trainingslagern romantisiert, das Leiden muslimischer Zivilisten in aller Grausamkeit gezeigt und das so genannte Märtyrertum glorifiziert. "Norwegische Forscher haben bei der Untersuchung von Profilen hunderter Dschihadismus-Sympathisanten festgestellt, dass jeder einzelne das Internet stark genutzt hat und von diesen Filmen stark beeindruckt war", sagt El Difraoui.

Der Verfassungsschutz verweist zudem auf die Bedeutung von "Netzwerken oder losen Personenzusammenschlüssen, die sich aus radikalisierten Personen der zweiten und dritten Einwanderergeneration und aus radikalisierten Konvertiten zusammensetzen". Diese Netzwerke sind dem Geheimdienst zufolge regional sehr unterschiedlich ausgeprägt werden nicht zentral gesteuert.

Auch die Rekrutierung der Kämpfer verläuft uneinheitlich. "Wir haben Jugendliche, die von null auf hundert gehen, die gleich die Ikonen der radikalen Szene für sich entdecken und auf den Männlichkeits- und Gewaltkult ansprechen", sagt Claudia Dantschke, die für das Berliner "Zentrum Demokratische Kultur" betroffene Familien berät. Bei anderen sei es ein längerer Prozess. So bemühten sich in vielen Städten Salafisten mit den Methoden von Straßen-Sozialarbeitern darum, perspektivlose Jugendliche für ihre ultrakonservative Spielart des Islam zu gewinnen. "Zielobjekt sind Jugendliche, die zwar von der Herkunft Muslime sind, aber nicht praktizieren und die oft drogenabhängig, kleinkriminell und ohne Berufsabschluss sind." Die neue Gemeinschaft bietet ihnen dann eine Ersatzfamilie, in der sie Anerkennung und Halt erfahren. Meist geht es in diesen Gruppen nur ums Missionieren und die Abgrenzung von der Gesellschaft, nicht aber um dschihadistische Gewalt. Nur wenige der Rekruten, die oft auch wohlbehütet in Mittelschichtsfamilien aufgewachsen sind, radikalisieren weiter.

Dass es keineswegs immer junge Männer ohne Perspektiven sind, die sich dem heiligen Krieg verschreiben, zeigt auch das Beispiel der Wuppertaler Brüder. Er habe Emrah nicht auf seinem Bauernhof beschäftigen können, sagt der Velberter Landwirt Friedrich Bleckmann: "Auch auf ganz normale Worte kamen aggressive Reaktionen. So jemanden konnte man nicht ohne Weiteres ins Berufsleben eingliedern." Emrah rutschte ins kleinkriminelle Milieu ab, zweimal wurde er zu Haftstrafen verurteilt. "Der Junge war auf dem Weg zu einer gescheiterten Existenz." Auch für Bünyamin sah Bleckmann keine Zukunft in der Landwirtschaft – aber aus ganz anderen Gründen. "Bünyamin war zu schade für eine bäuerliche Lehre", sagt der Bauer. "Der hätte das Talent gehabt, etwas Gescheites zu werden."

Ahnungslos ins Kampfgebiet

Pakistanische Soldaten in Süd-Wasiristan (Foto: dpa)

Pakistanische Soldaten in Süd-Wasiristan

So verschieden wie die Biografien und der Verlauf der Radikalisierung sind auch die Wege in den militanten Islamismus - der Zufall spielt dabei oft die entscheidende Rolle. "Manche dieser jungen Deutschen hatten vor, nach Tschetschenien zu gehen und landen dann in Pakistan", sagt Wolf Schmidt, Autor des Buches "Jung, deutsch, Taliban" und Redakteur der Berliner "tageszeitung". "Sie kennen das Kampfgebiet nicht, haben auch relativ wenig Ahnung von dem Konflikt und oft auch erschreckend wenig Ahnung von der Religion, die sie angeblich verteidigen wollen." Die Bonner Brüder Mounir und Yassin Ch. beispielsweise gelangten über den Jemen nach Pakistan, wo sie sich der Islamischen Bewegung Usbekistan anschlossen, von der sie zuvor noch nie gehört hatten.

Hauptziel deutscher Dschihadis ist das pakistanische Wasiristan. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen prüfen die deutschen Behörden derzeit jedoch intensiv, ob eine Verlagerung in Richtung Somalia stattfindet. Die Region am Horn von Afrika gewinne als Dschihad-Schauplatz und als Reiseziel für Islamisten aus Deutschland an Bedeutung.

Auch Emrah E. ging Anfang 2011 von Wasiristan nach Somalia, wo er sich Berichten zufolge den islamistischen Al-Schabaab-Milizen anschloss. Ende Mai geriet er in Zusammenhang mit einem Anschlag auf ein Einkaufszentrum in Kenia ins Visier ostafrikanischer Ermittler. Schließlich wurde er am 10. Juni in Tansania verhaftet und später nach Deutschland ausgeliefert. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, sich "als Mitglied an der ausländischen terroristischen Vereinigung 'al Qaida' beteiligt zu haben".

Prävention statt Repression

Um die Dschihad-Touristen zu stoppen, ist seit 2009 auch der Aufenthalt in einem terroristischen Ausbildungslager strafbar. Doch Repression allein führe nicht weiter, glaubt der Autor Wolf Schmidt. "Man muss im Vorfeld ansetzen und braucht eine kluge Form von Prävention."

Darum bemüht sich unter anderem das Zentrum für Demokratische Kultur in Berlin. Bei Claudia Dantschke und ihren Kollegen melden sich besorgte Eltern meist schon zu Beginn der Radikalisierung. "Man muss dann schauen, was die radikale Gruppe dem Jugendlichen bietet", sagt Dantschke. "Es liegt immer eine Art der Entfremdung vor, das Gefühl nicht verstanden zu werden, ausgegrenzt zu werden und die Suche nach Orientierung und Anerkennung." Die Beratungen verlaufen ganz unterschiedlich; meist bindet Dantschke muslimische Autoritäten ein, manchmal rät sie zu einer Familientherapie.

Auch Emrahs Weg in den Dschihad hätte sich verhindern lassen, glaubt Friedrich Bleckmann rückblickend. "Der Junge war nicht reif. Der war kein islamischer Terrorist", sagt der Landwirt. "Der war einfach nur ein gewalttätiger deutscher Junge, der engagierte Bewährungshelfer gebraucht hätte."

Dennis Stute

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