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Kultur

Die türkische Regierung ist wieder Mal zu spät

In der Türkei breitet sich das gefährliche Vogelgrippe-Virus H5N1 weiter aus. Das Krisenmanagement der türkischen Regierung ist schlecht - meint Baha Güngör in seinem Kommentar.

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Die türkische Öffentlichkeit erlebt in diesen Tagen eine Wiederholung der Fehler, die die Herrschenden in Ankara aus Angst vor eigenem Imageverlust oder um das internationale Ansehen des Landes bei derartigen Katastrophen immer wieder machen.

Wie etwa nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl: Damals tranken Regierungsmitglieder demonstrativ vor laufenden Kameras oder im Blitzlichtgewitter türkischen Tee und sagten, ein bisschen Radioaktivität sei nicht so schlimm und mache Menschen aktiver. Außerdem seien die großen radioaktiven Wolken an den Grenzen der Türkei über den Kaukasus und über Bulgarien und Griechenland weiter gezogen, Anatolien sei verschont geblieben.

Die tatsächlichen Dimensionen der Schäden für Menschen und für die Landwirtschaft wurden schön geredet. Berichte über sprunghaften Anstieg von Krebsfällen in einigen Landstrichen wurden unter den Teppich gekehrt.

Quarantäne hat kaum eine Chance

Der Umgang mit den Folgen der Vogelgrippe zeigt erneut den
Leichtsinn der Regierenden, weil die Zugvögel nicht an den Grenzen der Türkei vorbei irgendwo südwärts weitergeflogen sind. Doch trotz aller Warnungen nahm Ankara wieder einmal den Kopf zu spät aus dem Sand. Das Versagen des türkischen Krisenmanagements ist verantwortlich dafür, dass die Vogelgrippe jetzt Menschenleben fordert und die wahren Ausmaße noch längst nicht bekannt sind.

Beschwichtigung, Leugnung und Schönreden war immer stets die erste taktische Maßnahme der Verantwortlichen unter dem türkischen Halbmond. Auch im aktuellen Fall wurden Berichte über die Erkrankung von Kindern und Jugendlichen dementiert und von Lungenentzündung gesprochen.

Fest steht inzwischen: Die Vogelgrippe war die Todesursache in mindestens drei Fällen. Der Virus weitet sichbedrohlich in Richtung Europa aus. Täglich kommen neue Meldungen aus weiteren Provinzen der Türkei, in denen weitere verdächtige Fälle registriert werden.

Sofortmaßnahmen sind nötig

Die Lebensgrundlage vieler Menschen in den entlegenen und wirtschaftlich seit Jahrzehnten vernachlässigten Regionen ist die Tierhaltung. Sie sind auf Vieh oder Geflügel angewiesen, die aus ihnen gewonnenen Produkte werden verkauft oder dienen auch ganz einfach zur Ernährung der eigenen Familie. Unwissenheit und Armut verringert den räumlichen Abstand zwischen Tier und Mensch derart, dass Hühner über Nacht in die Häuser genommen werden, weil es keinen Stall gibt. In vielen Dörfern befinden sich die Wohnräume über einem Stall mit Kühen, Ziegen oder Truthähnen.

Maßnahmen wie Quarantäne haben kaum eine Chance in einem Land mit 40.000 Dörfern. Die Hygienevorschriften für Umgang mit Tieren existieren nur auf dem Papier. In den ärmeren Vorstädten der Ballungszentren gehören Hühner zwischen spielenden Kindern ebenso zum Straßenbild wie notdürftig verschlossene Kanalisationen. Neureiche Familien aus entlegenen anatolischen Regionen scheuen nicht davor zurück, Geflügel auf den Balkonen ihrer Luxuswohnungen mitten in Metropolen für ein Stück Heimatverbundenheit zu halten.

Es führt kein Weg daran vorbei, Menschen sofort und umfangreich aufzuklären. Sie müssen einsehen, dass ihr Geflügel getötet werden muss, damit ihre Familien überleben. Das ist aber leichter gesagt als getan. Es geht hier um die Existenzgrundlage von Familien, die sonst nichts besitzen als einige Hühner, Gänse oder Truthähne. Es muss ein finanzieller Ausgleich bezahlt werden, damit sie sich neue Existenzen finanzieren können. Die Ermittlung des tatsächlichen Schadens für Mensch und Wirtschaft erfordert den Einsatz internationaler Experten, damit nicht nur der Vogelgrippe ein Riegel vorgeschoben werden kann. Es geht auch darum, Menschen neue Existenzgrundlagen zu ermöglichen, damit sie mitziehen und sich mit der Trennung von ihren Hühnern und Puten einverstanden erklären.

Andernfalls droht nicht nur der Tod von Menschen an Vogelgrippe. Sondern es könnte auch eine Bremse für die EU-Ambitionen der Türkei werden. Diese sind - wie im vorliegenden Ernstfall - mit Beschwichtigungen, Leugnung, Schönfärberei oder Androhung von Haftstrafen bei negativer Berichterstattung auf keinen Fall zu verwirklichen.

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