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Fokus Osteuropa

Die Türkei, Europa und die Armenier-Frage

Kurz vor dem 90. Jahrestag der Massaker an Armeniern hat der Bundestag von Ankara eine Aufarbeitung der Geschichte gefordert. Der Appell ist richtig. Aber die Armenier-Frage darf nicht instrumentalisiert werden.

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Eine Erinnerungskultur ist notwendig

"Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?" Am 22. August 1939, kurz vor dem Überfall auf Polen, rechtfertigte Adolf Hitler mit diesem zynischen Satz vor ranghohen Nazi-Offizieren seine systematische Ausrottungspolitik. Heute reden die Deutschen wieder über das tragische Schicksal der Armenier 1915 und 1916 im auseinanderbrechenden Osmanischen Reich.

Dunkles Geschichtskapitel

Doch heutzutage geht es den Deutschen darum, dieses dunkle Geschichtskapitel aufzuarbeiten und künftige Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern. Diese Art Erinnerungskultur ist notwendig. Und es ist auch richtig, dass die Türkei zur Aufarbeitung der Massaker an den Armeniern aufgefordert wird. Allerdings gehört auch die Einbeziehung der deutschen Mitverantwortung für den Tod von Hunderttausenden Menschen in Anatolien in den Gesamtkomplex "Erinnerungskultur". Denn die damalige deutsche Reichsführung war in die Vernichtungspläne vollständig eingeweiht, hielt sich aber bewusst heraus. Und der damalige osmanische Befehlsgeber, Innenminister Talat Pascha, wurde im März 1921 von einem Armenier in Berlin erschossen.

90 Jahre sind seit der Verhaftung der Armenier in Istanbul und deren anschließender Verschleppung nach Anatolien vergangen. Vertreibung und Deportation hatten damals erschütternde Folgen: Viele Armenier überlebten die Strapazen nicht oder kamen bei Angriffen von Türken und Kurden grausam ums Leben. In der Türkei ist aber auch der Tod von Tausenden Türken bei Angriffen bewaffneter Armenier unvergessen, während dies in westlichen Ländern so gut wie gar nicht thematisiert wird. Wohl deshalb, weil die Verluste der Armenier und weiterer christlicher Minderheiten weitaus höher lagen als die der Türken, die sich seinerzeit im Kampf gegen eine Reihe von Besatzungsmächten befanden.

Keine Anklagebank

Und wie geht Deutschland mit dem Thema um? Im Antrag der Unionsparteien zum Schicksal der Armenier wurde der von Ankara vehement abgelehnte Begriff "Völkermord" bewusst vermieden. Und Redner aller Bundestags-Fraktionen betonten, dass die Türkei zwar offen mit ihrer Geschichte umgehen müsse, aber nicht auf die Anklagebank gesetzt werden solle. Wenn dies dazu beiträgt, die bestehenden Tabus bei diesem Thema in der Türkei weiter aufzubrechen und den europäischen Reifeprozess des Landes zu fördern, verdient diese Initiative Respekt. Doch bleibt der Verdacht, dass CDU und CSU die Armenier-Frage nutzen wollen, um weiter Stimmung gegen einen türkischen EU-Beitritt zu machen.

Unterschiedliche Blickwinkel

Nicht vergessen werden sollte bei der Armenier-Debatte, dass die Blickwinkel höchst unterschiedlich sind und auch viele Türken eine Art Trauma mit sich herumtragen: Bis in die 80er Jahre hinein ermordeten armenische Terroristen weltweit rund drei Dutzend türkische Diplomaten. Sicherlich kann man nicht behaupten, dass diese Terroristen für ihre Taten ein gültiges Mandat der armenischen Bevölkerung gehabt hätten. Aber der Terror von damals prägt bis heute die Einstellung vieler Türken zu den Armeniern und erschwert die Aufarbeitung ihres schrecklichen Schicksals in der Zeit des Ersten Weltkriegs zusätzlich.

Aufweichung eines Tabus

Trotzdem haben die in Deutschland und Europa jetzt angestoßenen Debatten auch in der Türkei zu einer Aufweichung des Tabus geführt. Die türkischen Zeitungen sind in diesen Tagen voll mit Beiträgen von Wissenschaftlern, Historikern und Intellektuellen, die auch mit Kritik an der türkischen Seite nicht sparen. Nun sollten dringend Arbeitsgruppen mit international anerkannten und unabhängigen Experten gebildet werden, um die Diskussion zu versachlichen und die dunklen Seiten der Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten.

Die Türkei jedenfalls hat dieser Tage schmerzlich erfahren, dass die Gegenwart einen fahrlässigen Umgang mit der Geschichte bestraft - weil Geschichte eben nicht einfach so abgeschüttelt oder mit Verbalkosmetik beschönigt werden kann. Man kann nur hoffen, dass die Politiker in Ankara daraus ihre Lehren ziehen. Als Argument für oder gegen einen türkischen EU-Beitritt aber sollte die Armenier-Problematik nicht instrumentalisiert werden.

Baha Güngör

DW-RADIO/Türkisch, 21.4.2005, Fokus Ost-Südost