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Europa

Die Türkei als zyprischer Wirtschaftsmotor

Die Türkei steht hinter Nordzypern, Griechenland hinter der Republik Zypern. Aber die Griechen sind pleite, die Türken nicht. Die Türkei könnte nun für die Wirtschaft der ganzen Insel unterstützend wirken.

Die Finanzkrise hat im Süden der geteilten Insel mit voller Wucht zugeschlagen. Der Euro-Rettungsplan wurde noch in letzter Minute ausgehandelt und nun steht der Insel ein schmerzhafter wirtschaftlicher Anpassungsprozess bevor, ähnlich wie in Griechenland. Im türkischen Norden macht sich die Krise jedoch kaum bemerkbar.

Kein Wunder, denn hinter Nordzypern steht die wirtschaftlich boomende Türkei. Regelmäßig fließt Geld aus dem Mutterland in den nördlichen Teil der Insel. Ohne diese Subventionen wäre die international nicht anerkannte Türkische Republik Nordzypern nicht überlebensfähig. Viele türkische Zyprer würden sich jedoch gerne aus der Abhängigkeit von Ankara befreien. Deshalb haben sie 2004 für die Wiedervereinigung mit den Nachbarn gestimmt. Hätten die Griechen den Friedensplan damals nicht mit großer Mehrheit abgelehnt, wäre Nordzypern heute auch ein Teil der Europäischen Union - und damit wohl auch ein Teil der Euro-Krise.

Keine Schadenfreude über die Staatspleite

Im türkischen Norden der Insel ist die Krise vor allem in der Casino-Industrie zu spüren, so wie im Saray Spielcasino von Mesut Sahin. Da das Glücksspiel für die Bürger Nordzyperns verboten ist, stützen sich die Einnahmen hauptsächlich auf den Tourismus aus dem Süden der Insel. Sahin sagt, dass sein Umsatz um 50 Prozent zurückgegangen sei, seit die Krise ausgebrochen ist. Er hoffe, dass es dem Süden bald wieder besser gehe - ganz ohne Schadenfreude.

Kaffeehaus an der alten Karawanserei Büyük Han in Nikosia (Lefkosia) Foto: Bildagentur Hube (picture-alliance)

Kaffeehaus im türkischen Teil von Nikosia: Keine Schadenfreude

Grund zum Lachen gäbe es für die Türken im Norden sowieso nicht, findet der gebürtige Nordzyprer Ilke Gürdal. Für ihn sei die Situation der Wirtschaft im Norden zwar besser als im Süden, blendend laufe sie jedoch auch nicht. Ihm tun die krisenbetroffenen Griechen im Süden leid. Solch eine Krise verdiene niemand. Ganz im Gegenteil - man müsse solidarisch handeln. Über diese Haltung diskutiere der 27-Jährige Promotionsstudent vor allem in jüngster Zeit immer häufiger in seinem Bekanntenkreis. Einige hätten nationalistische Anflüge und freuen sich sogar über die Staatspleite des Südens.

Die türkischen Nordzyprer sind mittlerweile glücklich darüber, kein Teil des Euro-Währungsraums zu sein. Stattdessen vertrauen sie auf die Stärke der türkischen Lira. Früher sei das anders gewesen, meint die türkische Publizistin und Zypern-Expertin Ayla Gürel. "Dem südlichen Teil ging es wirtschaftlich immer besser als dem türkischen Norden. Daher hat Nordzypern stets sehnsüchtig auf den südzyprischen Standard geschielt. Doch seit der Zypern-Pleite hat sich diese Haltung drastisch geändert. Natürlich freuen wir uns mittlerweile, dass wir im Jahr 2004 nicht vereinigt wurden. Ansonsten wären wir mit in die Krise gestürzt."

Die Rolle der Türkei

Trotz mangelhafter Beziehungen zwischen Nord und Süd gab es auch Zeiten, in die Inselteile zusammen gerarbeitet haben. So wie nach der Explosion eines Munitionslagers im Jahr 2011. Damals hatte die Republik Zypern regelmäßig mit Stromausfällen zu kämpfen. Nordzypern hatte sich daraufhin in einem Abkommen zu vorübergehenden Stromlieferungen verpflichtet. Diese Art von Zusammenarbeit sei vor allem in Krisenzeiten wichtig, meint Harry Tzimitras. Er ist Direktor des Peace Research Institute Oslo, das bereits im Friedensplan von 2004 eine vermittelnde Rolle zwischen den beiden Inselteilen Zyperns einnahm.

Nordzyperns Ministerpräsident İrsen Küçük Foto: Adem Altan (AFP)

Nordzyperns Ministerpräsident Küçük: Pläne für gemeinsame Wasserpipeline

Für Tzimitras seien die unterkühlten diplomatischen Beziehungen zwischen Nord- und Südzypern keine Lösung für den verschuldeten Süden. Er sähe Südzypern unter Druck, seine "Freundschaften" neu zu überdenken, nachdem es von einigen Staaten im Stich gelassen worden war. Das könne durchaus zu einer Annäherung mit der Türkei führen. Aber auch die Türkei müsse Bereitschaft zeigen, auf Südzypern zuzugehen, indem sie Häfen und Flughäfen für den südlichen Teil der Insel wieder eröffne. Beide Parteien müssen sich Mühe geben, doch eine Zusammenarbeit ist nicht einfach und laut Tzimitras momentan nur "Zukunftsmusik".

Gemeinsame Interessen

Dass Konfliktpotenzial vorhanden ist, hat sich erst kürzlich wieder gezeigt. Einer der Lösungsansätze, die Südzypern zur Überwindung der Staatspleite verhelfen könnte, wäre laut Experten die Ausbeutung der Aphrodite-Gasfelder in unmittelbarer Nähe der Insel. Doch die Türkei lässt den Süden dies nicht im Alleingang durchsetzen und beansprucht ein Mitspracherecht. Was der Süden wiederum nicht einsieht. "Das Thema gehört zu den am schwierigsten zu realisierenden Lösungen, obwohl hier die Zusammenarbeit zwischen Südzypern und der Türkei die größten Früchte tragen könnte", betont Tzimitras.

Eine weitere Möglichkeit, die der Ministerpräsident der Türkischen Republik Nordzyperns, İrsen Küçük, immer wieder vorschlägt, ist der für 2014 geplante Bau einer Wasserpipeline. Dadurch soll künftig Wasser aus der Türkei auf den nördlichen Teil der Insel gebracht werden. Auch der trockene Süden benötigt diese Art von Wasserversorgung. Wasser aus der Türkei will die südzyprische Regierung aber nicht haben.

Türkischer Teil von Nikosia Foto: Vladimir Izotov (DW)

Türkischer Teil von Nikosia: Krise als Motivation für Verhandlungen?

Auch wenn derartige Lösungsvorschläge nicht immer begrüßt werden - zumindest werde über mögliche Lösungen nachgedacht. Das wäre bisher undenkbar gewesen, meint der Grieche Tzimitras. "Sogar bei Lösungen die funktionieren und die für beide Seiten akzeptabel wären, müsste man vorsichtig vorgehen. Eine fast 40-jährige Geschichte kann nun mal nicht einfach über Nacht verändert werden."

Annäherung durch die Krise?

Für die südzyprisch-türkischen Beziehungen könne man durchaus etwas Positives aus der Krise ziehen, findet der türkische Zyprer Ilke Gürdal. So etwa die Einsicht der Südzyprer, dass eine Wiedervereinigung der Insel der vernünftigere Weg wäre. Für ihn ist klar: "Wenn wir uns damals vereinigt hätten, würde der Süden jetzt nicht in solch einer Klemme stecken. Vielleicht motiviert das die Südzyprer zu Verhandlungen mit der Türkei."

Die Türkei würde die Beziehungen mit dem Süden der Insel nur dann intensivieren, wenn die Regierung Südzyperns Norzypern als eigenständige Republik anerkennen würde. Doch dies würde nicht so schnell passieren, meint Zypern-Expertin Ayla Gürel. "Den Griechen könnte hier der Nationalstolz in die Quere kommen", sagt sie. Immerhin sähen die Griechen die Türken als Besatzer ihrer Insel, was eine Annäherung so gut wie unmöglich mache - zumindest in naher Zukunft.

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