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Wirtschaft

Die Töchter können es auch

135.000 Familienunternehmen suchen in den nächsten Jahren einen Nachfolger. Waren Töchter früher reine Notlösung, plant mittlerweile ein Drittel der Firmen mit einer Frau als Nachfolgerin - auch in der Industrie.

Mit einer Sachbearbeiterin-Stelle wollte sich Kerstin Zessin nicht zufrieden geben. Die gelernte Industriekauffrau wollte selbst entscheiden und etwas bewegen. Ihre Ausbildung hatte sie in einem Industrieunternehmen gemacht, das von einer Frau geführt wurde: Zessin gefiel es, wie die Chefin den Laden schmiss. Für sie stand früh fest, dass sie einen Betrieb übernehmen will - entweder den elterlichen oder einen anderen. Ihr Vater hatte in Much eine Firma aufgebaut, die Notstrom-Aggregate herstellt. Diese versorgen Krankenhäuser, Rechenzentren und Supermärkte mit Strom, wenn das Netz ausfällt. Kerstin Zessin stellte ihren Vater vor die Wahl: "Also entweder finden wir eine Entscheidung oder ich suche mir etwas, was ich übernehmen kann."

Anfang der 90er Jahre war die junge Frau schon für alles Kaufmännische zuständig, fuhr zu Baustellen, führte Vertragsverhandlungen und bildete sich weiter, um den Managementsaufgaben gerecht zu werden. 2006 kaufte sie den Betrieb ihren Eltern ab und führt ihn nun zusammen mit ihrem Ehemann. Ihr Unternehmen, die MAB Maschinen- und Aggregatenbau, hat 22 Beschäftigte und macht drei Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Zwei Millionen Jobs hängen von Nachfolgeregelung ab

Kerstin Zessin vor einem Notstrom-Aggregat, der ein ganzes Krankenhaus im Notfall versorgen kann (Foto: DW/ Jordanova-Duda)

Ihre Notstrom-Aggregate können im Notfall ein ganzes Krankenhaus versorgen: Kerstin Zessin

Ein mittelständisches Unternehmen, wie es sie in Deutschland zu Hunderttausenden gibt. Und rund 135.000 dieser Familienbetriebe werden bis 2018 einen Nachfolger suchen, hat das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn berechnet. Zwei Millionen Arbeitsplätze hängen von der erfolgreichen Übergabe an die nächste Generation ab. Mehr als die Hälfte der Inhaber wollen ihre Firma an ihre Kinder weiterreichen, der Rest sucht nach geeigneten Mitarbeitern und Externen.

Es gibt immer mehr ältere Unternehmer und immer weniger Nachwuchs, dennoch sieht Rosemarie Kay vom IfM keine Nachfolgelücke: "Rein rechnerisch übersteigt die Zahl der Menschen, die ein Unternehmen übernehmen wollen, bei weitem die Zahl der Unternehmen, die übergeben werden."

Traditionsgemäß kommen in Deutschland dabei eher die Söhne zum Zuge. Gab es keinen männlichen Nachfolger, musste entweder ein passender Schwiegersohn her oder es wurde ein Geschäftsführer angestellt. Heute findet man immer mehr Unternehmen in Frauenhand. Selten jedoch bereiten sich die Töchter so zielstrebig vor wie Kerstin Zessin. In der Regel springen sie in die Bresche, weil "Not am Mann" ist. Dennoch behaupten sie sich erfolgreich, selbst in vermeintlichen Männerbranchen wie der Metall- und Elektroindustrie. "Männliche Familienerben haben sich oft schon früh darauf eingestellt, haben die passende Berufswahl getroffen und Praktika in der Branche gemacht", erzählt Iris Kronenbitter, Leiterin der Bundesweiten Gründerinnenagentur (bga). "Auf der anderen Seite haben wir die Unternehmensnachfolgerinnen, die völlig fachfremd ins kalte Wasser gesprungen sind und sich danach weiterqualifiziert haben. Aber wenn man am Ende die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen verglichen hat, war kein Unterschied festzustellen."

Potenzial muss entdeckt werden

Nadine Schlömer-Laufen Unternehmensnachfolge

Schlömer-Laufen: "Töchter müssen es sich zutrauen"

Heute gebe es die am besten qualifizierte Frauengeneration aller Zeiten, so Kronenbitter. Frauen sind viel selbstverständlicher berufstätig, auch wenn sie Kinder haben. Männer akzeptieren nun eher erfolgreiche Partnerinnen an ihrer Seite. Alles gute Voraussetzungen, dass die Töchter gleichberechtigt übernehmen. Jedes Jahr führt die Gründerinnenagentur einen bundesweiten Aktionstag unter dem Motto "Nachfolge ist weiblich" durch, um auf dieses Potenzial aufmerksam zu machen.

"Es hängt allerdings nicht nur von der Elterngeneration ab, sondern auch von den Töchtern", sagt Nadine Schlömer-Laufen vom IfM: "Sie müssen sich die Rolle zutrauen und sich selbst darin bestärken. Ich denke, dass sich im Laufe der Zeit auch die Rollenbilder verändern werden."Aber letztendlich treffen die Alteigentümer die Entscheidung. Rosemarie Kay und Nadine Schlömer-Laufen haben im vergangenen Jahr untersucht, ob das Geschlecht des Firmeninhabers dabei von Bedeutung ist. Und tatsächlich: "Mütter nehmen Töchter mit einer größeren Wahrscheinlichkeit, wohingegen Väter mit einer deutlich größeren Wahrscheinlichkeit Söhne als Nachfolger auswählen", sagt Kay. Aus dem einfachen Grund: Man sucht sich denjenigen aus, der einem ähnlich ist.

Neuer Stil unter der neuen Chefin

Iris Kronenbitter von der bundesweiten gruenderinnenagentur (bga) (Foto: privat)

Kronenbitter: "Am besten qualifizierte Frauengeneration aller Zeiten"

Der Vater hat viel gefordert und kaum gelobt, jedoch ihr auch Vieles zugetraut, erzählt Kerstin Zessin. Heute macht sie Einiges anders. Vor allem ist der patriarchalische Führungsstil passé. "Es wird mehr im kollegialen Team zusammen besprochen, wird überlegt, wie können wir eine Lösung finden", sagt sie. Außerdem hat sie modernisiert. "Mein Vater hat viel an alten Dingen festgehalten. Und ich weiß, dass er häufig die Faust in der Tasche gemacht hatte, nach dem Motto: Was hat sie da wieder weggeschmissen? Was hat sie da schon wieder gekauft?" Aber er habe sich an die Vereinbarung gehalten: Die neue Eigentümerin trägt nun die Verantwortung und er darf ihr nicht reinreden.

Inzwischen ist Kerstin Zessin bald 50 Jahre alt und denkt über ihre eigene Nachfolge nach. Ihre Kinder sind noch Teenager und neben ihrem Schreibtisch aufgewachsen. Aber das Unternehmerdasein sei kein Zuckerschlecken. "Ich mag den Betrieb, mag die Maschinen, die wir herstellen. Für mich sind das alles kleine Babys und wenn so ein kleines Baby den Hof verlässt, denke ich immer: Super!" Andererseits müsse man manchmal bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten, den Aufträgen hinterher laufen und den enormen Schriftverkehr bewältigen. "Ich weiß nicht, ob man diese Verantwortung, die man für sich, für den Betrieb, für die Mitarbeiter hat, wirklich so weitergeben will", sagt die resolute Chefin. "Aber es muss ja irgendwo weitergehen."

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