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Kultur

Die Suche nach der Wahrheit auf Visa-TV

Premiere in Deutschland: Zum ersten Mal überträgt das Fernsehen die Arbeit eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Am Montag steht Hauptdarsteller Außenminister Fischer vor der Kamera. Hollywood statt Berlin?

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Mehr Transparenz? Politik im Fokus der Fernsehkameras

Die große Frage der neuen "Reality-Soap": Haben Außenminister Joschka Fischer und Ex-Staatsminister im Auswärtigen Amt, Ludger Volmer, durch die Erleichterung der Visa-Vergabe indirekt illegalen Menschenhandel gefördert? Klären soll das der Visa-Untersuchungsauschuss - durchgehend live übertragen von Phoenix, dem Dokumentationskanal von ARD und ZDF.

Zwischen Substanz und Inszenierung

Neben der Wahrheitsfindung kommt dem Untersuchungsausschuss damit nun zum ersten Mal eine zweite Aufgabe zu: Die Zuschauer sollen sich direkt ein Bild über Schuld oder Unschuld ihrer Politiker machen können. Ein zwiespältiger Vorgang, sagt Thomas Meyer, Politologe an der Universität Dortmund und Autor des Buches "Mediokratie - Die Kolonisierung der Politik durch die Medien". Politik sei immer auch inszeniert, sagt Meyer.

"Wir leben in einer Mediendemokratie und es ist Aufgabe der Medien, das, was an Inszenierungen kommt, sichtbar zu machen." Die Live-Übertragung des Visa-Ausschusses sei dabei ein weiterer Schritt der Mediatisierung der Politik. "Jetzt kommt es darauf an, dass sowohl die Medien als auch die Zuschauer lernen, vernünftig damit umzugehen." Das Verhältnis von Substanz und Inszenierung müsse für den Zuschauer erkennbar werden - eine Einordnung bei der ihm laut Meyer die Journalisten helfen müssen.

Ludger Volmer sagt im Visa-Untersuchungsausschuss aus

Politik zum Hingucken: Ludger Volmer

Mehr Transparenz

Lutz Erbring, Kommunikationswissenschaftler an der Freien Universität Berlin, schätzt die neue Öffentlichkeit bei einem Untersuchungsausschuss durchweg positiv ein. "Politik ohne Inszenierung geht gar nicht. Das ist ein Märchen, und Inszenierung ist auch überhaupt nicht schädlich." Nur unehrlich dürfe diese Inszenierung nicht sein. "Aber die Leute sind nicht dumm; die merken das, wenn es nicht ehrlich ist", sagt Erbring.

Immer wieder sprechen Medienkritiker vor einer "Amerikanisierung" der Politik. Eine Befürchtung, mit der Erbring nicht viel anfangen kann. "Ich schätze Fernsehübertragungen als einen Gewinn an Transparenz ein." In den USA wurden schon Anfang der 1950er-Jahre die McCarthy-Anhörungen von vermeintlichen Kommunisten im Fernsehen übertragen. "Das hat mit dafür gesorgt, dass der McCarthy-Spuk nach einer gewissen Zeitspanne vorbei war", sagt Erbring. Dass sich US-Politiker der Medienpräsenz bewusster seien als deutsche Politiker und sich dementsprechend verhielten, hält er für ein weit verbreitetes Vorurteil.

Hoffnung auf die deutschen Medien

Ein wichtiger Unterschied zwischen den USA und Deutschland liegt für Meyer allerdings in der verschiedenen Medienlandschaft in beiden Ländern. Während in den USA privat-kommerzielle Medien vorherrschen, spielen in Deutschland öffentlich-rechtliche Medien eine wichtige Rolle. Der Haupteinfluss der Präsentation von Politik gehe heute von den Massenmedien aus, erklärt Meyer. "In den Gesellschaften, wo die privat-kommerziellen Medien die Politik beherrschen, herrscht entsprechend auch ein rein medialer inszenatorischer Politikstil vor." Deshalb hätten Argumente und Inhalte in den USA einen schweren Stand, sagt Meyer. In Deutschland könne die Übertragung von Untersuchungsauschüssen wegen der öffentlich-rechtlichen Medien und der Mediengesetzgebung kritischer und informativer werden als in den USA, hofft der Politologe.

Bisher war die Visa-Verhandlung tatsächlich alles andere als ein durchinszenierter Polit-Krimi. Das könnte sich mit der Anhörung von Joschka Fischer am Montag (25.4.2005) ändern. Er gilt als erfahrener Medien-Akteur, der bei den Zuschauern eher Emotionen hervorrufen dürfte als der sachliche Ludger Volmer. Verpackung auf Kosten von Inhalt? Abwarten bis zum Hauptfilm.

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