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Politik & Gesellschaft

Die Suche nach der Dose

Geocaching ist Freizeitspaß in der Natur - für Kinder wie für Erwachsene. Immerhin fünf Millionen Menschen weltweit machen Jagd auf "Schätze", die meist in Dosen stecken. Ein GPS-Gerät weist den Weg.

"Noch 1000 Meter", flüstert Gulrak vom Beifahrersitz aus in einem konspirativen Tonfall, als ginge es darum, in absehbarer Zeit einen wertvollen Schatz zu heben. "Noch 500 Meter". Die Spannung steigt. Keinem der drei Geocacher in dem Kleinwagen ist nach Reden zumute. Gulrak hält sein GPS-Gerät fest in der rechten Hand umklammert, während Sulaika67 das Tempo ihres PKW drosselt. "Hier müsste es sein", glaubt Sulaika67 und stoppt das Auto am Straßenrand auf freier Strecke. Herbaculum signalisiert, nach einem Blick auf ihren elektronischen Kompass, vom Rücksitz aus Zustimmung. Die Koordinaten, die sie im Internet gefunden haben, weisen diese Stelle als Fundort aus.

Suchen und Finden machen gute Laune

Mini-Tagebuch, in das der Finder des Geocaches, seinen Namen, den Zeitpunkt des Fundes und einen Kommentar einträgt. Foto: Karin Jäger/ 20.09.2012, Rechtefrei für DW.

Erfolgserlebnis: Eintrag ins Logbuch

Es ist stockdunkel, als das Trio zielstrebig auf die Hinweistafel zusteuert, die hier für ortsunkundige Touristen angebracht wurde. Höchstwahrscheinlich sind um diese Zeit keine "Muggels", ahnungslose Wanderer, unterwegs, die das seltsame Treiben beobachten oder den Schatz stibitzen könnten. So erklimmt Sulaika67 unerschrocken einen Absatz, um die Oberkante der Tafel abtasten zu können. Herbaculum gleicht noch einmal die Koordinaten aus dem Internet, die sie ausgedruckt in der rechten Hand hält, mit ihrem Navigationsgerät ab: N 59° 26.921 / E 007° 24.881.

Text: Passionierte Geocacher: (von links) Doris Gutsmiedl-Schümann, Steffen Schümann, Susanne Laubisch vor einer Kulisse in Norwegen. Foto: Karin Jäger, 20.09.2012, Rechte an DW freigegeben.

Cacher Gutsmiedl-Schümann, Schümann, Laubisch (v.l.)

Im Umkreis von zehn Metern müsste der Cache versteckt sein. Gulrak leuchtet mit seinem Handy die Tafel rund herum ab. "Hab ihn", ruft Sulaika67 freudig erregt und reicht ein anthrazitfarbenes Behältnis, kaum größer als eine Streichholzschachtel, zu ihren Kameraden herunter. Gulrak bleibt es vorbehalten, die banale Dose, in der früher einmal ein Fotofilm untergebracht war, zu öffnen. Dann "loggt" er, trägt die Namen der Geocacher und das Datum ein, um den Fund zu protokollieren. Anschließend deponiert Sulaika67 die Filmdose wieder am ursprünglichen Fundort, ehe die Drei gutgelaunt ihre nächtliche Fahrt ins Urlaubsquartier fortsetzen.

Herbaculum, Gulrak und Sulaika67 sind Nicknames, Pseudonyme. Im wahren Leben heißen sie Steffen Schümann, Doris Gutsmiedl-Schümann und Susanne Laubisch, haben sich Tage zuvor in Norwegen kennengelernt und festgestellt, dass sie das gleiche Hobby verbindet. Schon am nächsten Tag zieht es sie wieder hinaus, um weitere Caches zu finden, die laut Internetportalen wie "geocaching" oder "opencaching" hier in der abgelegenen Gegend versteckt wurden.

Bildtext: Steffen Schümann und Doris Gutsmiedl-Schümann suchen den Cacher.Steffen Schümann tastet dafür die Unterseite eines Geländers ab. Foto: Karin Jäger, 20.09.2012, rechtefrei für DW

Wo liegt, hängt oder haftet der "Schatz"?

Moderne Schnitzeljagd – nicht nur für Kinder

Geocaching ist eine Zusammensetzung aus dem griechischen Wort "Geo" für Erde und dem englischen Begriff "Cache" für "geheimes Lager". Geocaching erfreut sich seit gut zehn Jahren wachsender Beliebtheit, seit das US-Militär die Nutzung des GPS zu zivilen Zwecken erlaubte.

Steffen Schümann, Hobby-Geocacher, mit GPS-Gerät und einem Plan, auf dem Geocaching-Ziele der Umgebung vermerkt sind. Foto: Karin Jäger/ 20.09.2012, Rechtefrei für DW.

Steffen Schümann mit Caches-Anleitung

Das satellitengestützte globale Navigationssystem GPS (Global Positioning System) ist die Basis für die "Schatzsuche". Dass die ganze Welt voll von Geocaches ist, erfährt, wer sich im Internet registriert. Die Zahl der Verstecke nähert sich der Zwei-Millionen-Grenze. Allein in Deutschland kann man mehr als 260.000 Caches entdecken. Und wer an Flughäfen oder Bahnhöfen warten muss, kann sich durchaus die Zeit mit diesem Freiluft-Orientierungs-Spiel vertreiben.

Einzelne Landkarten oder Suchpunkte von Regionen, die man erkunden will, kann man sich auf das GPS-Gerät oder ein Smartphone herunterladen, die Beschreibungen zu den Zielen ausdrucken und dann die Schnitzeljagd eröffnen. Oft sind die Zettel, die als Logbücher dienen, in denen der Besuch eingetragen wird, in einer wasserdichten Box oder einem verschlossenen Glasbehälter deponiert. Manchmal stecken die Logbücher in Möbeltresoren oder hohlen Attrappen, die Steinen oder Tannenzapfen ähneln. Andere Caches reflektieren und sind nur bei Dunkelheit zu erkennen.

Auf der Suche nach dem Schatz dreht Steffen Schümann einen Stein um. Foto: Karin Jäger/ 20.09.2012, Rechte für DW freigegeben.

Beim Suchen werden auch Steine umgedreht

Manche Gegenstände werden zum Tausch oder zum Weitertransport versteckt. Viele Geocacher suchen nicht nur, sie legen als "Owner" oder Eigentümer selbst Caches an, verwalten und betreuen sie. Als Herbaculum und Gulrak heirateten, ließen sie eine Münze prägen, die sie in einem Cache auf der Insel Helgoland deponierten mit der Anweisung, den Silberling an einem anderen Ort zu platzieren und am alten Ort in seinem Logbuch ein Foto zu hinterlassen. Seither reist das Stück als "Travelbug" um die Welt. Im Internet können sie verfolgen, wo sich ihre Münze gerade aufhält.

Lukratives Geschäft mit neuen Zielgruppen

Fünf Millionen Cacher gibt es weltweit - Tendenz steigend. Und damit wächst auch der Markt für die Ausrüstung. In speziellen Geocaching-Shops finden Mitglieder alles, was sie zur Schnitzeljagd brauchen - und mehr. An Stammtischen tauschen sie sich aus. Agenturen organisieren für Kunden aus dem privaten Bereich GPS-Touren zum Junggesellenabschied wie zum Vereinsausflug. Teilnehmer an Schnitzeljagden, die von Firmen organisiert werden, erhalten nebenbei Werbemittel.

Jörg Bertram, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Wanderjugend; Copyright: privat

Jörg Bertram, Deutsche Wanderjugend

Tourismuszentralen und Hotels verleihen Navigationsgeräte und Anleitungen zur selbstständigen Erkundungstour. Touristiker haben im Geocachen ein Potential für die Zukunft entdeckt, denn der Mensch ist instinktiv ein Jäger und Sammler geblieben. Jeder fünfte Wanderer nutzt bei Touren ohnehin keine Landkarten mehr zur Orientierung, sondern ein GPS-Gerät oder ein Smartphone mit Kompass-Funktion. Damit können Weglängen, Höhenmeter und Geschwindigkeiten gemessen und an andere Internet-User weitergegeben werden. Jugendherbergen bieten gerade jetzt in der trüben Jahreszeit Wochenenden für Familien an, um beim Geocaching "Abenteuer vor der Haustür" zu erleben. Ganz nebenbei erfahren Kinder beim Heimatkunde- und Natur-Unterricht Wissenswertes über die Örtlichkeiten und die Umwelt. Jörg Bertram, Geschäftsführer der Deutschen Wanderjugend, glaubt, junge Leute durchs Geocaching zum Wandern motivieren zu können. Er schätzt am Geocaching, dass Tugenden wie Teamfähigkeit gefördert werden. Seine Organisation unterstützt die Bewegung. "Man entdeckt beim Suchen oft Orte, die in keinem Reiseführer zu finden sind, das macht Spaß", nennt Bertram einen der Gründe, die ihm zum Caching bewegen.

Auftanken und neue Wege gehen

Audio anhören 05:31

Interview mit Jörg Bertram, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Wanderjugend

Auch Gulrak und Herbaculum freuen sich immer, wenn ein neuer Cache eingetragen wird, der sie zum Suchen animiert. So bekommt der Programmierer nach der Arbeit am Computer den Kopf frei. Und seine Frau, die als Archäologin nach historisch wertvollen Gegenständen gräbt, freut sich, wenn sie zur Abwechslung mal etwas ganz Banales entdeckt.

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