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Stadtbilder

Die Studenten der ältesten Universität Deutschlands

Sie sind aus dem Stadtbild nicht wegzudenken: die 33.000 Studenten, die an der Heidelberger Uni eingeschrieben sind. Ihr Ansehen war in der Vergangenheit stets hoch, doch ihr Verhalten nicht immer vorbildlich …

Alte Universität in Heidelberg, Baden-Württemberg, Deutschland

Universität in Heidelberg Deutschland

In Heidelberg steht die älteste Universität Deutschlands. Kurfürst Ruprecht I. hat sie 1386 gegründet und wäre wohl sehr stolz darauf gewesen, dass sie heute zu den renommiertesten Deutschlands zählt. Ihre Studenten hatten in den vergangenen Jahrhunderten einen besonderen gesellschaftlichen Status in der Stadtbevölkerung, und sie waren sich dessen durchaus bewusst. So schrieb der Komponist Robert Schumann 1829: „Der Student ist die erste und angesehenste Person in und um Heidelberg, welches einzig von ihm allein lebt“.

Bereits zu dieser Zeit galt Heidelberg als hervorragende Universität, deren Professoren im Vormärz oft liberal eingestellt waren. Die Idee von einem deutschen Nationalstaat mit konstitutioneller Ordnung begeisterte auch zahlreiche Studenten, von denen sich viele in sogenannten Burschenschaften organisierten. Damals galten diese Studentenverbindungen mit ihrer nationalen Ausrichtung als fortschrittlich, heute werden sie wegen ihrer häufig reaktionären Anschauungen kritisch gesehen.

Mehr noch als für ihr politisches Engagement zeichneten sich die Burschenschaften aber stets durch ihre eigenartige Bräuche aus: So veranstalteten sie zum Beispiel illegale Fechtkämpfeund waren stolz auf die Schnittwunden in ihren Gesichtern. Um die sogenannte „Schmisse“ für immer sichtbar zu machen, gossen manche sogar Rotwein darauf. Das Fechten war auch einer der häufigsten Gründe für die Inhaftierung im Studentenkarzer der Universität. Denn die musste ihre Studenten selbst für deren Vergehen bestrafen. Dafür hatte sie bereits seit 1545 eigene Gefängnisräume.

Zwar waren die Zellen feucht und kalt, doch durften die Inhaftierten zu Vorlesungen gehen, Besucher empfangen, sich Essen liefern lassen und sogar Alkohol trinken. Und sie waren stolz auf ihre Inhaftierung, was an den zahlreichen Zeichnungen, Schnitzereien und Schriften an den Wänden des Studentenkarzers zu erkennen ist. Neben den Wappen und Uniformen ihrer Verbindungen verewigten die Studenten hier auch die Gründe für ihre Inhaftierung: Sie tranken zu viel Alkohol, störten die nächtliche Ruhe der Bürger, traten Laternen aus und beleidigten Polizisten. Fast vier Jahrhunderte lang saßen Heidelberger Studenten im Karzer die Strafe für ihre Vergehen ab, bis das Gefängnis 1914 geschlossen wurde.

Heute zählt die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg etwa 33.000 Studierende und über 10.000 Beschäftigte. Bekannte Heidelberger Studenten waren zum Beispiel die Philosophin Hannah Arendt, die Schriftstellerin Anna Seghers oder der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Zehn Professoren der Universität sind mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden – zuletzt 2008 der Mediziner Harald Hausen.


Glossar

Kurfürst/in, der/die
– eine Person des Adels, die früher den deutschen Kaiser wählte

renommiert – berühmt; so, dass man einen guten Ruf hat

Status, der – hier: die Stellung; das Ansehen

Vormärz, der – in Deutschland die Zeit von 1815 bzw. 1830 bis zur Revolution 1848, die gekennzeichnet war durch revolutionäre und →liberale politische Ideen

liberal – hier: so, dass sich jemand für mehr Demokratie, Freiheit und einen Rechtsstaat einsetzt

konstitutionell – mit einer Verfassung

Burschenschaft, die – eine Gruppe von männlichen Studenten mit bestimmten Regeln

reaktionär – sehr konservativ; so, dass man eine alte Ordnung behalten oder zurückhaben möchte

Anschauung, die – hier: die Meinung

jemand zeichnet sich durch etwas aus – hier: jemand ist bekannt für etwas

Brauch, der – etwas, das man bei bestimmten Gelegenheiten immer wieder tut, weil es Tradition ist

illegal – verboten

Fechtkampf – der Kampf, bei dem zwei Personen mit langen Waffen aus Metall gegeneinander antreten

Inhaftierung, die – der Vorgang, bei dem man festgenommen und in einem Gefängnis eingeschlossen wird

Karzer, der – der Gefängnisraum in einer Universität oder Schule

Zelle, die – der kleine Raum in einem Gefängnis

Vorlesung, die – hier: eine Lehrveranstaltung an der Universität

Schnitzerei – das Formen von etwas mit einem Messer

Wappen, das – ein Zeichen, das symbolisch für eine bestimmte Person oder Personengruppe steht

etwas verewigen – hier: dafür sorgen, dass etwas für eine sehr lange Zeit sichtbar bleibt

Laternen austreten – gegen Lampen auf der Straße treten, bis sie nicht mehr leuchten

Nobelpreis, der – ein internationaler Preis für Menschen, die etwas Wichtiges geleistet haben


Autorin: Anne Gassen
Redaktion: Ingo Pickel

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